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Montag, 11. Februar 2019 Drucken

Kaiserslautern: Kultur Regional

Von schelmisch bis zauberhaft

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz interpretiert Strauss, Mozart und Kampe in der Fruchthalle

Von Reiner Henn

Volle Frauenpower: Ruth Velten überzeugte am Saxofon, Marzena Diakun als Dirigentin.

Volle Frauenpower: Ruth Velten überzeugte am Saxofon, Marzena Diakun als Dirigentin. ( Foto: Girard)

Zwei dynamische Powerfrauen bestimmten entscheidend den künstlerischen Erfolg des Sinfoniekonzertes am Freitag in der Fruchthalle: Die Gastdirigentin Marzena Diakun hielt bei der bestens disponierten Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz die Zügel straff in der Hand, inspirierte und führte sicher über alle Klippen der Partituren hinweg. Und Ruth Velten erbrachte den klingenden Nachweis, dass das Saxofon nicht nur bei Jazz und Unterhaltungsmusik, sondern auch für klassische Literatur bestens geeignet ist.

Die zur Gattung der Sinfonischen Dichtung gehörende Vertonung der Streiche von Till Eulenspiegel von Richard Strauss hat eine zugrundeliegende Rondoform und ist damit eine Synthese aus Klassizismus und Spätromantik. Ein geistreicher, humoristischer Geniestreich mit einem Anflug von Selbstironie und treffender Karikatur des „Volkshelden“.

Wie dieser Till gegen gesellschaftliche Konvention agiert, bürstet Strauss manches gegen den Strich: Das gefällige Rondothema präsentiert sich als Schelmenweise widerborstig mit ungewohnten Akzentverschiebungen und nachfolgenden Verwandlungen, Umbildungen, was zunehmend kompliziert und vertrackt wird. Ausgerechnet dem Waldhorn mit seiner sprichwörtlichen Problematik als „Glücksspirale“ obliegt diese kapriziöse Gestaltung. Es scheint hämisch von der Klarinette ausgelacht zu werden und das Orchester dient, so klingt es, als Klangkulisse für die erboste Stimme des aufgebrachten Volkes und seiner Richter.

Das Stück ist ein Eldorado für Interpretation, Werkanalyse und für die Staatsphilharmonie ist es vor allem eine Orchesterstudie: Das Zusammenwirken der Klanggruppen, ihre dialogische Verbundenheit, das stringente Charakterisieren von Motiven, die an Richard Wagner erinnern, und besonders die komplizierte Aufspaltung der Partitur verlangen eine Tradition im Umgang mit solchen Vorhaben. Und die hat das nach Planstellen größte und dieses Jahr 100 Jahre alt werdende Orchester in Sachen klassisch-romantischer Orchesterliteratur allemal. Mit Präzision und Durchhörbarkeit bis ins kleinste motivische Detail agierten die Philharmoniker präzise und konzis, in perfekter klanglicher Ausbalancierung und Charakterisierung der musikalischen Abläufe. Dabei stellte sich das erfahrene Gastspiel- und Tourneeorchester, das in verschiedensten Konzertsälen auftritt, bestens auf die Fruchthalle ein. Auch die Orchestersolisten wie der Solohornist ließen sich nicht in spielerische Verlegenheiten bringen, wirkten absolut souverän.

Das folgende Programm war nicht chronologisch geordnet, verblüffte zum Ausklang nach der Pause mit der 40. Sinfonie von Mozart, die mit der 41. und letzten, der Jupitersinfonie, zu den bedeutendsten Schöpfungen des Wiener Klassikers gehört.

Wirkt programmdramaturgisch der Rückgriff auf klassische Formprinzipien und symmetrischen, periodischen Aufbau nur als Vorstufe zur Spätromantik? Nicht, wenn die Les- und Spielart von Dirigent und Orchester solche dialektische Spannung aufbauen wie hier. Ein ungewöhnlich emotionsgeladener und ständig in den Ecksätzen drängender antreibender Gestus offenbarte große Energie. Das kontrastierte mit den lyrischen Kantilenen im langsamen Satz, als die Musik in den typischen Seufzerfiguren nach Beruhigung fast zum Stillstand kam, um dann wieder im Finalsatz förmlich zu explodieren. Diese Interpretation, die Marzena Diakun als Gast am Pult vorgab, wies weit in das 19. Jahrhundert, setzte auf gewagte Tempogestaltung und kontrastreiche Dynamik, auf thematisch scharfe Konturen und so gar nicht auf apollinische Ausgewogenheit. Ein Mozartstil gegen die Konvention – womit die Brücke zu Strauss geschlagen wäre.

Schwerer taten sich die Musiker mit dem Konzert für Saxofon und Orchester des 1976 geborenen Gordon Kampe. Der Titel „Der Zauberhut“ deutete eine Affinität zu Strauss an, letztlich blieb das Konzert aber im Programm etwas isoliert. Dabei beherrscht Kampe wie Strauss die Kunst der Instrumentierung, die Klänge von stützenden Bässe bis hin zur Piccoloflöte ergeben ein dichtes Stimmengewebe mit Raritäten wie Kuhglocke und es bestand in Kaiserslautern eine ständige Interaktion der Klanggruppen mit der exzellenten Solistin Ruth Velten, die auf Sopran-, Tenor- und Baritonsaxofon im nahtlosen Wechsel diesen Parforceritt souverän meisterte. Die Stilistik basierte weniger auf gefälligen Themen. Vielmehr reihten sich faszinierende Effekte, Klangfarben und Idiome aneinander.

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