Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Gottesanbieterin und mehr: Nora Gomringer bei den Donnersberger Literaturtagen

Nora Gomringer bei den Donnersberger Literaturtagen im Blauen Haus.
Nora Gomringer bei den Donnersberger Literaturtagen im Blauen Haus.

In Japan, so erzählt sie amüsiert von ihrer ausgedehnten Lesereise, schliefen viele Zuhörer, während man vortrage. Man gehe dort eben in eine Veranstaltung, um in der guten Schwingung mit anderen auszuruhen. Und die tiefsten Schläfer, lacht Nora Gomringer ihr etwas raues, sinnliches Lachen, stellten am Schluss die besten Fragen. Im Blauen Haus auf dem Weierhof schlief aber niemand am Samstagabend.

Hellwach, ergriffen, nachdenklich, schmunzelnd lauschte das Publikum dieser außerordentlichen Sprach-Künstlerin, die im Vortrag alle Register der Darstellung zieht. Auch wurden, Gott sei Dank, hernach gar keine Fragen gestellt, nicht einmal kluge. Sie hätten der Wirkung dieses Abends vermutlich eher Schaden zugefügt.

Mitgebracht hatte Nora Gomringer, mit Literatur-Auszeichnungen überhäuft, mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis geadelt und von Doris Bugiel namens des veranstaltenden Donnersberger Literaturvereins als eine der zur Zeit wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen eingeführt, ihren 2020 erschienenen Gedichtband „Gottesanbieterin“. Die Begegnung mit einer derartigen Riesenheuschrecke vor vielen Jahren ließ, wie es heißt, die Lyrikerin nachdrücklich über Glaube und Religion nachsinnen. Das dem Tiernamen eingefügte „i“ im Buchtitel ist also literarischer Mehrwert.

Früher Poetry-Slam

Denn Gomringer, sich freimütig zum Glauben bekennende Christin, macht ihren Lesern eindrückliche Denk-Angebote in sprachlich außerordentlich konzentrierten, meist kurzen Gedichten – über Gott und die Welt, über Dies- und Jenseitiges, über Mensch und Tier. Ernst und tiefgründig, manchmal zeitlos wie ein Gebet, manchmal mit heiterem Grundton.

Der silbrige, gelackte Umschlag, in dem sich der Leser durchaus symbolträchtig selbst spiegeln kann, umhüllt alles andere als Hochglanzlyrik. Gomringer, früher eine Queen des Poetry Slam, kommt uns nachdenklich, verletzlich, mitfühlend entgegen in den fünf Teilen dieses Bandes. „Widmung“ heißt einer davon, Menschen zugedacht, die sie geprägt haben, die sie verloren hat. Wie Freund Tim, dem der Gedichtband gewidmet ist. Der Tod der Mutter vor zehn Monaten schwingt übergreifend in den Vorträgen mit: Sie, nicht der berühmte Dichter-Vater habe ihre Liebe zu Gedichten und zu Märchen geweckt, sie habe sie schreibend faszinieren wollen, ihr habe sie alles zu verdanken, bekennt die Lyrikerin.

Margot Frank verbunden

Ihr jüngstes Buch sieht sie als „eine Art Katechismus. Ich erkläre der Welt, dass und warum ich ein gläubiger Mensch bin“, beschreibt die 41-Jährige, die in Bamberg lebt und dort Direktorin eines internationalen Künstlerhauses ist, ihr Anliegen. Sofort möchte man nach ihrem Vortrag in die Eifel fahren, um in „Des Architekten Zumthor Bruder-Klaus-Kapelle“ „Teil eines Wandelns“, „Teil eines Wunderns“ zu werden – ein schlichtes, ein vollkommenes Gedicht. Nicht minder fühlt man sich mit ihr Margot Frank verbunden, ältere Schwester der berühmten Tagebuch-Schreiberin, der die Lyrikerin, angeregt durch den Besuch eines Frankfurter Museums, ein stilles Denkmal schrieb. Bitter leidet man mit den „Verdingkindern“, die arme Familien einst zur Arbeit auf Bauernhöfen und damit oft ins Verderben schicken mussten. Letztgenannte und weitere gelesene Gedichte über Krankheiten, Schicksale patriarchalisch unterdrückter Frauen, Vernichtung jüdischen Lebens, Mitläufer-Schuld entstammen teils früheren Veröffentlichungen, darunter dem Nora Gomringer gewidmeten „Poesiealbum“ Nummer 358 – eine in der DDR populäre Lyrikreihe, die die Wende überlebte.

Auch Smartphone Programmpunkt

Auf heiter-spöttische oder mit Sarkasmus gewürzte Gedichte, die man auch mit Nora Gomringer verbindet, musste das Publikum im Blauen Haus bei dieser coronabedingt nachgeholten Veranstaltung der Donnersberger Literaturtage dennoch nicht verzichten. Wie gleich zu Beginn der Lesung auf bissige Unterwerfungs-Ratschläge „An die Neue“ eines Mannes. Oder auf Märchen, nach Gomringer-Art erzählt – etwa Froschkönig und Rumpelstilzchen –, auf Antiken-Zitate wie „Narziss und Echo“ und die unendlich gedehnte „Langsamkeit“, die Nora Gomringer genüsslich-lautmalerisch zelebrierte: ein Markenzeichen der genial vortragenden Dichterin, die ein Gedicht auch schon mal singt. Wie sie überhaupt in lustvoller Grenzüberschreitung mit vielfältigen künstlerischen Genres wie Musik oder Film im Bunde ist und munter auf der Klaviatur moderner Medien spielt; praktischerweise liegt auch der „Gottesanbieterin“ wieder eine Hör-Version der Gedichte bei.

Selbst ihr Smartphone machte sie im Blauen Haus zum Programmpunkt: Topaktuell präsentierte sie eine Vertonung ihres Gedichtes „Daheim“ durch eine junge dänische Dichterin. Man wird nicht behaupten können, dass das Dänische der Lyrik schmeichelt, aber Nora Gomringer, beglückt und erheitert, steckte auch hier das Publikum mit ihrem etwas rauen, sinnlichen Lachen an.

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