Rockenhausen
Jacques Stotzem bei ROKMusic: Nicht nur Jimi Hendrix wäre entzückt
„Machen wir weiter?“, fragt der Belgier mit dem sympathischen Akzent nach der Pause. Auf Französisch schallt ihm ein erwartungsvolles „Oui!“ vom Publikum im Zirkushaus zurück. Dieses hat Jacques Stotzem mit seiner Gitarre schon vom ersten Stück an für sich eingenommen – und wird es nicht mehr loslassen.
Die charmante ältere Herr mit seinem zurückhaltenden Auftreten und dem milden Lächeln auf den Lippen wirkt sicher nicht wie einer, dem man zutrauen würde, „Purple Haze“ mit solcher Wucht und Virtuosität aus der Akustikgitarre zu feuern, dass es Jimi Hendrix im Gitarristenhimmel entzücken muss – sofern er das mit der Akustikgitarre verzeiht. Mancher eher puristische Fan des legendären E-Gitarristen tue das nicht, erzählt Stotzem schmunzelnd von einem Post zu seinem Youtube-Video mit dem Stück. Das gehe gar nicht, habe ihm da einer zornig ins Stammbuch geschrieben, und angefügt: Schon gar nicht mit kurzen Haaren und Brille auf der Nase. Aber: In der Brust dieses Gitarrenmagiers aus dem belgischen Verviers, von Margarete Schneider als letzter ROKMusic-Gast vor der Sommerpause angekündigt, schlägt das unvermutete große Rock- und Blues-Herz mit kräftigem Puls und ebenso vital wie das des Romantikers und Poeten.
Weiter musikalischer Kosmos
„Purple Haze“ ist an diesem Abend in Rockenhausen eines von vielen sehr unterschiedlichen Bravourstücken, die einen weiten musikalischen Kosmos abschreiten. Balladenhafte Stücke, mal nachdenklich, mal von zarter Melancholie und alle kompositorisch tief durchdrungen – wie etwa „Slow Motion“, ein entspannter Gedankenfluss etwa bei einem Spaziergang, destilliert aus lyrisch dahinperlenden Harmonien und Melodieflüssen, oder das meditative „Places We Have Been“. Dann wieder Parforceritte wie „Don’t Miss The Train“ – „schnallt Euch an“, mahnt der 63-jährige Belgier und schickt dann ICE und TGV mit Megawatt-Power über das Griffbrett.
Dabei hat Stotzem, der nur eigene Kompositionen und Arrangements auf der sechssaitigen Gitarre spielt, immer die Tradition im Blick, die Schultern, auf denen er sich stehen sieht – wiewohl er ihnen gitarristisch längst weit enteilt. Hinreißend seine Reverenzen an Chet Atkins, Merle Travis, an Blues, Country und Gypsy-Swing, an Edith Piaf – oder an den unvergessenen irischen Bluesrocker Rory Gallagher, aus dessen „Tattooed Lady“ er enorme musikalische Substanz zu bergen vermag.
Schwindelerregende Virtuosität
Und natürlich der Ragtime, der mit den Wechselschlägen im Bass vom Klavier zur Gitarre, von der linken Pianistenhand zum auf und ab hüpfenden rechten Gitarristendaumen gewandert ist und das Grundmuster des Fingerpicking gestiftet hat, aus dem dann das orchestrale Fingerstyle-Spiel eines Jacques Stotzem geworden ist. Ein Spiel, in dem die Gitarre alle Aufgaben von Melodie und Begleitung bis zur perkussiven Abrundung übernimmt. Wie meisterhaft er da an die Wurzeln gehen kann, bewies Stotzem mit „Picking in Paris“, einer wundervollen Hommage an das traditionelle Fingerpicking, lässig, pulsierend, verwirrend virtuos mit den eingesprengten und perlenden Turboläufen. Später legt er noch nach mit Klassikern wie „Sweet Georgia Brown“.
Auffällig: Trotz all der schwindelerregenden Virtuosität ist über zwei Stunden hinweg kein Fehler, kein unsauberer Ton, kein Schnarren, für das die Gitarre berüchtigt ist, zu hören. Stotzem spielt makellos mit der professionellen Ruhe und Souveränität eines Altmeisters und lässt sich von seinem Können auch nicht zu bloßen Zirkusnummern hinreißen. Sein Spiel ist immer getragen von viel Substanz, fokussiert, variabel. Die Freundlichkeit und Bescheidenheit im Auftreten des Belgiers wird auch davon unterstrichen, dass er, in ganz legerer Kluft auf der Bühne, den Abend mit nur einer Gitarre bestreitet, also keine prunkende Instrumentenbatterie um sich herum aufbaut. Und den stürmischen Riesenapplaus am Ende mit vier Zugaben belohnt.