Frankenthal
Frankenthal: Junge Konzeptkünstler definieren den Begriff „Heimat“
Um „Heimat – lost and found“, also verlorene und gefundene Heimat kreist das Kultursommerprogramm der evangelischen Kirche Frankenthal. Die Arbeiten von Judith Röder und Jesse Magee, die zum Auftakt in der Zwölf-Apostel-Kirche gezeigt werden, zeichnen ein strenges, unaufdringlich spirituelles Bild des viel strapazierten Begriffs.
Durch die Glastür kann man schon von außen zwei Tische im Vorraum sehen. Auf dem einen stehen zwei Glasbehälter, die mit zwei unterschiedlich bräunlichen Erden gefüllt sind. Wie Kostbarkeiten, naturwissenschaftliche Phiole oder ein zeitgenössisch gestalteter Reliquienschrein wirken sie. Bei näherem Hinsehen sieht man: Auf der einen Phiole steht „Frankenthal“, auf der anderen „Jerusalem“. Heimaterde. Auf einem Tisch daneben liegt ein langer, graumelierter Stab. Er sieht aus wie ein Bohrkern, der in unregelmäßige Teilstücke zerbrochen ist. Das Material ist geformte und zu Keramik gebrannte Erde aus Frankenthal – aus ihrem Garten, verrät Dekanin Sieglinde Ganz-Walther. „Mutterboden“ ist der Titel, den Jesse Magee den beiden Arbeiten gegeben hat.
In der Sakristei läuft ein Video
Der ovale Kirchenraum mit seinen hellen Mauern könnte Fläche und Raum für eine Inszenierung bieten, die ins Auge fällt. Judith Röder hat einen Weg der Stille und Meditation gewählt. Die sonst verschlossene Sakristei ist in der Mitte geöffnet, und auf einer Projektionswand läuft ein Video. Wie ein Fenster nach außen oder wie ein Bild zur Anschauung und Erbauung für die Gemeinde, wirkt die Präsentation über dem dafür leer geräumten Altartisch.
Judith Röder hat ihre Heimat, die Vulkaneifel, fotografiert, analog und in neblig verschwimmenden Grauwerten. Weite Blicke über das hügelige Plateau mit Wiesen, Wäldern, Gebüschen an Bachläufen wechseln mit Detailaufnahmen aus allernächster Nähe: Gestein, Geröll, fließendes und rinnendes Wasser, Baumkronen, Zweige und Blätter, Gräser und Halme. Die Bilder fließen langsam dahin, stehen oft still, strömen Verinnerlichung und Melancholie aus. Für ein Künstlervideo ist der Film mit 40 Minuten ungewöhnlich lang. Zwei Jahre lang hat Judith Röder daran gearbeitet. Sie hat die Sequenzen nicht als Kontinuum geschnitten, sondern zahlreiche Brüche eingefügt, wo man nur die leere weiße Fläche sieht.
Wenige Tiere, kaum Menschen
Der Film beginnt im Spätsommer mit einem Regensturm, der die Kronen der Bäume zaust. Er verweilt lange im Winter, wo die Totalen noch düsterer und die vergrauten Schneedetails eisig sind. Endlich, wenn die Sehnsucht schon übermächtig ist, kommt das Frühlingserwachen und zuletzt die Fülle des Sommers. Naturfilmer wählen bisweilen diesen Kreislauf des Lebens, der mit dem Ermatten beginnt und in der Fülle endet. Man kann ihn auch einen christlich-spirituellen nennen, der aus dem Tod ins Licht führt.
Manchmal sieht man in den Aufnahmen wenige Tiere, selten sieht man Menschen oder etwas, das auf deren Anwesenheit hindeutet, wie eine Straße oder ein Haus. Heimat ist die ewige Natur. In drei ganz kurzen Passagen kommt immerhin der Mensch vor: ein Schwenk über dörfliche Hausdächer, ein Standbild mit einem alten Menschen in seiner bäuerlichen Behausung und eine Inszenierung von Jesse Magees Objekten auf dem Altar der Zwölf-Apostel-Kirche. Die beiden Glasbehälter leuchten darin wie von innen durchglüht.
Junge Konzeptkünstler aus der Eifel und den USA
Mit der Wahl von zwei reduzierten Konzeptkünstlern nähert sich die Zwölf-Apostel-Kirche dem Begriff „Heimat“, den in so verinnerlichter Vielschichtigkeit nur die deutsche Sprache kennt, auf eine zurückgenommene, wahrlich protestantische Weise. Judith Röder und Jesse Magee sind beide 1981 geboren, sie in Daun in der Eifel, er in Illinois in den USA. Beide haben am Institut für Künstlerische Keramik und Glas in Höhr-Grenzhausen studiert und unterrichten jetzt dort. Die Glaskünstlerin Judith Röder macht zudem seit 2016 ein postgraduales Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln.