Kaiserslautern
Ärztlicher Bereitschaftsdienst ist umstrukturiert: Erst anrufen, nicht gleich hinfahren
Grund für die bundesweite Umstrukturierung ist der Ärztemangel, erläutert die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Einerseits gehen in den nächsten Jahren vermehrt Ärzte in Ruhestand, während viele jüngere nur noch in Teilzeit arbeiten, andererseits steigt der Anteil der älteren Bevölkerung und damit der Bedarf an medizinischer Versorgung. In Rheinland-Pfalz fehlen laut KV zudem im Bundesvergleich viele Medizinstudienplätze, und das Land leistete sich „überdurchschnittlich viele ungenutzte Arztarbeitszeiten in Ärztlichen Bereitschaftspraxen“.
So erwirtschaftete der Bereitschaftsdienst in Rheinland-Pfalz „ein jährliches Defizit in Höhe von rund 20 Millionen Euro, trotz Einnahmen aus den Behandlungen und Zuschüssen der Krankenkassen“, informiert die KV. Ausgleichen müssen dies die Vertragsärzte „mit einer Umlage von aktuell je 3240 Euro jährlich“.
Filterung am Telefon
Deshalb wurde das System gestrafft. Ein wesentlicher Schritt ist die Vorsortierung per Telefon: Der Patient kann nicht mehr einfach in einer der Bereitschaftpraxen aufschlagen – die an den Kliniken in Kaiserslautern, Kusel, Landstuhl, Pirmasens angesiedelt sind, wie der Leiter des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes Ulrich Frankenberger für die Region aufzählt. Stattdessen muss er die 116 117 wählen und wird von Personal „mit medizinischer Berufsausbildung, zum Beispiel Medizinischen Fachangestellten oder Rettungssanitätern“ nach seinen Beschwerden befragt, wie KV-Sprecher Stefan Holler sagt. Nach dieser „strukturierten medizinischen Ersteinschätzung“ bekommt er entweder die nächste Bereitschaftspraxis genannt, einen Hausbesuch angekündigt oder muss sich bis zur regulären Praxiszeit gedulden. In „lebensbedrohlichen Fällen, für die eigentlich der Rettungsdienst 112 zuständig ist, wird der Patient an die Notaufnahme im Krankenhaus verwiesen oder die Rettungsleitstelle wird zur sofortigen Hilfe informiert“, ergänzt Frankenbergers Kollegin Corinne Benzing.
Im zweiten Reform-Schritt wurden die Bereitschaftsdienstbereiche vergrößert, um die Dienststunden der Ärzte zu verringern. Die Größe der Regionen gibt die KV nicht an, „für Patienten sind entsprechende Einteilungen nicht relevant“, heißt es lediglich auf Nachfrage. 43 Bereitschaftspraxen gibt die KV aktuell landesweit an. Frankenberger stellt im Vergleich zu früher fest, dass jetzt „ein Arzt aus Kaiserslautern auch mal Dienst in Landstuhl oder Kusel hat“. Vor der Reform war die Koordinierung der Dienste seine Aufgabe; „das übernimmt jetzt Kollege Computer“, verweist auf den Online-Kalender, „in den jeder Arzt Wunschzeiten sowie Ausschlusszeiten eintragen kann“. Frankenberger muss nun nur noch kontrollieren, ob der Plan gefüllt ist.
Ein Arzt nur für Hausbesuche
Die letzte Stufe der Reform, die in der Pfalz im November 2021 umgesetzt wurde, ist die Einrichtung eines Hausbesuchsdienstes. Dieser Schritt hat für die Patienten den Vorteil, dass „es nicht mehr passieren kann, dass sie in die Bereitschaftspraxis kommen und lange warten müssen, weil der Arzt gerade zu einem Besuch nach Enkenbach aufgebrochen ist“, nennt er ein Beispiel. Denn ein Arzt ist ausschließlich für die Hausbesuche abgestellt, während einer bis zwei in der Praxis seien: „Einer hat dort 24 Stunden Dienst, ein zweiter deckt die Kernzeiten tagsüber zusätzlich ab.“ Für den Kollegen im 24-Stunden-Hausbesuchsdienst samt Fahrer steht laut Frankenberger eine Wohnung gegenüber vom Klinikum zur Verfügung, in der er auch schlafen kann. Für den Arzt im „Sitzdienst“ ergibt sich damit der Vorteil, dass er „eventuell in der Praxis schlafen kann, wenn nichts los ist, weil er nicht zu Einsätzen raus muss“. Damit rechnen könne man jedoch nie: „Die Dienste sind ganz unterschiedlich: Mal ist man die ganze Zeit beschäftigt, mal ist nichts zu tun.“ Jeder Dienst müsse auf einem Laptop dokumentiert werden; neben der Pauschale gibt es laut Frankenberger Zuschläge für Einsätze.
Längere Wege
Da die Bereiche vergrößert und „die Dienstzeiten von kleinen Bereitschaftsdienstpraxen wie Landstuhl gekürzt wurden, sind die Wege für Patienten länger geworden“, benennt der Allgemeinmediziner eine Auswirkung der Reform. Genauso hat der Arzt im Besuchsdienst nun weitere Strecken zurückzulegen.
Die schon Anfang 2020 installierte Service-Nummer 116 117 wird laut KV zu 37 Prozent für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst genutzt – der nach Drücken der Taste 1 erreicht wird –, der Rest der Anrufer wünscht allgemeine Beratung, hat Fragen zu Corona oder sucht einen Arzt. Anrufe beim Bereitschaftsdienst führen zu einem guten Drittel zu Hausbesuchen, zu einem Drittel zu Behandlungen in der Bereitschaftsdienstpraxis, das knappe restliche Drittel ist telefonische Beratung. Mit „Schneller als ein Frühstücksei“ wirbt die KV, dass Anrufer im Schnitt 3,25 Minuten in der Leitung auf ein Gespräch warten, das durchschnittlich 4,25 Minuten dauere.
Um herauszufinden, wie die Reform beim Bürger ankommt, hat die KV Rheinland-Pfalz eine repräsentative Forsa-Umfrage durchführen lassen. Danach befürworten 70 Prozent die Reform, und sogar 94 Prozent halten die 116 117 als zentrale Rufnummer für sinnvoll. Allerdings kennen nur 56 Prozent die 116 117. 62 Prozent sind laut der Umfrage überzeugt, dass sich die medizinische Versorgung ohne die Reform verschlechtern würde, nur zwei Prozent glauben, dass sie sich ohne Reform verbessern würde.