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Samstag, 17. November 2018 Drucken

Kaiserslautern: Kultur Regional

Wenn sich der Spieltrieb zum Orkan auswächst

Die Frankfurter Thomas Bachmann Group gastiert im Jugend- und Programmzentrum Steinstraße 47

von Reiner Henn

Jazzige Impulse im Jugendzentrum (von rechts): Thomas Bachmann, Ralf Cetto, Uli Schiffelholz.

Jazzige Impulse im Jugendzentrum (von rechts): Thomas Bachmann, Ralf Cetto, Uli Schiffelholz. ( Foto: VIEW)

Eine der interessantesten Formationen des Modern Jazz aus dem Großraum Frankfurt trat in der Reihe „Jatz im Jutz“ mit der Thomas Bachmann Group am Donnerstag im Jugendzentrum auf. Doch während das minimalistische Trio mit einem Maximum an spielerischem Potenzial und Ausdrucksmöglichkeiten im Großraum Rheinhessen und zuletzt auch in Saarbrücken die Säle füllt, scheint – nach dem verhaltenen Besuch zu urteilen – in Lautern die Resonanz rückläufig.

Dabei hätte der Saxophonist und Spiritus Rector der Combo, Thomas Bachmann, den überaus vielen Bläser der Region bei örtlichen Musikvereinen sicherlich etliche Impulse geben können: Auf Sopran- und Tenorsaxophon hat der seit 1995 als Dozent an der Musikhochschule Mainz im Fachbereich Jazz wirkende Virtuose eine alle Grenzen überschreitende und auflösende Spielweise kreiert.

Die meisten der Eigenkompositionen stammen von ihm. Er erfindet originelle Themenkomplexe, die er in kühnsten Improvisationsteilen und in geschmeidiger Eleganz seiner tadellosen und souveränen Grifftechnik durchführt. Er tut dies in Läufen, die Harmonien auflösen und so klassische Hörgewohnheiten durchbrechen. Und die stets den ganzen Tonraum seiner Instrumente durchlaufen und dies mit absolut sicherer Tonansprache in allen Registern. Bachmann schenkt sich nichts, er sucht entlegene Ton- und Taktarten auf (so fünfer und siebener Taktarten), notiert nur akribisch die Themenverläufe, lässt viel Spielraum für spontane Umsetzung. Nach der Art von Sonny Rollins löst Bachmann seine Improvisationen und Episoden zunehmend von der Thematik ab, bringt Sequenzen in Assoziationsketten ein, die ungemeine Spannung durch den pulsierend wirkenden Elan verbreiten.

Der Verzicht auf einen „Tastendrücker“ für Harmoniefüllung und Überleitungen erklärt sich durch die künstlerische Persönlichkeit des Bassisten. Seit 2001 hat Ralf Cetto ebenfalls an der Mainzer Hochschule einen Lehrauftrag. Und seit mittlerweile 15 Jahren hat dieses Trio seinen Stil kultiviert, wonach auf eine sechssaitige Bassgitarre auch solistisch wie eine Leadgitarre gespielt wird und daneben perkussiv und auch als Harmoniefüller mit gegriffenen und arpeggierten Akkorden. Auf dem Kontrabass beherrscht er das Pizzicato-Spiel bis in den höchsten Daumenaufsatz im wahnsinnigen Double-Time, setzt aber auch das Instrument wie ein Cello gestrichen bei melodischen Kantilenen in der sonoren Tenorlage ein.

Und Schlagzeuger Uli Schiffelholz kann stilsicher mehrere Rhythmen gleichzeitig so durchführen, dass sie sich zwar überlagern, aber dennoch den Grundbeat eisern einhalten. Er hielt alles mit Übersicht und den auflockernden Breaks zusammen. Jeder ist also eine Klasse für sich, zusammen sind sie in dieser perfekten Synchronisation eine Klasse für sich.

In den Eigenkompositionen spiegeln sich in sublimierter Form künstlerische Schaffensprozesse als Reaktion auf soziologische und philosophische Fragestellungen: So setzen sich Musikstücke mit dem Phänomen „Zeit“ und Zeitgeist auseinander, andere greifen Sprichwörter auf wie „Spatz in der Hand“. Dabei haben diese Aufführung eine Eigendynamik, entwickeln sich aus kleinsten Keimzellen zum Orkan an Spieltrieb.

Und wenn schon gecovert wird, bei einem Standard wie „Royal Garden Blues“ etwa, dann aber nur als Anregung. Was Bachmann auf dem quirligen Sopran-Saxophon daraus an kühnen Umspielungen macht, ist der helle Wahnsinn. Manchmal ist der Titel „Universal Language“ Programm: Die Komposition des Bassisten befreit nicht nur den Bass von seiner ostinaten Rolle, sie erhebt auch den Anspruch einer Art Welt- und Sphärenmusik – zeitlos, aber nicht machtlos gegen erstarrte Konvention. In Bachmanns „Flickering Heat“ zeigen sich afrikanische Einflüsse, und allein das Idiom des Sopransaxophons klingt orientalisch genug.

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