Bockenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Gesunde Ernährung in der Kita: Die Racker vom Acker

Mit Feuereifer dabei: Kinder, Eltern und Erzieherinnen bei der Pflanzaktion im Mai.
Mit Feuereifer dabei: Kinder, Eltern und Erzieherinnen bei der Pflanzaktion im Mai.

Kinder bewegen sich zu wenig, sind nicht oft genug an der frischen Luft und ernähren sich ungesund – das ist immer wieder zu hören. Die evangelische Kita Bockenheim macht jetzt bei einem Projekt mit, das alldem entgegenwirken will. Sie schickt den Nachwuchs ins Beet.

Was tun, um kleine Kinder öfter ins Freie zu locken, in ihnen ein Interesse für die Natur zu wecken und bestenfalls auch die Bereitschaft, mehr Gemüse zu essen? Der Verein Acker, der in Deutschland, Österreich und der Schweiz wirkt, bietet dafür eine recht simple Antwort: Die Racker auf den Acker schicken. Und zwar, vereinfacht gesprochen, auf den eigenen Acker. Also in Beete, die zusammen von Kita-Erzieherinnen, Eltern und Kindern angelegt werden, deren Pflänzchen sie gemeinsam ziehen und wo auch gemeinsam geerntet wird, sodass anschließend in der Kita Essen zubereitet und verschmaust werden kann.

Kitas aus Ludwigshafen, Frankenthal und Kirchheimbolanden sind bei dem Bildungsprogramm schon an Bord, mit der Einrichtung in Bockenheim ist es jetzt auch in der Verbandsgemeinde Leiningerland angekommen. „Wir hatten davon gehört und überlegt, ob wir da nicht mitmachen können“, berichtet Kita-Leiterin Elke Happersberger. Es fehlten aber noch ein paar Dinge – unter anderem ein Freiwilliger, der den Part des Acker-Coaches übernimmt, und ein Feld, das in der Nähe der Kita liegt. Helen Pfitzner, deren Kind die Einrichtung besucht, und Volker Griebel, dem Bauland in rund 50 Metern Entfernung gehört, haben dabei geholfen, diese Hürden zu überwinden.

13 Sorten Gemüse gepflanzt

Pfitzner war überzeugt genug von dem Ansatz, um sich zum Coach ausbilden zu lassen. Wenn jetzt zum Arbeitseinsatz auf dem Acker gerufen wird, ist sie dabei, um praktische Hilfe zu leisten und Tipps zu geben. Griebel war bereit, mehr als die Hälfte seines Grundstücks als Acker für die Racker zur Verfügung zu stellen. Für vier Jahre, denn solange läuft das Projekt bei den Kitas, die sich entscheiden, mitzumachen. Als sogenannte Acker-Buddies sind auch noch andere Eltern dabei, die sich vor allem an Wochenenden um die elf Beete kümmern und gießen, wenn die Erzieherinnen nicht da sein können.

„Die Eltern haben uns im Vorfeld schon geholfen, auf dem Grundstück Unkraut zu jäten und Beete anzulegen, also alles für die erste Pflanzaktion vorzubereiten“, berichtet Happersberger. Besagte Aktion war Mitte Mai und wird von ihr als voller Erfolg gewertet. „Die Kinder sind mit roten Bäckchen dabei gewesen, haben Würmer und Schnecken gesammelt und waren beim Pflanzen ganz vorsichtig, nachdem wir ihnen gesagt hatten, dass das Baby-Gemüse ist“, erzählt sie. Wenn es um den täglichen Kontrollgang geht, hätten die Erzieherinnen aktuell überhaupt kein Problem, kleine Helfer zu finden, die mit hinausgehen und gießen wollen.

13 verschiedene Gemüsesorten wie Zucchini, Salat, Kürbis, Mairübchen und Tomaten wurden zum Start des Projekts gepflanzt. Dazu auch Kartoffeln und in Eigeninitiative der Eltern Himbeeren zum Naschen. Überhaupt sei das Engagement der Eltern groß, sagt Happersberger. Einige von ihnen würden im nahen Neubaugebiet leben und hätten sich auf dem Acker besser kennengelernt. Ein paar Väter hätten auch schon gemeinsam einen Schrank für die Gartengeräte gebaut. Als Partner seien die Krankenkasse BKK-VBU mit Sitz in Berlin, der Förderverein der Kita und die Südzucker AG dabei. Das Unternehmen habe unter anderem zwei Wassertanks mit je 1000 Liter Fassungsvermögen gespendet, die von der Freiwilligen Feuerwehr aufgefüllt werden.

Neugier soll geweckt werden

„Das läuft alles noch viel besser, als ich erwartet hatte“, sagt die Kita-Leiterin erfreut, der vor allem der Aspekt „gesunde Nahrung“ am Herzen liegt. Viele Eltern hätten heutzutage einfach zu viel um die Ohren, um sich Zeit für die Zubereitung von frischem Essen zu nehmen, und Gemüsebeete habe ja auch kaum noch jemand zu Hause im Garten. In diese Lücke will sie mit der Kita hineinstoßen und ist überzeugt: „Wenn die Kinder dem Gemüse beim Wachsen zugucken, werden sie am Ende neugierig genug sein, um es zu essen.“

Nach Angaben des Vereins Acker soll der Erfolg sogar messbar sein: Demnach hat die Teilnahme am Programm bei 69 Prozent der Kinder die Einstellung zur Natur positiv beeinflusst und 67 Prozent haben häufiger Gemüse probiert und gegessen. Ob das in Bockenheim auch funktioniert, wird sich zeigen müssen. Die erste Ernte steht ja noch aus. Bis dahin werden die Erzieherinnen, die ebenfalls speziell geschult wurden, noch ein bisschen Werbung für das gesunde Essen machen.

Der Verein stellt eine Plattform mit Materialien zur Verfügung, auf der sich die Erzieherinnen bedienen und eigene Lehreinheiten zusammenstellen können. Da werden dann unter anderem kindgerechte Geschichten von „Ackerfreunden“ wie Gülay Gurke, Pauline Palmkohl und Willi Wurm erzählt, die auch über den Winter helfen sollen, wenn im Beet wenig los ist. Rezepte zur Verarbeitung des Gemüses gibt es natürlich auch. Immer in der Hoffnung, dass es dann von den Rackern gegessen wird.

Zur Sache: Der Verein Acker und sein Programm Acker-Racker

Das Programm Acker-Racker ist im Jahr 2015 vom eingetragenen Verein Acker ins Leben gerufen und seither gleich mehrfach prämiert worden – zuletzt mit dem Bundespreis Verbraucherschutz und der Auszeichnung „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ der deutschen UNESCO-Kommission. Rund 40.000 Kinder haben nach Angaben des Vereins über die Jahre an dem Programm teilgenommen, 2022 waren es demnach mehr als 13.000 aus rund 350 Kitas in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die zur Verfügung gestellten Begleitmaterialien sollen Kindern laut Verein Wissen rund um den Gemüseanbau vermitteln und orientieren sich an den Kriterien der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Für die teilnehmenden Erzieherinnen gibt es Fortbildungen, eine Lernplattform mit Anleitungen und persönliche Ansprechpartner sowie ehrenamtliche Helferinnen vor Ort.

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