Fussball
„André ist ein Supertyp“
André Hainault sitzt auf dem Trainingsfahrrad im Fitnessraum auf dem Fröhnerhof, tritt in die Pedale und sieht glücklich aus. Einen Tag zuvor hat er das Oberligateam gegen den SV Gonsenheim als Kapitän aufs Feld geführt, hat mit ihm einen 1:0-Sieg erkämpft. Die Achillessehne zwickt ein bisschen, aber das kennt er aus seiner langen Zeit als Profi. Ist nichts Besonderes, geht wieder weg.
Mit 19 nach Tschechien
„Manchmal merke ich doch, dass ich schon 34 bin“, sagt er, grinst und ist einfach nur froh, dass er so lange und auch weiterhin das machen kann, was er schon immer am liebsten machen wollte. Mit 19 Jahren verließ er für den Fußball seine Heimat Kanada, ging nach Tschechien, arbeitete als Innenverteidiger bei FK Banik Most in der ersten tschechischen Liga. Es war der Beginn einer langen Reise, die ihn über Sparta Prag zurück zu Most, weiter nach Houston, über Ross County nach Deutschland zum VfR Aalen, zum 1. FC Magdeburg und schließlich 2018 zum 1. FC Kaiserslautern führen sollte.
Der Knackpunkt
Hainault brauchte ein bisschen, bis er ankam. Er spielte erst mal nicht, war verletzt, dann kam ein neuer Trainer, er stand die ersten fünf Spiele nicht im Kader. Das DFB-Pokalspiel gegen Nürnberg war dann sowas wie der Knackpunkt. Der Innenverteidiger spielte plötzlich von Anfang an, der FCK gewann 8:7 nach Elfmeterschießen, und seitdem gehörte er fest zum Kader, war Stammspieler. Dann der Termin mit Boris Schommers und Boris Notzon und die Ernüchterung. „Ich weiß, ich bin nicht mehr der Jüngste, und ich wollte wissen, wie die Kaderplanung für die nächste Saison aussieht“, erzählt der Kanadier. Der zugibt, dass er schon erstmal verdauen musste, was er da erfuhr, aber sich auch freute, als ihm der Trainer und der Sportdirektor erklärten, dass sie ihn gerne im Verein behalten würden, vielleicht in einer anderer Rolle.
Stand-by-Profi
Die Idee war, er solle parat stehen für den Fall, dass sich ein Profi verletzt und er bei der ersten Mannschaft einspringen muss. Und er solle seine Erfahrung an anderer Stelle einbringen, bei der U21 unter Alexander Bugera, den er als Co-Trainer kennt. Und er könnte dann nach und nach auch selbst in den Trainerbereich reinwachsen.
Nicht von 100 auf 0
Hainault dachte nach, und die Idee gefiel ihm. „Ich wollte von Anfang an hier bleiben. Ich fühle mich wohl in Kaiserslautern, meine Familie auch. Die Frage war, wenn ich anderswohin in die Dritte Liga wechsle, was ist dann danach?“, berichtet er abgeklärt. Sein Berater riet ihm dazu, bei dem Verein zu bleiben, der ihm eine Zukunftsperspektive bietet, was nicht selbstverständlich sei. Hainault hörte auf sein Herz. Für ihn war klar, er wollte im Fußball bleiben, wollte nicht von 100 auf 0. Er wollte nicht wieder umziehen. Und letztendlich spielten dann auch so Dinge eine Rolle wie die, dass seine Frau und seine Kinder sich wohlfühlen in der Stadt, hier Freunde gefunden haben. Seine Frau Catrin hat ihm trotzdem die Entscheidung überlassen.
Der Liebesbeweis
Sie war damals mit 19 aus Kanada zu ihm nach Tschechien gezogen. „Wir waren erst ein paar Monate zusammen, dann hat sie mich für ein paar Wochen besucht und hat gesagt, dass sie bleibt, hat alles aufgegeben.“
Seit 2012 sind die Beiden verheiratet, haben eine Tochter und einen Sohn. Milane ist sechs, Elsine fünf. Seine Tochter kommt jetzt in die erste Klasse und hat schon die vierte Kita hinter sich. Seine Frau versteht sich gut mit den anderen Spielerfrauen, jobbt inzwischen in einem Cafe, die Familie wohnt in der Stadt und fühlt sich wohl. Und Hainault bleibt realistisch: „Ich bin 34 und spiele immer noch Fußball. Ich habe immer noch Spaß, bin zufrieden, das ist nicht selbstverständlich.“
„Klasse Jungs“
In seine neue Rolle muss er erst noch reinwachsen. „Ich lerne jeden Tag Neues“, sagt er, und seine Augen strahlen. Der Kanadier mag den „Vollgas-Liverpool-Fußball“, den Alexander Bugera der U21 beibringt. Er mag die Jungs, und es stört ihn nicht, dass die meisten im Schnitt 15 Jahre älter sind als er. „Es macht Spaß mit ihnen. Du sagst was zu ihnen und merkst, sie sind konzentriert, passen auf. Das sind klasse Jungs, die laufen, kämpfen, haben Qualität“, lobt er seine neue Mannschaft. Eine Sonderrolle wollte er dort nie haben. „Ich wollte nix Spezielles, will einer von den Jungs sein, versuche Verständnis für die jungen Spieler zu haben, versuche, ihnen zu helfen.“ Er will ihnen beibringen, wie wichtig es ist, auf dem Boden zu bleiben. „Es geht so schnell im Sport. Du kriegst eine Chance, und dann läuft es“, weiß er aus Erfahrung.
Der Kapitän
Beim Oberligaspiel am Mittwoch gegen Gonsenheim trug er die Kapitänsbinde, scharte die Mannschaft um sich, stand als Sechser auf dem Feld und gab immer wieder ein paar ruhige Kommandos. Er wusste, dass das Spiel schwer werden würde, dass die Profis, die sonst aushelfen, diesmal nicht dabei sind, dass Costa Fath lange nicht gespielt hat und wieder reinkommen muss. Dass mehrere Jungs im Kader letztes Jahr noch A-Jugend gespielt haben.
Die Rolle
„André hat eine wichtige Rolle in diesem System“, weiß Alexander Bugera, der den 34-Jährigen von seiner Zeit als Co-Trainer bei den Profis kennt und ihn für genau diese Rolle haben wollte, die er selbst schon mal in der zweiten Mannschaft hatte. „Es ist schön zu sehen, wie er mit den Jungs umgeht, mit welchem Ehrgeiz er sich reinhängt“, schwärmt der ehemalige FCK-Profi von seinem Kapitän, für den die Binde zwar eine Ehre ist, der aber nicht darauf besteht, sie zu tragen. „Ich mache meinen Job auch ohne Binde“, sagt Hainault. „Er ist ein Supertyp“, findet Bugera.
Der „Supertyp“ steht zwischen seiner Elf auf dem Feld, gibt ihr das Gefühl von Sicherheit, arbeitet für sie, und alle arbeiten für ihn. Er bringt ihnen bei, dass Fehler passieren dürfen und wie man mit ihnen umgeht. Er zeigt ihnen, dass sie kämpfen müssen, holt sie runter, wenn sie sich aufregen und eine Gelbe Karte droht.
Zwischen den Welten
Ein bisschen lebt André Hainault noch zwischen den Welten. „Ich war beim Mannschaftsfoto dabei und beim Teambuilding der Profis.“ Wenn sie ihn brauchen, ist er da und macht seine Arbeit, sagt er, konzentriert sich aber auf seinen neuen Job, mit dem er sehr zufrieden ist. „Ich versuche, von Bugi zu lernen.“
Ganz vorstellen kann er sich im Moment noch nicht, selbst eine Mannschaft zu trainieren. „Ich bin Nachbar von Boris Schommers, sehe, wann er wegfährt und wann er heimkommt. Ich bin noch zu jung für den Job, habe ein bisschen Angst davor“, sagt er und meint damit auch Respekt vor der Aufgabe, die er aber angehen will. „Ich versuche zu lernen, step by step. Als Erstes brauche ich die B-Lizenz, dann kommt der nächste Schritt“, sagt Hainault und tritt weiter in die Pedale, um fit zu sein für den nächsten Auftritt mit der U21 gegen Eintracht Trier.
