Leiningerland RHEINPFALZ Plus Artikel Berühmter Weihnachtsaltar: Warum ihn die Kirche im Depot lässt

Eingelagert: Der Boßweiler Altar zierte seit 1961 die Speyerer Kirche St. Ludwig, doch die hat das Bistum an Investoren gekauft.
Eingelagert: Der Boßweiler Altar zierte seit 1961 die Speyerer Kirche St. Ludwig, doch die hat das Bistum an Investoren gekauft. Boßweiler und Neuleiningen bewarben sich daraufhin als neuer Standort.

Die kunstgeschichtlich vielleicht wertvollste Weihnachtsdarstellung der Pfalz stammt aus dem Leiningerland. Und vor Jahren stand zur Debatte, dass sie dorthin zurückkehren könnte. Doch der Boßweiler Altar lagert bis heute in einem Kunstdepot. Der Grund: innerkirchliches Kompetenz-Gerangel.

Sie wussten nicht mehr, was sie mit den Dingern anfangen sollen. Jahrzehntelang hatten die Boßweiler Katholiken zwei alte Holztafeln alljährlich als Seitenwände ins „Heilige Grab“ eingebaut. Aber auch für diese vorösterliche Installation waren sie inzwischen zu brüchig. Also gammelten sie hinterm barocken Hochaltar der St.-Oswald-Kirche herum, bis 1860 der Speyerer Bischof zu einem Kontrollbesuch eintraf. Exzellenz erschien in Begleitung eines kunstsinnigen Domherrn, der zum Schwämmchen griff.

Unterm Dreck der Jahrhunderte

Als er an den morschen Brettern herumschrubbte, kamen unterm Dreck der Jahrhunderte Malereien hervor. Rot leuchtend, blau schimmernd, golden glänzend: Maria mit dem Engel, der ihr Jesu Geburt ankündigt. Maria mit Josef, neugierigen Hirten und dem Jesuskind in der Krippe. Maria mit den Heiligen Drei Königen und dem Jesuskind auf dem Schoß. Auch wenn sich der unbekannte Meister im Bildhintergrund in den Fluchtlinien ein wenig verheddert hat: Seine Tafeln erinnern an die berühmte Schongauer-Madonna aus Colmar.

Hier ist der Altar einst entdeckt worden: Kirche St. Oswald in Boßweiler.
Hier ist der Altar einst entdeckt worden: Kirche St. Oswald in Boßweiler.

Damit gehören zu den bedeutendsten spätgotischen Kunstwerken, die der so oft verheerten Pfalz geblieben sind. Ursprünglich rahmten die beiden Tafeln das Mittelstück eines Altar-Aufbaus: Mal auf- und mal zugeklappt zeigten sie je nach Anlass die passende Darstellung. Und das taten sie ab 1863 auch wieder: Vorder- und Rückseite wurden bei der Restaurierung voneinander getrennt, die beiden alten Außentafeln zu einem neuen Mittelstück zusammengefügt. So kamen sie auf einen Altartisch in der Katharinenkapelle des Speyerer Doms.

Kirche profaniert und verkauft

Doch in den folgenden etwa 100 Jahren zeigte sich: Am neuen Platz war es für dieses empfindliche Kunstwerk zu feucht. Seit 1961 stand der wertvolle Aufsatz daher in der nahen Kirche St. Ludwig. Bis er 2015 wieder hinausgetragen werden musste: Das geschichtsträchtige Gotteshaus in bester Speyerer Innenstadtlage ist durch bischöflichen Federstrich entweiht, das Bistum verkaufte das Gelände an Investoren. Und rief eine Art Wettbewerb aus, um für seine bekannteste Darstellung der Weihnachtszenen eine würdige neue Stätte zu finden.

Allerdings weiß die Kirche heute nicht mehr so recht, was sie mit solchen Dingern eigentlich anfangen soll. Schließlich sind derartige Altarbilder ursprünglich als eine Art Fenster konzipiert, durch das hindurch die versammelten Gläubigen in die göttliche Sphäre schauen: weil die Gemälde das Jenseits zeigen. Oder wenigstens Szenen, in denen nach christlichem Glauben der Himmel die Erde berührt hat. Doch seit den 1960er-Jahren werden allüberall neue Altarblöcke in die Kirchen gestellt, die ohne so einen Überbau bleiben.

Nur noch ein Dekorationsobjekt

Denn der Priester soll jetzt hinter ihnen stehen und sich seiner Gemeinde zuwenden, anstatt ihr wie zuvor seinen Rücken zeigen zu müssen. Schließlich, so argumentierten Befürworter dieser Veränderung, hatten es so auch einst die frühen Christen gehalten. Diese These darf mittlerweile zwar als weitgehend widerlegt gelten. Doch das ändert jetzt auch nichts mehr: Die einst als Platzhalter des Allmächtigen gedachten Altar-Aufbauten sind bisweilen einfach entsorgt worden. Und wo sie bleiben durften, wurden sie zum bloßen Dekorationsobjekt.

Denn der heutige Gottesdienst ist nicht mehr auf sie ausgerichtet, sie haben keine Funktion mehr. Aber ein Zierstück vom künstlerischen Rang des Boßweiler Altars ist trotzdem begehrt. Er könnte wieder in den Dom zurückkehren, aber auch Pfarreien haben sich um ihn beworben: Deidesheim, Burrweiler. Sowie gleich zwei Gemeinden im Leiningerland: Neuleiningen. Und Boßweiler, der Auffindeort. Er gehört mittlerweile zu Quirnheim, besteht seit dem Dreißigjährigen Krieg nur aus ein paar Höfen sowie der Wallfahrtskirche.

Pfarrer: Rückkehr unrealistisch

Dass der Altar wirklich dorthin zurückkehrt, hält der für die meisten Umland-Gemeinden zuständige Grünstadter Pfarrer Martin Tiator allerdings für unrealistisch. Denn Messen werden in Boßweiler nur noch selten gefeiert, die Kirche ist daher meistens zugesperrt. Und in Neuleiningen schaut’s ähnlich aus. Dort kämen kunstsinnige Besucher außerhalb der Gottesdienstzeiten zwar immerhin durchs Portal noch bis in den Eingangsbereich der spätgotischen Kirche. Aber dann würde ihnen ein Metallgitter den Weg versperren.

Durch dessen Stäbe hindurch ließen sich die Altar-Tafeln zwar erspähen, aber nur aus übergroßer Entfernung. Schon vor Jahren ist in den Gotteshäusern trotzdem ausführlich untersucht worden, ob ihr Mikroklima dem delikaten Kunstwerk gerecht würde. Und eine Entscheidung war für 2017 in Aussicht gestellt. Doch dann kam etwas dazwischen: ein vermögensrechtliches Problem. Dabei zahlte der Bischof bald nach der Entdeckung seines kunstsinnigen Domherrn im Jahr 1860 schon 50 Gulden an den „Fabrikrath“ der Kirche in Boßweiler.

1000 Gulden von der Regierung

34 weitere ließ Exzellenz später nachreichen. Und 1908 gab die bayerische Regierung der Pfalz noch 1000 Gulden dazu, um den Altar endgültig zu Dom-Eigentum zu machen. Aber bis heute weiß niemand so recht, wer über die Speyerer Kathedrale und ihr Inventar verfügen darf. Um die Vorherrschaft konkurrieren das Domkapitel und die Dompfarrei. Die Bistumssprecherin berichtet: Beide Seiten „stehen noch in einem Klärungsprozess“. Und die Holztafeln des Boßweiler Altars ruhen derweil im Depot des Bischöflichen Denkmalamts.

Anders gesagt: Im Moment wissen sie in Speyer halt nicht, wer etwas mit den Dingern anfangen darf.

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