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Freitag, 07. Dezember 2018 Drucken

Frankenthal Land

Heßheim: Zuhörer bei Infoabend zu tödlichem Süd-Müll-Störfall verärgert

Von Waltraud Werdelis

Szene aus einer Übung des Gefahrstoffzugs des Rhein-Pfalz-Kreises. Diese Abteilung der Feuerwehr kam zum Einsatz, als es am 21. August auf der Deponie in Heßheim einen schweren Störfall gab. Bis heute ist nicht geklärt, wie die tödliche Substanz in einen dort abgestellten Behälter gelangt ist.

Szene aus einer Übung des Gefahrstoffzugs des Rhein-Pfalz-Kreises. Diese Abteilung der Feuerwehr kam zum Einsatz, als es am 21. August auf der Deponie in Heßheim einen schweren Störfall gab. Bis heute ist nicht geklärt, wie die tödliche Substanz in einen dort abgestellten Behälter gelangt ist. (Foto: Kunz)

Thomas Griese vom Umweltministerium beantwortete im Heßheimer Bürgerhaus Fragen.

Thomas Griese vom Umweltministerium beantwortete im Heßheimer Bürgerhaus Fragen. (Foto: Bolte)

Vertreter der Landesregierung sowie der Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde haben sich am Mittwochabend gegenüber Bürgern zum tödlichen Störfall bei Süd-Müll geäußert. Sie erläuterten vor allem, was ihre Aufgabe in der Aufarbeitung ist und was Sache der Staatsanwaltschaft sein muss. Die rund 200 Zuhörer schien das eher zu verärgern als zu beruhigen.

Im Heßheimer Bürgerhaus sind die für Zuhörer vorgesehenen 200 Sitzplätze belegt. Auf dem Podium vorn sitzen der Staatssekretär im Umweltministerium, führende Köpfe von Gewerbeaufsicht und Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd, ein Sachverständiger vom Tüv sowie Mitglieder der Verbandsgemeindeverwaltung Lambsheim-Heßheim. Zwischen den Fachleuten und dem Publikum sitzen Mitglieder des Verbandsgemeinderats, denn die Veranstaltung ist Informationsabend und Ratssitzung zugleich und als eine auf zwei Stunden begrenzte Einwohnerfragestunde deklariert worden.

„Wenn ich gewusst hätte, dass das so läuft ...“, sagt Ulrike Bonifer, Vorsitzende der Schutzgemeinschaft gegen Mülldeponie (SGM). Sie fällt Verbandsbürgermeister Michael Reith (SPD) schon bei der Begrüßung ins Wort und wird mehrfach aufgefordert, sich hinzusetzen, damit die Fragestunde beginnen kann.

Unklar wie das Nervengift auf das Gelände kam

Doch zunächst werden Vorträge gehalten. Staatssekretär Thomas Griese (Bündnis 90/Die Grünen) fasst die Ereignisse zusammen. Am 21. August wurde im Heßheimer Sonderabfall-Zwischenlager der Firma Süd-Müll ein Gefäß mit vermeintlich wässrigen Säureabfällen, wie sie bei Laboranalysen von Abwasser anfallen, geöffnet. Daraufhin starben zwei Mitarbeiter, vermutlich an Blausäuredämpfen, die sich aber rasch verflüchtigt haben müssen, sonst wären auch Kollegen und Rettungskräfte zu Schaden gekommen. Unklar ist, wie das Nervengift Cyanid auf das Gelände gelangt ist, denn es wird laut Süd-Müll und SGD dort generell nicht als Sonderabfall angenommen.

Mehrmals an dem Abend sagt Thomas Griese: Aktuell gebe es keinen Beleg dafür, dass der tödliche Unfall durch Fehlverhalten oder mangelnde Vorsicht beim Betrieb der Deponie verursacht wurde. Der Giftstoff müsse an irgendeinem Punkt „hinzugefügt worden sein“. Bei dem Wormser Unternehmen Evonik, das wässrige Säuren über Süd-Müll entsorgt, auf dem Transportweg oder im Sonderabfalllager. „Fahrlässig, unwissentlich oder vorsätzlich“, so Griese. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal, die seit Langem nichts mehr über die Ermittlungen sagt, wird Grieses Aussagen am nächsten Tag nicht bestätigen. Ihr Leiter Hubert Ströber sagt am Donnerstag auf Anfrage: „Das entspricht nicht unserer Kenntnislage.“

Unmut im Zuschauerraum

Womit der Staatssekretär allerdings mit Verweis auf die Gewaltenteilung Recht hat: Den etwaigen Kriminalfall aufzuklären, ist Aufgabe der Justiz, nicht der Regierung. Die Landesbehörden haben vielmehr dafür zu sorgen, dass die Betriebsabläufe so gestaltet werden, dass ein Unfall wie dieser möglichst nicht noch mal passiert. Dazu dienen unter anderem ein Gutachten gemäß der Störfallverordnung und Vor-Ort-Inspektionen.

Die zuständigen Fachleute erklären im Bürgerhaus die gesetzlichen Grundlagen ihres Handelns und auf Nachfrage auch Details der Vorgehensweise und bisher an Süd-Müll ausgesprochene Anweisungen. Doch dass zum Beispiel trotz des schweren Störfalls nicht einfach ein Betriebsstopp verhängt werden kann oder dass der als unabhängig geltende Tüv-Gutachter von Süd-Müll beauftragt und bezahlt, aber von der SGD im Prinzip ausgesucht wird, scheint man im Zuschauerraum nicht hören zu wollen. „Wie viele Tote muss es denn noch geben?“, fragt jemand und bringt damit auf den Punkt, worum es den Wortführern im Saal – hauptsächlich Mitglieder der SGM – geht: Die Deponie, mindestens aber das Sonderabfalllager soll geschlossen werden.

Bürgern fehlt es an Vertrauen

Die Fragen und Kommentare aus dem Publikum machen deutlich: Man bezweifelt, dass es bei Süd-Müll mit rechten Dingen zugeht und dass die Behörden genügend kontrollieren. Und man befürchtet, dass Gefahrstoffe auslaufen oder bei einem Unfall miteinander reagieren könnten. Ulrike Bonifer weist darauf hin, dass es im August schließlich nicht das erste Mal war, dass die Feuerwehr zur Deponie ausrücken musste.

„Es fehlt den Leuten das Vertrauen, dass jetzt und in Zukunft keine Gefahr von der Anlage ausgeht.“ So fasst der im Zuschauerraum sitzende Christian Baldauf, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, die Gemütslage der Bürger zusammen. Er schlägt engmaschigere Kontrollen und eine Führung auf dem Deponiegelände vor, damit „Transparenz hergestellt wird“. Vonseiten der SGD heißt es, man untersuche und kontrolliere schon mehr, als man eigentlich müsste. Der mit dem Störfallgutachten beauftragte Sachverständige kann noch nicht sagen, wann seine Ergebnisse vorliegen werden. Für Staatssekretär Griese spricht nichts dagegen, das Gutachten, wenn es denn vorliegt, öffentlich zu machen.

Finanzielle Probleme für Hinterbliebene

In der Einwohnerfragestunde weist eine Frau auf ein ganz anderes Problem hin: Die ehemalige Lebensgefährtin eines der Unfallopfer beziehungsweise deren beider Kind sei jetzt in finanziellen Schwierigkeiten, und niemand kümmere sich darum, behauptet sie. Und der Arbeitgeber des 43-Jährigen sei das Gehalt vom August noch schuldig. Die Wortmeldung bestürzt viele im Saal. SPD-Landtagsmitglied Martin Haller ergreift in seiner Funktion als Mitglied des Verbandsgemeinderats das Wort und schlägt vor, dass sich die Frau an Bürgermeister Michael Reith wendet, der etwaige Hilfe sicher koordinieren könne. Süd-Müll-Geschäftsführer Benedikt Eberhard ist im Saal anwesend und will den Vorwurf nicht auf dem Familienunternehmen sitzen lassen. Am nächsten Tag versichert er gegenüber der RHEINPFALZ: „Nachdem rechtlich geklärt war, wer zum Empfang unserer Gehaltszahlung und freiwilligen Leistungen berechtigt ist, wurde das Geld von uns entsprechend überwiesen.“

Nach zweieinhalb Stunden, in denen er den Fachleuten und Bürgern das Wort überlassen hat, geht der Verbandsgemeinderat zu seinem Sitzungsprogramm über, derweil das Publikum im Foyer oder auf dem Heimweg darüber diskutiert, was man nun von dem Infoabend zu halten hat.

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