Kaiserslautern
Theaterstück über Amerikaner in der Pfalz
In der Pfälzer Mundart, die von Sprachforschern zu den rheinfränkischen Dialekten gezählt wird, gibt es die sogenannte Verdumpfung des langen A zum O: Sprache wird zur Sprooch, Schaf zu Schoof, Haar zu Hoor, schlafen zu schloofe und Handkäse zu Hondkees. Das muss man wissen, wenn man den Text des neuen Theaterstücks „Die Ommi“ liest.
Es geht nämlich mitnichten um eine Großmutter, sondern um den Plural des Amerikaners. Ein einzelner US-Bürger ist in der Westpfalz der Ommi, zwei und mehr sind folglich „die Ommi“. Und so heißt auch das Mundartstück in vier Akten, das der Autor Karl-Heinz P. Kohn soeben veröffentlich hat.
Häuslebauer und Pazifisten
Im Mittelpunkt stehen also die Amis in der Pfalz, genauer gesagt um ihre Präsenz seit 1945. Womöglich mehr als anderswo hat der „American Way of Life“ das Alltags-, Gesellschafts-, Wirtschafts- und Kulturleben der Pfälzer beeinflusst und dauerhaft verändert. Zivilbeschäftigte des Militärs sowie vor allem Mietherren und Häuslebauer verdanken den Amerikanern einigen Wohlstand. Derweil stellen sie für Antimilitaristen, Pazifisten und Umweltschützer nach wie vor ein rotes Tuch dar.
Den Einfluss der US-Präsenz in der Pfalz haben Wissenschaftler untersucht, Journalisten aufgezeigt und Künstler verarbeitet, zuletzt im Fernseh-Sechsteiler „Ein Hauch von Amerika“, der in der Pfalz spielt, aber in der Eifel gedreht wurde und kein Tönchen Pfälzer Mundart hören lässt. Das ist im Bühnenstück von Karl-Heinz P. Kohn anders. Da wird durchgängig Pälzisch geredd, gebabbelt und gesprooch(t).
Abkehr vom Klamauk-Klischee
Allerdings will der Autor keineswegs das Klischee bedienen, ein Dialektstück müsse automatisch durch derbe Kraftausdrücke für Klamauk sorgen. „Ich will Mundart ohne Schenkelklopfen“, sagt Kohn. „Es geht um Authentizität.“ Indem er die Chronik einer westpfälzischen Familie über fünf Jahrzehnte aufrollt, zeigt er verborgenen Rassismus auf, chauvinistisch-nationalistische Überheblichkeit, den Wandel sozialer Gepflogenheiten, aber auch materielle Gier und die durchaus käufliche Bereitschaft zur „Fraternisierung“.
Die einzelnen Aspekte dieser Amerikanisierung der Pfalz personalisiert Kohn in den verschiedenen Mitgliedern der Familie Bauer. Sie arbeiten für ungekannt hohe Löhne auf der Militärbasis; vermieten zu überteuerten Preisen und schimpfen auf „Neger“, Rock’n’Roll, Petticoats und Hamburger; heiraten in der Hoffnung auf ein neues Leben in den Staaten und kehren enttäuscht zurück. Irgendwann müssen sie sich eine Meinung bilden zu Friedensbewegung, Abrüstung und Konversion.
Lehren aus der Begegnung
All das wird in der Familie Bauer, ihrer Freund- und Nachbarschaft diskutiert und durchlebt. Die „Ommi“ selbst treten nie auf, obwohl sich um sie alles dreht. Für Stückeschreiber Kohn „lautet doch die Frage: Hat man aus dem Zusammenleben und aus dem Zusammenprall der Kulturen etwas gelernt?“
Er kann die Frage an sich selbst richten. Karl-Heinz P. Kohn wurde 1960 in Kaiserslautern geboren. Wie er sagt, wuchs er „in der größten US-Kommune außerhalb der Vereinigten Staaten“ auf. Seine Eltern – der Vater Dreher, die Mutter Verkäuferin - waren als Flüchtlinge in die Pfalz gekommen. Da weiß man, was Heimatgefühl, Ausgrenzung und Identität bedeuten. Kohn teilte sich eine 50-Quadratmeter-Wohnung mit zwei Geschwistern und den Eltern.
Geschehen hautnah miterlebt
Nach der Schule arbeitete er zunächst in der Verwaltung der Heidelberger Uni, studierte dann Politik, Anglistik, Germanistik „und viel drumrum“. Nebenbei jobbte er jahrelang „in einer der ersten McDonald-Filialen in Deutschland und erfuhr auch sonst einiges vom deutsch-amerikanischen Zusammenleben in der Westpfalz“.
Seit 2009 arbeitet der Politologe, der inzwischen wieder in Kaiserslautern lebt, als Dozent an der Mannheimer Hochschule der Bundesagentur für Arbeit. Die Liste seiner Publikationen ist lang. Unter anderem schreibt er über Migration und Integration, Arbeitsvermittlung und -förderung, außerdem Kommentare zum Sozialrecht. „Die Ommi“ ist sein erstes Bühnenstück.
Im Abstand eines Vierteljahrhunderts
Kohn hat es binnen einer Woche von Hand in einem Heidelberger Café niedergeschrieben – und zwar vor 25 Jahren. „Damals war das große Thema die 50-jährige US-Präsenz in der Pfalz“, erinnert er sich. „Ich habe viele eigene Eindrücke verarbeitet und wollte grundsätzliche Mechanismen aufzeigen, etwa Nationalismus, Schuld und Selbstgerechtigkeit, das Minderwertigkeitsgefühl der Pfälzer, auch den ,Culture Clash’.“
Nach der Niederschrift legte Karl-Heinz P. Kohn seine „Ommi“ zunächst in die Schublade - bis im vergangenen Herbst die ARD-Serie im Fernsehen lief. „Die Ausstrahlung war der Anlass, das Stück hervorzuholen und zu veröffentlichen“, sagt der Autor. „Dass zahlreiche inhaltliche Motive gemeinsam sind, liegt in der Natur der historischen Sache.“
Allerdings gibt es nach 25 Jahren eine Ergänzung: „Das Buch ist zweisprachig, denn ich habe den Text ins Hochdeutsche übersetzt.“ Das könnte dabei helfen, dass Theaterdirektoren, Dramaturgen und Regisseure „Die Ommi“ alsbald auf die Bühne bringen. Beim Pfälzer Publikum dürfte das Stück durchaus ankommen.
Lesezeichen
Karl-Heinz P. Kohn: „Die Ommi - Die Amerikaner. Ein westpfälzisches Drama in vier Akten“. Zweisprachig in Mundart und Hochdeutsch. 120 Seiten, gebunden. Books on Demand, 18 Euro (auch als E-Book erhältlich).