Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Flüchtlingsarbeit im Donnersbergkreis: Integration als Gemeinschaftsaufgabe

In der Villa Michel auf dem Schillerhain sind nach wie vor Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht.
In der Villa Michel auf dem Schillerhain sind nach wie vor Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht.

Immer mehr Menschen kommen als Flüchtlinge nach Deutschland. Das stellt die Kommunen vor enorme Aufgaben. Auch im Donnersbergkreis ist die Lage herausfordernd.

Nach UN-Angaben befinden sich derzeit schätzungsweise 114 Millionen Menschen auf der Flucht. Das ist ein neuer Höchststand. Wie der Donnersbergkreis mit dieser Situation umgeht, fragte Redakteurin Jutta Glaser-Heuser bei der Abteilungsleiterin Soziales, Judith Mattern-Denzer, und bei Standortentwickler Reiner Bauer im Kreishaus nach.

Viele Kreise und Kommunen ächzen unter der Last der stetig steigenden Zahl an Asylsuchenden. Im Donnersbergkreis bleibt es vergleichsweise ruhig. Liegt das an den eher ländlichen Strukturen hier?
Bauer: Ländliche Strukturen schützen vor derartigen Problemen nicht, das lässt sich in den ostdeutschen Ländern erkennen. Es liegt nach meiner Einschätzung eher daran, dass bei uns viele Schaltstellen gut miteinander funktionieren. Aber man darf nicht verhehlen, dass der stetige Zuzug von Asylsuchenden und Ukrainern auch für uns eine enorme Aufgabe ist.

Wo zeigt sich das in erster Linie?
Mattern-Denzer: Ganz stark macht sich das am Beispiel der Unterbringung fest. Wir hatten diese Aufgabe seit vielen Jahren auf die Verbandsgemeinden übertragen, weil man dort den besten Überblick über die Wohnungssituation hat. Mittlerweile unterstützen wir die Gemeinden. Nachdem sich der Wegfall der Jugendherberge Steinbach als Sammelunterkunft abgezeichnet hat, haben wir zwei Beleghäuser angemietet, in denen rund 50 Personen untergebracht werden können. Beide stehen in Rockenhausen.

Wie viele Asylbewerber sind in diesem Jahr im Kreis angekommen?
Mattern-Denzer: Die Zuweisungen erfolgen über das Land, wir haben darauf keinerlei Einfluss. In diesem Jahr haben wir bisher 230 Asylbewerber, rund 100 werden noch kommen bis zum Jahresende. Hinzu kommen die mehr als 800 Ukrainer, die im Kreis untergebracht sind. Diese Menschen sind meist aus eigener Kraft hierher gekommen, sie kommen bei Familienmitgliedern oder Freunden unter und stehen dann vor der Tür.

Kommen nach wie vor überwiegend junge Männer?
Mattern-Denzer: Ja, das ist so. Es gibt die These, dass oftmals die jungen kräftigen Männer von ihren Familien vorgeschickt werden, um hier Geld zu verdienen und das dann in die Heimatländer zu schicken. Anders ist das bei den Flüchtlingen aus der Ukraine. Junge Männer dürfen von dort gar nicht ausreisen, sie müssen kämpfen. Daher sind es in erster Linie Frauen, die mit ihren Kindern vor dem Krieg fliehen. Für sie Wohnraum anzumieten ist einfacher als beispielsweise eine Wohngemeinschaft für junge Männer zu gründen.

Besteht nicht die Gefahr, dass es zu schlechter Stimmung kommt, wenn der ohnehin knappe Wohnraum von Flüchtlingen belegt wird?
Mattern-Denzer: Bis jetzt glücklicherweise nicht. Die Wohnungen, in denen wir die jungen Männer unterbringen, sind für junge Familien aus dem Kreis meist nicht geeignet.

Bauer: Was die Wohnungssituation anbelangt, sind wir im ständigen Gespräch mit den Vertretern der Kommunen – das läuft glücklicherweise ziemlich geräuschlos und problemlos ab. Dabei wird geschaut, dass wir Engpässe vermeiden. Bisher klappt das auch ganz gut.

Bundeskanzler Olaf Scholz will Asylsuchende künftig schneller in Arbeit bringen. Wie schätzen Sie das ein?
Mattern-Denzer: Im Kreis wurde vor fast 20 Jahren die Qualifikations- und Beschäftigungsgesellschaft GBQ gegründet, mit dem Ziel, Menschen zügig in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wer als Asylsuchender bei uns im Kreis unterkommt, der wird sehr schnell mit Arbeitsschuhen und einer Busfahrkarte ausgestattet und muss an einen vereinbarten Ort zur Abholung kommen, um bei der GBQ zu arbeiten.

Bauer: Wir wollen damit zwei Dinge erreichen. Zum einen, dass die Menschen einen geregelten Tagesablauf haben. Zum anderen haben wir festgestellt, dass diese Arbeit auch wie ein Impuls wirkt, sich selbst um eine Beschäftigung zu kümmern. Die meisten sind nicht lange in dieser Beschäftigungsgesellschaft und finden sehr schnell irgendwo eine andere Stelle.

Mattern-Denzer: Dabei spielt es sicher eine Rolle, dass man in unserer GBQ nur 80 Cent die Stunde als Ausgleichszahlung bekommt. Das ist natürlich nicht besonders attraktiv. Da überlegen dann viele, wo sie etwas mehr verdienen könnten.

Dass Asylbewerber monatelang nicht arbeiten dürfen, das stimmt demnach so überhaupt nicht?
Bauer: Das ist bei uns jedenfalls nicht die Regel. Um eben das zu vermeiden bieten wir bereits vor den Qualifizierungsmaßnahmen des Jobcenters Sprachkurse an. Denn Sprache ist nun mal ein wichtiger Schlüssel zur Integration. Eine andere Frage ist die nach der Anerkennung der Abschlüsse. Ob eine Krankenschwester oder ein Anlagenmechaniker hier in ihrem Beruf arbeiten dürfen, da muss schon genau hingeschaut werden. Wir wollen ja unsere Standards nicht einfach aufgeben.

Lässt sich denn sagen, wie viele Menschen hier im Kreis insgesamt leben, die als Asylbewerber hierher gekommen sind?
Mattern-Denzer: Das lässt sich kaum sagen. Sobald die Menschen ihren Titel, also die Anerkennung als Asylberechtigte haben, dürfen sie sich ja frei bewegen im Bundesgebiet. Manche gehen dann weg, andere kommen. Manche sind zwischenzeitlich auch schon eingebürgert, die tauchen dann in keiner Statistik mehr auf. Wir können nur die aktuellen Zahlen sagen zu denjenigen, die uns zugewiesen werden.

Wie nehmen Sie die Haltung der Menschen im Kreis wahr? Gibt es da Anfeindungen oder schlechte Stimmung gegen Asylbewerber?
Bauer: Zumindest dringt da nichts bis zu uns. Aber das liegt sicher auch genau daran, dass die Asylsuchenden schnell arbeiten und dann ihre Wohnungen und ihren Lebensunterhalt selbst bezahlen. Wer sich versorgt und einer Arbeit nachgeht, der wird im Normalfall auch akzeptiert. Das ist ein wesentlicher Punkt bei der Integration.

Also alles gut im Donnersbergkreis?
Mattern-Denzer: Wir wollen das nicht schön reden, es ist schon eine große Herausforderung, so viele Menschen unterzubringen. Nehmen wir mal den Bereich Kita. Da fehlt es vor allem an Fachpersonal. Wir haben schon alle Hände voll zu tun, die deutschen Kinder zu versorgen. Dabei wäre es aber gerade hier wichtig, Plätze für die Kinder bereitzustellen, denn auf dieser Ebene funktionieren der Spracherwerb und die Integration noch sehr problemlos. Auch an den Schulen muss einiges geleistet werden, denn es gibt bei uns eine Schulpflicht, und die gilt auch für die geflohenen Kinder.

Und wie sieht es aus mit den unbegleiteten Minderjährigen? Kümmern sich um diese weiterhin Schwerpunktjugendämter?
Mattern-Denzer: Diese Aufgabe müssen jetzt die Jugendämter selbst wahrnehmen. In diesem Jahr wurden uns bisher zwölf zugewiesen. Das ist schon eine zusätzliche Belastung.

Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft dabei, dass es hier gut klappt mit der Integration der Flüchtlinge und auch der Ukrainer?
Bauer: Eine sehr große. Es ist wertvoll, dass es mit Erika Steinert als Integrationsbeauftragten und mit dem Beirat für Migration und Integration engagierte Kreis-Akteure gibt. Sie, die Helferkreise und die Flüchtlingshilfe sind der eigentliche Schlüssel zur gelingenden Integration. Da gibt es im Kreis glücklicherweise sehr engagierte Menschen.

Judith Mattern-Denzer, Leiterin der Sozialabteilung im Kreishaus.
Judith Mattern-Denzer, Leiterin der Sozialabteilung im Kreishaus.
 Reiner Bauer, im Kreishaus für Standortentwicklung zuständig.
Reiner Bauer, im Kreishaus für Standortentwicklung zuständig.
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