Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel Schachspieler zwischen Computer-Partien und Perspektivlosigkeit

Offizielle Turniere gibt es nicht. Was bleibt, ist die Schachpartie am Computer.
Offizielle Turniere gibt es nicht. Was bleibt, ist die Schachpartie am Computer.

Was machen Schachspieler im Lockdown? Schachspielen – denken sich wohl die meisten. Immerhin geht das schon seit über 20 Jahren gut organisiert online. Doch nicht für jeden ist das eine Alternative. Tobias Wendt und Sascha Löwen hoffen darauf, dass ihre Vereinsspieler aktiv bleiben. Ein bisschen Hoffnung macht dafür auch eine Netflix-Serie.

Neben der TSG Eisenberg gibt es im Donnersbergkreis lediglich zwei weitere Vereine, die das königliche Spiel anbieten. Zwischen 15 und 20 aktive Schachspieler zählt aktuell der TV Winnweiler. „Durch Corona wird auch hier der ein oder andere wohl abspringen. Speziell die Nachwuchsspieler fehlen uns. Bisher waren wir in der Liga mit zwei Mannschaften vertreten“, sagt TV-Vorsitzender Tobias Wendt. Der gebürtige Braunschweiger zog vor über zehn Jahren in die Pfalz. Nachdem er zunächst als Kassenwart des TVW fungierte, übernahm der 35-Jährige 2015 das Amt des Vorsitzenden.

Ordentlich an Quantität und Qualität hat in den vergangenen Jahren der SK Kirchheimbolanden eingebüßt. „Da engagierte Schachspieler mit der Zeit entweder weggezogen oder gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage waren, Training anzubieten, ist der Nachwuchs von knapp 20 Kindern und Jugendlichen leider wieder versiegt“, erzählt SK-Chef Sascha Löwen und deckt damit auch ein Problem vieler anderer Vereine auf, denen die personellen Kapazitäten fehlen. Er selbst, zunächst in Bolanden, dann in Kirchheimbolanden aufgewachsen, entdeckte die Leidenschaft für Schach mit elf Jahren. Seitdem ist Löwen Mitglied des SKK und hat bis zur zweiten Pfalzliga gespielt.

Online-Schach? Nicht jedermanns Sache

Aktuell gehören den Kreisstädtern noch zehn Spieler sowie ein Gastakteur an. Seit dem ersten Lockdown gab es im Haus der Familie/Liebfrauenkirche keine Trainingsabende mehr, der Ligabetrieb wurde komplett eingestellt. Offizielle Turniere fanden nur vereinzelt statt. Das vom Schachbund initiierte Projekt „Ersatzliga mit Klasseneinteilungen und gelockerten Voraussetzungen mit entsprechenden Hygienevorschriften“ wurde nach der zweiten Infektionswelle auf Eis gelegt.

Doch entgegen aller Sportarten, die auf eine Halle oder einen Sportplatz angewiesen sind, ist das Schachspielen seit nunmehr über 20 Jahren auch online möglich und daher eigentlich pandemieresistent. „Ja. Es gibt eine Vielzahl von Plattformen, auf denen man sich mit Spielern aus der ganzen Welt messen kann. Ob nur zum Spaß, in Gruppen oder bei Turnieren“, betont Wendt, für den Turnen, insbesondere Bodenturnen, zu seinen bevorzugten sportlichen Hobbys zählt. Das war auch vor Corona schon eine Alternative. Kollege Löwen, Inhaber einer Software-Firma in Kaiserslautern, ergänzt: „Das geht in fast allen bekannten Spielmodi. Dort wird auch nach den bekannten Spielstärkewerten eingeteilt, damit man sich wie bei menschlichen Spielern daran orientieren kann. Die Plattformen werden teilweise von Software-Herstellern von Schachprogrammen betrieben, teilweise aber auch unabhängig. Ich finde das sehr gut ausgebaut und organisiert.“ Seit 25 Jahren ist der 45-Jährige Vorsitzender des SK Kirchheimbolanden, bekleidet dieses Amt mittlerweile auch im Schachclub Mackenbach, seinem Wohnort.

Schummler haben schweres Spiel

Auch die gültigen Spielregeln werden über die Apps reguliert und auf die gültigen Zugmöglichkeiten beschränkt. Gerade in den Blitz-Modus Partien, für die nur eine bis fünf Minuten angesetzt sind, steht jedem Spieler pro Zug gerade mal ein Zeitbonus von zwei bis fünf Sekunden zur Verfügung. Schwer – da beispielsweise parallel noch einen weiteren Server zum Schummeln zu nutzen ... Bei langen Turnierspielen, die üblicherweise ein bis zwei Stunden plus Verlängerungsoptionen dauern, wird dann aber natürlich auf das gegenseitige Vertrauen und die sportliche Fairness gesetzt. „Ordentliche Schachspieler haben ein starkes Ehrgefühl, nur durch eigene Kraft zu gewinnen, auch online“, bekräftigt Löwen.

Doch ähnlich wie beim Homeschooling ist die digitale Variante auch bei strategischen Brettspielen nicht immer ein adäquater Ersatz: „Die Partie am echten Brett ist und bleibt deutlich interessanter. Alleine die Haptik der Figuren, dem Gegner von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu sitzen. Das ist ein besonderes Erlebnis und nicht durch einen Bildschirm zu ersetzen“, erklärt Wendt. Die Online-Spiele und -Turniere haben auch in der Punktwertung keinen Bezug zum „echten“ Vereinsleben.

Vorsichtiger Optimismus für die kommenden Monate

Beim TV Winnweiler und dem SK Kirchheimbolanden haben sich die persönlichen Kontakte unter den Schachspielern seit Corona stark bis komplett reduziert. Alljährliche Sonderveranstaltungen, wie ein Grillfest im Sommer, Vereinsversammlungen und Weihnachtsfeiern wurden ersatzlos gestrichen. „Bisher sind wir ohne Perspektive. Vermutlich, wenn die Impfwelle durch die Risikogruppen durch ist, könnte ein normaler Trainings- und Spielbetrieb wieder anlaufen. Ich hoffe, dass durch die Zwangspause das Schachspiel im Verein nicht komplett versiegt“, sagt Sascha Löwen. „Auch unsere Mitglieder macht das sehr betroffen“, schiebt Wendt nach.

Immerhin sieht Löwen, dessen höchste Deutsche Wertungszahl (DWS) bei knapp unter 1900 lag, wenigstens einen Anschub für das Schachspiel durch die Corona-Krise: „Zum einen wurde es wohl von vielen neu entdeckt, da man es im eigenen Haushalt, online mit anderen oder alleine problemlos spielen kann, zum anderen werden Meisterschaften mit populär gewordenen Spielern auch im Fernsehen übertragen und über Netflix ist seit Oktober auch die für Schachspieler sehr anregende Serie ,Das Damengambit’ zu sehen.“ Löwen und Wendt würden sich über Zuwachs natürlich freuen ...

Vermisst die Normalität im Verein: Tobias Wendt, Vorsitzender beim TV Winnweiler.
Vermisst die Normalität im Verein: Tobias Wendt, Vorsitzender beim TV Winnweiler.
Findet Online-Schach gut: Sascha Löwen, Vorsitzender des SK Kirchheimbolanden.
Findet Online-Schach gut: Sascha Löwen, Vorsitzender des SK Kirchheimbolanden.
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