Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Kaiserslautern: Kammgarn-Chef Richard Müller freut sich über Solidarität in der Kulturszene

Sieht die Kammgarn mit großenProblemen konfrontiert: Richard Müller.
Sieht die Kammgarn mit großenProblemen konfrontiert: Richard Müller.

Vor massiven Problemen steht in Corona-Krisenzeiten auch die Kammgarn. Das International Jazz Festival etwa soll in den August verschoben werden. Wie das Kulturzentrum über die Runden kommen will, hat Walter Falk im Interview mit Kammgarn-Chef Richard Müller erörtert.

Herr Müller, welche Probleme ergeben sich für Ihr Haus mit der vorläufigen Schließung?
Die Problemfelder sind sehr unterschiedlich, aber massiv. Es müssen circa 55 Veranstaltungen und Vermietungen in die zweite Jahreshälfte übertragen werden. Dies, obwohl das zweite Halbjahr schon gebucht war. Wir müssen ja bis Ende Juli schließen. Ein weiteres Problemfeld sind die Finanzen: viele Ausgaben, aber keine Einnahmen. Das ist ein ernstes Problem. Es heißt jetzt, an einer Überlebensstrategie zu arbeiten.

Erwartet die Kammgarn massive finanzielle Einbußen? Fürchten Sie eventuell sogar eine Insolvenz? Was wären die Folgen?
Eine Insolvenz befürchte ich nicht, aber harte Zeiten. Die Politik, die ich in diesem Zusammenhang einmal sehr loben möchte, tut nun alles, um ein solches Insolvenzrisiko abzufedern. Da habe ich auch vollstes Vertrauen in unseren Staat. Kultusministerium, Stadt und, vielleicht, auch die Aufsichtsbehörde ADD haben die Problematik auf dem Schirm und wollen Hilfsprogramme entwickeln.

Finanzielle Einbußen haben wir natürlich in hohem Maße. Wir sind ein Haus, das auf Kartenverkauf und Vermietungseinnahmen extrem angewiesen ist. Wir leben zu einem Großteil von diesen Einnahmen. Da unterscheiden wir uns total von den Theatern, deren Einspielquote durch Kartenverkauf und Vermietung zu vernachlässigen ist.

Was ist mit Ihren Mitarbeitern und was mit den Auszubildenden? Machen sie in dieser Zeit nun Kurzarbeit?
Wir diskutieren gerade Kurzarbeit für Mitarbeiter. Zunächst aber müssen alle Urlaubsansprüche für 2020 genommen werden. Die Azubis haben das Problem, dass zur Zeit keine Prüfungen stattfinden. Das ist ebenfalls schwierig.

Werden die ausgefallenen Veranstaltungen verschoben? Oder fallen sie ganz aus? Wie sieht es dann mit den Verträgen aus?
Die Szene ist sehr solidarisch und bemüht sich, alles möglich zu machen. Was wir in die zweite Hälfte des Jahres verschieben können, verschieben wir. Das sind bisher circa 80 Prozent der Veranstaltungen, und dies, obwohl fast alle Künstler in Tourneen eingebunden sind.

Die Vermietungen, ein wesentlicher Einnahmefaktor für uns, können noch nicht geplant werden. Da es sich um höhere Gewalt handelt, sind wir vertraglich nicht gefordert. Wir arbeiten aber sehr fair mit allen unseren Künstlern und Agenturen zusammen und haben bisher keine Probleme erfahren.

Aber die Folge der Verschiebungen ist natürlich, dass die zweite Jahreshälfte knallvoll wird und man mit Einbußen bei den Kartenverkäufen rechnen muss. Es ist übers Jahr gesehen mit einem hohen Verlust zu rechnen. Die nächste wieder „normale“ Saison wird es wohl erst in der zweiten Hälfte 2021 geben.

Wie sieht es mit dem Jazzfestival aus? Falls es verschoben wird, dann wieder mit denselben, bereits für April angekündigten Musikern?
Das Jazzfestival soll vom 6. bis 8. August über die Kammgarn-Bühnen gehen. Wir versuchen, die Künstler zu halten – es ist aber auch möglich, dass wir einige austauschen müssen. Das Jazzfestival aber wird stattfinden, ebenso das Festival der Kulturen „Sound of the World“, das ursprünglich für den 18. bis 20. Juni geplant war. Grundsätzlich sind wir glücklich darüber, dass wir durch den Ausbau der Schreinerei eine dritte Bühne haben, auf die wir ausweichen können. Jeder gebuchte Künstler aus dem ersten Halbjahr soll die Möglichkeit erhalten, seine Gage zu erspielen. Die Kammgarn ist ja ein Arbeitgeber für die Freie Szene, und diese Arbeitsplätze müssen unbedingt erhalten werden.

Können im Vorverkauf bereits erworbene Eintrittskarten zurückgenommen werden? Wird das Eintrittsgeld zurückerstattet?
Natürlich wird das Eintrittsgeld für ausgefallene Veranstaltungen zurückgezahlt. Das kann aber etwas dauern. Für Veranstaltungen, die verschoben werden, behalten die Karten ihre Gültigkeit. Oder sie können zurückgegeben werden. Näheres dazu ist, immer aktuell, auf unserer Internetseite www.kammgarn.de zu erfahren.

Was ist mit der Gastronomie in Ihrem Haus? Die hat ja momentan auch keine Einnahmen.
Die Gastronomie hat es natürlich besonders schwer. Für sie wird es sehr, sehr hart.

Andere Konzertveranstalter appellieren an ihre Kunden, das bereits gezahlte Geld für Eintrittskarten nicht zurückzuverlangen, weil dann dem Haus eventuell ein Ruin drohe. Spielt die Kammgarn ebenfalls mit diesem Gedanken?
Ja, es wäre natürlich sehr schön, wenn Menschen auf die Rückerstattung verzichten und auf diese Weise ihre Solidarität mit der Kammgarn ausdrücken würden.

Wie sehen Sie die allgemeine Situation in unserem Land?
Die Solidarität innerhalb der Szene tut sehr gut, wie auch die in unserem Land. Auch in der Politik sehe ich sehr viel Empathie und Bestreben, die Situation in den Griff zu bekommen. Das lässt mich optimistisch in die Zukunft blicken.

Das ist doch mal eine positive Antwort nach all diesen Horror-Nachrichten der letzten Tage. Herr Müller, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Sieht die Kammgarn mit großenProblemen konfrontiert: Richard Müller.
Sieht die Kammgarn mit großenProblemen konfrontiert: Richard Müller.
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