Kaiserslautern
IESE: Wissenschaft für den Rettungsdienst
Wie kann die Digitalisierung im Rettungsdienst sinnvoll eingesetzt werden? Das ist eine der Fragen, mit denen sich Thomas Luiz am IESE beschäftigt. Dort ist er medizinischer Projektleiter des Deutschen Zentrums für Notfallmedizin und Informationstechnologie (DENIT), das das rheinland-pfälzische Innenministerium rund um die Digitalisierung im Rettungsdienst berät. Luiz bringt dabei seine praktische Erfahrung als Notfallmediziner am Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern ein, wo er regelmäßig im Rettungsdienst im Einsatz ist.
Eines seiner Spezialgebiete ist die Telemedizin. „Da passiert in Deutschland gerade ungemein viel“, berichtet der Mediziner. Vor allem Aachen sei ein Vorreiter, dort sei bereits einiges an telemedizinischen Systemen im Einsatz. Doch auch in Rheinland-Pfalz schreitet die Digitalisierung im Rettungsdienst voran. „Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch sinnvoll“, schränkt Luiz ein. Manches könne jedoch ein echter Gewinn sein – so wie die Möglichkeit, EKG-Werte direkt aus dem Krankenwagen heraus in die Klinik zu übertragen, diese dort auszuwerten und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Dies spiele gerade bei Herzinfarkten eine wichtige Rolle: „Große Studien zeigen, dass sich Kliniken besser auf die gezielte Behandlung von Patienten vorbereiten können, je früher sie sein EKG sehen“, schildert Luiz. Die entsprechenden Vorbereitungen könnten früher in Gang gesetzt werden und so die Zeit bis zum notwendigen Kathedereingriff um bis zu 25 Prozent reduziert werden. Dies könne bei den Patienten die Lebensqualität nach einem Herzinfarkt erhöhen. Denn je länger der Infarkt unbehandelt bleibe, um so mehr Herzmuskelzellen sterben ab. „Zeit ist Herzmuskel“, bringt es Luiz auf den Punkt. Neben den EKG-Werten können auch die Werte von Blutdruck und Puls direkt vom Standort des Patienten an die Klinik übertragen werden und ermöglichten so eine erste Einschätzung des Zustands des Patienten. Sind die Werte übermittelt, erfolgt ein sogenanntes „Kardiologisches Telekonsil“, indem die Klinik Rücksprache mit dem Rettungsdienst vor Ort halte. „Je schneller eine Diagnose gestellt wird und je schneller eine Zielklinik feststeht, desto schneller kann der Patient behandelt werden“, sagt Luiz.
2018 ging das Projekt des rheinland-pfälzischen Innenministeriums in der Westpfalz an den Start, seit 2022 seien alle Rettungsfahrzeuge im Land mit der entsprechenden Technologie ausgestattet, schildert Luiz. Die Übertragung erfolge nicht fortlaufend, sondern einmalig, erklärt Luiz. In den allermeisten Fällen reiche die Netzabdeckung in ganz Rheinland-Pfalz zur Übermittlung der Datenpakete aus, es gebe nur in einzelnen Regionen kurze Lücken. Seit Projektstart habe es zwischen 14.000 und 15.000 Kardiologische Telekonsile gegeben.
Allein das Westpfalz-Klinikum decke als Kardiologisches Zentrum ein Einzugsgebiet mit rund 500.000 Einwohnern ab, pro Tag gebe es etwa drei Patienten mit Herzinfarkt, die in die Kaiserslauterer Klinik kämen. Doch nicht nur bei der Diagnose, auch bei der Disposition von Patienten seien die übermittelten EKG-Werte nützlich, sagt Luiz. Sie könnten dabei helfen, die Patienten auf die verschiedenen Kliniken zu verteilen, dass sie gut versorgt werden. Denn würden alle Patienten automatisch in einer bestimmten Klinik eingeliefert, würde diese überlastet.
Das IESE und der Rettungsdienst
Das Fraunhofer IESE wird vom Ministerium des Innern und für Sport des Landes Rheinland-Pfalz – der obersten Rettungsdienstbehörde – regelmäßig bei Digitalisierungsprojekten im rheinland-pfälzischen Rettungsdienst mit der Projektleitung oder der Leitung interdisziplinärer landesweiter Arbeitsgruppen betraut. Die Aufgaben sind vielfältig – sie reichen von Anforderungsanalysen der unterschiedlichen Nutzergruppen über die wissenschaftliche Begleitung von Pilotprojekten bis hin zur Weiterentwicklung laufender Projekte. So prüfen die Wissenschaftler des Fraunhofer IESE unter anderem, ob bestehende Softwarelösungen in Frage kommen und unterstützen bei der konkreten Umsetzung. Das Ziel sind landeseinheitliche Standards.