Kirchheim
„Konzertwinter“ erneut im Sommer-Look
„Verschuldet“ hat das – wie so vieles – die Corona-Pandemie. 2022 sollte es nach Lockdown und winterlichen Restriktionen ja irgendwie weitergehen. „Wir haben das probiert, und es hat sich bewährt, in mehrfacher Hinsicht“, sagt Dominik Wörner, Erfinder und Leiter des exklusiven Kulturangebots in der ebenso unspektakulären wie atmosphärisch perfekten ländlichen Andreaskirche mit ihrer kleinen, feinen Walcker-Orgel.
Ein Sommer-Zyklus hat ziemlich viel für sich
Zum einen müsse im Sommer die Kirche nicht beheizt werden, sei die Gefahr von Krankheitsausfällen und daraus resultierenden Umbesetzungen bei den Interpreten geringer. Und auch das touristische Publikum an der Weinstraße lasse sich zusätzlich mit einbinden. Obendrein: „Die Künstlerinnen und Künstler sind Topstars der Branche, reisen teils von weit her an und einen Teil ihrer freundschaftlich-moderaten Gagen macht die atmosphärische Dichte des Ortes, das mediterrane Flair der Weingegend , die eigene Magie des Kirchenraum wett – ganz besonders im Sommer“ , sagt Wörner.
In diesem Jahr startet der sechsteilige Zyklus am Samstag, 11. Mai, um 19 Uhr zunächst mit einem spätromanischen Liederabend mit Liedern nach Gedichten von Joseph von Eichendorff und dem Titel „Nur über uns die Linde rauscht“, gestaltet von dem Tenor Georg Poplutz und dem Pianisten Rudolf Lutz. Beide sind dem Kirchheimer Publikum bestens bekannt, traten bislang aber noch nie zusammen in der Reihe auf. Der Schlusspunkt am 25. August, 17 Uhr, führt das hochkarätig besetzte Kirchheimer „Düben-Ensemble“ mit Dominik Wörner selbst als Bariton-Solisten in die Andreaskirche. Und präsentiert Kostbarkeiten teils unbekannter Meister.
Alle Violin-Solo- und alle Trio-Sonaten von Bach
Dazwischen setzen gleich zweimal komplette Kompositionszyklen, die eher selten als Ganzes im Konzertrahmen auftauchen, besondere Akzente: Der hochgehandelte japanische Geiger Shunske Sato stellt an zwei aufeinanderfolgenden Abenden – am 1. und 2. Juni um 19 bzw. 17 Uhr – sämtliche Sonaten für Violine solo von Johann Sebastian Bach vor. Ihr folgt am 21. Juli, ebenfalls um 17 Uhr, der derzeit amtierende Organist an der Leipziger Thomaskirche, Johannes Lang, und wird alle sechs Trio-Sonaten (BWV 525 bis 530) des Thomaskantors interpretieren.
Ein Raritäten-Abend steht im Zentrum der Folge, wenn Bernhard Klapprott, Professor an der Musikhochschule in Weimar, am 23. Juni, 17 Uhr, mit seinem Muselaar oder „Mutter-Kind-Cembalo“, einer ausgefallenen Unterart der kleinen Cembalo-Schwester Virginal, Kompositionen von William Byrd, Orlando Gibbons sowie von Jan Pieterszoon Sweelinck zelebrieren wird. Nach guter Tradition werden auch SWR und Deutschlandfunk vor Ort sein und wenigstens eines der Konzerte zur späteren Gesamtausstrahlung mitschneiden.
Auch die Forschung zu Graupner geht weiter
Dem Bach-Zeitgenossen Johann Christoph Graupner, dem der Kirchheimer Konzertwinter über die Jahre besonderes Augenmerk widmete, ist diesmal nicht vertreten. Dennoch werde die Spur auch weiterhin verfolgt. „Die Graupner-Forschung ist längst nicht abgeschlossen, bleibt spannend“, sagt Wörner. Mit unzähligen Konzerten, denen teils auch Einladungen ins Ausland folgten, so im Herbst 2023 ins prominente Concertgebouw in Amsterdam, dazu der mittlerweile fünften CD-Einspielung hat sich das Kirchheimer Alte-Musik-Festival um den Nachlass des Hessen-Darmstädter Hof-Komponisten, der alleine 1420 Kirchenkantaten hinterlassen hat, enorm verdienst gemacht. Ist quasi Teil der Reinkarnation des lange zu Unrecht unter die sogenannten „Kleinmeister“ verorteten Musikers geworden. Die aktuelle Einspielung mit dem Abschlusskonzert des Konzertwinters 2023 wird zum Festival-Start vorliegen.
Noch Fragen?
Nach guter Tradition ist der Eintritt zu den Konzerten, die alle in der Andreaskirche in Kirchheim stattfinden, frei, verbunden mit der Bitte um angemessen Spenden. Weitere Infos unter www.konzertwinter.de.