Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Poetry Slam im Kasino der Kammgarn

Haben eine Bühne für Wortartisten in der Kammgarn ins Leben gerufen: Phriedrich Chiller (links) und Markus Becherer, bekannt als
Haben eine Bühne für Wortartisten in der Kammgarn ins Leben gerufen: Phriedrich Chiller (links) und Markus Becherer, bekannt als die »Fabelstapler«.

„Kamm ON!“ – und zwar zügig! Denn schon bald gibt es wieder eine Bühne für die Lautrer Poetry Slammer. Die Slam-Poeten Markus Becherer und Phriedrich Chiller – in der Szene auch bekannt als die „Fabelstapler“ – haben in Zusammenarbeit mit der Kammgarn eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen: den „Kamm ON! Poetry Slam“. Das Duo erklärt die Idee dahinter und seinen neuen Verein für alle mutigen Dichter und Denker.

„Wir wollen der Poetry Slam-Szene in Kaiserslautern neues Leben einhauchen“ – das ist die Vision von Markus Becherer und Philip Seiler – Künstlername: Phriedrich Chiller. Denn der Poetry Slam ist längst kein Nischenprodukt der Kultur mehr. In Großstädten wie Berlin, Hamburg und Köln hat sich der Dichterwettstreit auf der Bühne schon vor Jahren als Publikumsmagnet etabliert. Ein Format, das ganze Meisterschaften ins Rollen bringt und mittlerweile sogar auch in Fußballstadien Platz findet.

In Kaiserslautern war der Poetry Slam viele Jahre auf der kleinen Bühne – beziehungsweise dem kleinen Brett auf einem Billardtisch – im alten Benderhof zuhause – vierteljährig veranstaltet vom Kultur.Kollektiv. Und immer wieder platzte die Raucherkneipe aus allen Nähten, wenn die lokalen und regionalen Wortakrobaten aller Altersstufen ihre selbst geschriebenen Texte auf die Menge losließen. Zu der Slam-Elite im Lautrer Benderhof gehörten jahrelang auch die beiden rheinland-pfälzischen Poetry Slam-Meister Becherer und Chiller höchstselbst, die die Slams nicht nur organisiert und moderiert haben, sondern nicht selten auch als Teilnehmer mitmachten.

Workshops auch an Kaiserslauterer Schulen

Zwar sind beide keine Original-Lautrer – Markus stammt aus Ludwigshafen und lebte zehn Jahre in „K'Town“ und Phriedrich kommt aus Heidelberg –, haben aber immer ein Herz für die Kaiserslauterer Kultur. Vor ein paar Jahren haben sich die Beiden aus beruflichen Gründen in Mannheim niedergelassen. Und genau dort gründeten sie jetzt auch den Verein „Sprechreiz“. Das dazugehörige gleichnamige Projekt ist schon ein paar Jährchen älter und startete in Karlsruhe. Mit dem Projekt bietet das Duo Poetry Slam-Workshops an Schulen in Kaiserslautern und Baden-Württemberg an – vorrangig an Realschulen Plus. „Wir möchten den Schülerinnen und Schülern eine Stimme und eine Bühne für ihre eigenen Gedanken geben“, sagt Becherer. „Durch den Workshop möchten wir den Rahmen des Deutschunterrichts sprengen und die kommunikativen Kompetenzen der Schüler fördern.“ Und zwar mit einer Mischung aus Sprach- und Theaterpädagogik.

„Wir sind nämlich fest davon überzeugt, dass die Jugendlichen durch das Spiel mit der Sprache nicht nur ihre Art zu reden verfeinern, sondern auch ihre sozialen Kompetenzen aufpolieren können, indem sie sich ein selbstsicheres Auftreten und Artikulieren vor Menschen antrainieren.“ Das sei gerade an Schulen mit vielen Geflüchteten, die die deutsche Sprache erst kennenlernen, sehr gefragt. Denn: „Die sprachlichen Fähigkeiten der Jugendlichen sind der Schlüssel für ihr weiteres gesellschaftliches Leben – beruflich und privat“, fügt Seiler hinzu. Deshalb dürfen mutige Freiwillige am Ende jedes Workshops ihre Werke nicht nur vor der eigenen Klasse präsentieren, sondern bei einer großen Abschluss-Veranstaltung vor über 100 Zuhörern – darunter auch Freunde und Angehörige – vortragen.

Vier Profis zu Gast auf der Kasino-Bühne

2019 fand das Projekt zum ersten Mal in Kaiserslautern statt – davor vier Jahre lang in Karlsruhe. 300 Schüler an acht Realschulen Plus konnte das Duo mit dem Projekt erreichen – gefördert von lokalen und regionalen Sponsoren. Aus dem Projekt wurde nun ein Verein, der die Workshops weiterhin in die Klassenräume und gleichzeitig verschiedene Poetry Slam-Veranstaltungen auf die Bühnen in ganz Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg bringt.

In Kaiserslautern wollen Becherer und Seiler das Format Poetry Slam endgültig von der Raucherkneipe auf die eigens kreierte „Wortbühne“ der Kammgarn holen – ursprünglich wäre die in der Schreinerei angesiedelt, corona-bedingt geht es aber nun ins wohnzimmerhafte Kasino. Zur Premiere haben die Organisatoren vier Profi-Wortkünstler aus dem deutschsprachigen Raum eingeladen und bieten vier weitere Plätze für „lokale Wortmatadoren“ und bislang unentdeckte Talente an. Die Kammgarn-Besucher erwartet ein straffes Verbalgefecht zwischen acht Wort-Giganten.

Nur mit eigenen Texten vors Publikum

Erlaubt ist alles, von Lyrik und Prosa über Comedy und Rap bis hin zur klassischen Kurzgeschichte oder einem privaten Tagebucheintrag. „Poetry Slam ist für mich in erster Linie Persönlichkeit und Vielfalt – sowohl was die Texte betrifft als auch das Einzugsgebiet und das Alter der Teilnehmer“, sagt Markus klar und deutlich. „Jeder Mensch und jeder Text hat Platz auf der Bühne.“ Die wichtigste Regel: Die Texte müssen selbstverfasst sein – Kopien von Goethe und Schiller sind also disqualifiziert. Die restlichen Regeln sind einfach: Auf der Bühne dürfen keine Requisiten oder Kostüme genutzt werden, jeder Teilnehmer hat sechs Minuten Redezeit – bei Überlänge wird abgepfiffen – und das Publikum entscheidet via Applaus über den Sieger des Abends, der oder die mit einem „Goldenen Kamm“ geehrt wird.

Spontan-Artisten sind ebenfalls willkommen, sofern einer der vier lokalen Slots noch offen ist. „Voranmeldungen wären uns aber lieber“, empfiehlt Becherer. „Generell gilt: Es gibt vier offene Plätze für Kaiserslautern und die werden definitiv besetzt“, stellt Seiler klar. Denn die Zeit, um seine Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen und auf einer Live-Bühne rauszuhauen, war wohl nie besser als jetzt. Das Event als Stream anzubieten, kam für Seiler und Becherer nicht infrage: „Poetry Slam lebt von der Nähe zum Publikum, von der Interaktion mit den Menschen“, begründet Markus, „natürlich unter Einhaltung der Corona-Auflagen.“

Keine Hutspenden, sondern Eintritt

Alle, die nicht auf, sondern vor der Bühne ihre Plätze beziehen, zahlen Eintritt. Damit will das Organisatoren-Duo den auftretenden Künstlern eine feste Gage garantieren – und auch das „Upgrade“ vom Benderhof ins Kasino finanzieren. „Es sind ja doch einige tolle Künstler auf dem Plan, die von außerhalb kommen“, erklärt Markus. „Früher im Benderhof ging alles über Hutspenden und da mussten wir immer bangen, ob wir denen am Ende auch die Fahrtkosten und Unterkunft aus den Spenden bezahlen können. Das wollen wir nun ein bisschen anders machen.“

Eines steht fest: „Der ,Kamm ON!' Poetry Slam' soll eine Marke werden und bisher unentdeckten Talenten auch die Möglichkeit bieten, sich für die rheinland-pfälzischen Meisterschaften zu qualifizieren“, so Chiller. Wer es bis dahin schafft, entscheiden die rund 130 erlaubten Kasino-Besucher. Für interessierte Schreibathleten lautet die Devise: „Come on!“ – oder „Kamm ON! Traut euch auf die Kammgarn-Wortbühne und lasst Goethe und Schiller alt aussehen!“

Info

  • „Kamm ON! Poetry Slam“ am Mittwoch, 11. November, 20 Uhr, im Kasino der Kammgarn, Anmeldungen per E-Mail an markus@sprechreiz.org
  • Infos unter www.sprechreiz.org, unter dem Facebook-Event „Kamm ON! Poetry Slam“ oder auf Instagram unter @sprechreiz_slam

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