Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Literaturkenner Theo Schneider startet VHS-Podcast

Vom Radio ins Internet: Bücherfex Theo Schneider, porträtiert vom Lauterer Fotokünstler Jörg Heieck.
Vom Radio ins Internet: Bücherfex Theo Schneider, porträtiert vom Lauterer Fotokünstler Jörg Heieck.

Bücher zum Hören haben sich längst durchgesetzt. Nach Walkman und MP3 sind jetzt Podcasts angesagt. Die Lauterer Volkshochschule (VHS) bietet „regionalliterarische Gehörgangschmeichler“ an. Konzipiert und moderiert wird das Internet-Forum von Theo Schneider, einem der weit und breit profundesten Literaturkenner.

40 Jahre ist es her, dass die VHS den „Literaturdienstag“ einrichtete. In Zusammenarbeit mit dem (gleichfalls eindrucksvoll) belesenen Buchhändler, -kenner und -liebhaber Morphy Burkhart von der „Blauen Blume“ fanden im Zink-Museum vier- bis sechsmal jährlich Autorenlesungen mit namhaften Schriftsteller(inne)n statt, unter ihnen die nachmalige Nobelpreisträgerin Herta Müller.

Als der Erfolg nachließ, etablierte die VHS gemeinsam mit Theo Schneider das samstägliche „Literaturfrühstück“, das in den Räumen der Pfalzbibliothek stattfand. Deren Träger, der Bezirksverband, gibt außerdem die Literaturzeitschrift „Chaussee“ heraus, die von Schneider ersonnen und jahrelang redaktionell betreut wurde. In diesem Jahr ist er ausgestiegen, die Zukunft des ambitionierten Periodikums scheint derzeit offen.

Bücher zur Zeit: „Die Pest“ und „Stadt der Blinden“

Corona und die diversen „Lockdowns“ bescherten dem „Literaturfrühstück“ ein allzu frühes Ende, obwohl es mitunter bis zu 40 Anmeldungen gab. „Aber die Reihe war hervorragend gelaufen und längst etabliert“, sagt VHS-Leiter Michael Staudt. „Deshalb wollten wir auf jeden Fall eine Alternative zu Präsenzveranstaltungen.“ Eine digitale Lösung lag nahe, ein kompetent-routinierter Macher stand in Theo Schneider ohnehin zur Verfügung.

Der 69-jährige Bücherfex aus Sulzbachtal ist ein echter „Homme de lettres“. Rezensionen, Autorenporträts und Beiträge zur regionalen Literaturgeschichte waren ein Schwerpunkt seiner jahrzehntelangen Arbeit für den SWR-Hörfunk. Darüber hinaus ist er als Lyriker und Fernsehautor hervorgetreten, unter anderem mit einem vielbeachteten Film über den kürzlich verstorbenen Schriftsteller und Befreiungstheologen Ernesto Cardenal.

Vom Frühstück ins Netz

Bei der Suche nach einem digitalen Ersatz fürs „Literaturfrühstück“ wurde die Idee einer Liveübertragung im Internet rasch verworfen. Stattdessen setzen Schneider, Staudt und VHS-Kulturmitarbeiter Johannes Schmitt auf eine jederzeit abrufbare akustische Mediendatei: den „Literaturpodcast“.

Das Konzept ist laut Staudt „das Ergebnis von Überlegungen, wie Bücher, Autoren und literarische Themen in Zeiten von Corona präsentiert werden können“. Schneider will „hauptsächlich aktuelle und historische literarische Themen aus Rheinland-Pfalz“ behandeln: „Insbesondere soll gezeigt werden, dass die Region Zentrum von Weltliteratur ist.“

Aktuelles und Historisches

Daher will er in Gesprächen und Lesungen vor allem Neuerscheinungen vorstellen. Daneben lenkt er die Aufmerksamkeit auf „wichtige aktuelle literarische Ereignisse, aber auch historische Themen oder Erinnerungen an verstorbene Autoren“.

Im Herbst 2020 gingen die ersten Beiträge ins Netz. Passenderweise geht es um Albert Camus’ „Pest“ und „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago. Weitere Podcasts sind (kur-) pfälzischen Autoren wie Thomas Lehr, Walter Landin, Hans Thill und der 1987 gestorbenen Lina Staab gewidmet, für Schneider eine „zu Unrecht vergessene Schriftstellerin von höchster literarischer Qualität“. Auch die französische Renaissance-Lyrikerin Louise Labé wird per Podcast der Obskurität entrissen.

Kompetente Kollegen im Boot

In den 40- bis 60-minütigen Beiträgen diskutiert Schneider mit Experten, Gleichgesinnten oder den Autor(inn)en selbst über Leben und Werk, Rezeption und Bedeutung, Aktualität und Sujet. SWR-Kollegin Kerstin Bachtler und Übersetzer Ralph Dutli stellen die russische Lyrikerin Marina Zwetajewa vor. Mit dem Literaturwissenschaftler Gunther Nickel spricht er über Carl Zuckmayer, mit Geistesbruder Morphy Burkhart über Erich Fried.

Erst seit einer Woche ist Schneiders Rencontre mit Christoph Peters online, der seinen neuen „Dorfroman“ vorstellt. Neben diesen Gesprächsrunden gibt es außerdem kurze Extras - etwa mit dem saarländischen Poeten und Baudelaire-Übersetzer Simon Werle - sowie aktuelle Kostproben von zeitgenössischen Pfälzer Autorinnen wie Monika Geier und Ute-Christine Krupp.

„Ein Amalgam aus Gefühl und Intellekt“

„Wann immer es möglich ist, soll der jeweils vorgestellte Autor auch dabei sein“, sagt Schneider. Bislang werden die Podcasts in Räumen des Schneckenhausener SWR-Technikers Karl Haffner aufgezeichnet. Schneider würde aber „auch gern auf Tour gehen“, etwa ins Künstlerhaus Edenkoben oder zu literarischen Preisverleihungen in Pirmasens und Koblenz.

„Die Connections habe ich und Radio kann ich“, stellt er selbstbewusst fest. Und ergänzt: „Die Landessender haben die eigenen Literatursendungen ja komplett abgeschafft. Wir schließen da eine echte Lücke.“ Der nächste Podcast ist dem Thema „1700 Jahre jüdisches Thema in Deutschland“ gewidmet. Anschließend will Schneider die 1851 erschienene „Freischärlerin“ des Lauterers F. A. Karcher vorstellen: „Das ist nicht nur ein fantastisches Buch, sondern auch Dokumentarliteratur“, weiß er. „Es enthält die Reden, die nach der Revolution damals in der Fruchthalle gehalten wurden.“

Die Ideen gehen Theo Schneider also nicht aus. Was aber bedeutet Literatur für den Literaten? Er überlegt lange, sagt dann: „Literatur ist ein Amalgam aus intellektuellem und emotionalem Vergnügen. Lesen spricht nie nur den Kopf und nie nur den Bauch an.“

Info

Im Internet auf der Seite www.podcastliteratur.de.

Außerdem kostenlos zu abonnieren auf Spotify, I-Tunes und Soundcloud, Stichwort jeweils „Podcast Literatur VHS KL“.

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