FRANKENTHAL RHEINPFALZ Plus Artikel Händler zum Lockdown: „Totale Ungleichbehandlung“

Hygienekonzepte, wie sie nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 praktiziert wurden, könnten auch nun wieder eine Öffnung der
Hygienekonzepte, wie sie nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 praktiziert wurden, könnten auch nun wieder eine Öffnung der Geschäfte ermöglichen.

Kleine Geschäfte prägen in Frankenthal das Gesicht der Innenstadt. Die meisten von ihnen sind seit Dezember geschlossen. Gleichzeitig haben Discounter und Märkte auf der Grünen Wiese ihr Angebot aufgestockt und verkaufen Textilien, Elektrogeräte oder Blumen. Wie beurteilen Geschäftsinhaber die derzeitige Situation? Ein Stimmungsbericht.

„Die Stimmung ist getrübt“, weiß Citymanager Daniel Strotmann, „für einen Großteil der Frankenthaler Geschäfte ist die Lage katastrophal.“ Mit Beratung per Video und mit Lieferservice kämen manche über die Runden. Die neu gestartete Online-Plattform des Stadtportals Frankenthal, initiiert von Mirko Lo Porto (Mexia Eventservice), habe das Ziel, die digitale Welt mit der Beratungsqualität der Einzelhändler und Dienstleister zu verbinden. Derweil zählten einige wenige Branchen, etwa der Fahrradhandel zu den Profiteuren der Corona-Situation. Sichtbar bleiben – das versuchen Geschäftsleute auf digitalem Wege, aber auch durch gemeinsame Initiativen wie „Handel mit Gesicht“, durch informative Flyer sowie auf Werbetafeln. Vier Geschäftsfrauen antworten auf die derzeit am stärksten diskutierten Fragen:

Gibt es eine Wettbewerbsverzerrung zulasten der Fachgeschäfte?
Während Supermärkte und Discounter alles, auch „nicht systemrelevante Waren“ verkaufen dürfen, müssen Einzelhändler mit fachgebundenem Sortiment geschlossen bleiben. „Das ist eine große Ungerechtigkeit für uns kleinere Läden“, meint Spielwarenhändlerin Ute Charrier (Zottelbär und Lesemaus). Für Floristin Cornelia Koch (Dornröschen) ist es „ganz klar Wettbewerbsverzerrung“, Sabine Fürst (Haustechnik Fürst-Helbig) empfindet „totale Ungleichbehandlung“, kritisiert die fehlende Abgrenzung bei systemrelevantem Verkauf und sieht hier die Ordnungsämter in der Pflicht. Christa Schillinger (Blickfang Mode) meint dagegen: „Wettbewerbsverzerrung passiert jeden Tag bei uns, auch ohne Lockdown.“

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Wie sieht es mit den Hygienekonzepten im Einzelhandel aus?
Einhellig sprechen sich die Fachhändler für die Beibehaltung der Hygienekonzepte vom Frühjahr 2020 aus, die gerade aufgrund der Größe ihrer Geschäfte und leichter Zugangskontrolle gegriffen, sich in der Praxis vielfach bewährt hätten und bei Öffnung wieder angewendet werden könnten: „Die Maßnahmen waren sehr gut und bestehen heute noch“, so Sabine Fürst. „Abstand halten war nie ein Problem! Und Wühltische hab ich keine“, betont Cornelia Koch im Hinblick auf das Ansteckungsrisiko andernorts. Ute Charrier dagegen hat bei großen Geschäften „volle Parkplätze, Menschenschlangen an der Kasse und Gedränge in den Gängen“ sowie „keine oder nur unzureichende Kontrolle der Zugangszahlen“ beobachtet. Auch Christa Schillinger sieht dort ein „vielfach höheres Risiko, sich anzustecken“.

Welche Überlebensstrategien gibt es bei den Geschäften?
Nicht beklagen über Umsatzrückgang kann man sich bei Haustechnik Fürst-Helbig: Ein eigener Online-Shop, betrieben über den Handelsring Euronics, laufe seit drei Jahren. Großgeräte wie Waschmaschinen und Kühlschränke verkaufe man verstärkt per Präsentation über das Smartphone und seit Februar über das Frankenthaler Stadtportal.

Die Kunden hätten sich an das Bestellen von Blumensträußen per Telefon und an feste Abholtermine gewöhnt, heißt es bei Dornröschen. Laufkundschaft und Spontankäufe blieben im Lockdown aus. Mit dekorierten Schaufenstern sowie mit Aktivitäten bei Facebook, per E-Mail und Videochat will Zottelbär und Lesemaus nah am Kunden bleiben. Der Aufbau eines Onlineshops sei für Kleinhändler zu teuer und zeitaufwendig. „Sollte das Ostergeschäft weiter ausfallen, dann wird es äußerst schwierig, bei den laufenden Kosten zu überleben.“ „Der Umsatzverlust ist enorm und auch nicht aufzuhalten“, heißt es bei Blickfang: „Wir sind nicht Amazon, die sich ungehindert an der Vernichtung des Einzelhandels beteiligen und somit das Bild und die Anziehungskraft der Innenstädte vernichten.“

Fühlen sich die Geschäftsinhaber von der Politik hingehalten?
Von der Politik wünscht sich Cornelia Koch, dass „alle gesellschaftlichen Auswirkungen der Maßnahmen stärker abgewogen werden und nicht nur bestimmte Gruppen die Zeche zahlen“. Sabine Fürst befürchtet eine Verödung der Innenstadt und wünscht sich, dass Hilfen schneller fließen. Christa Schillinger wünscht sich eine stärkere Einbeziehung der Betroffenen, bei schwerwiegenden Entscheidungen. Ute Charrier bringt es auf den Punkt: „Einerseits zeige ich Einsicht, dass die Inzidenzzahlen sinken müssen, auf der anderen Seite wünsche ich mir von den Politikern eine Gleichbehandlung aller Branchen.“ Der Schlüssel dazu aus ihrer Sicht: eine „unkomplizierte staatliche Hilfe“.

Bilder wie dieses von der Erfurter Krämerbrücke wollen die Händler für die Frankenthaler Innenstadt nach Möglichkeit vermeiden.
Bilder wie dieses von der Erfurter Krämerbrücke wollen die Händler für die Frankenthaler Innenstadt nach Möglichkeit vermeiden.
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