Fussball
ASV Winnweiler: Spielerinnen helfen im Ahrtal
Am Mittwoch ab 7 Uhr sitzt Melanie Geißler zusammen mit ihren Mannschaftskolleginnen und Helferinnen aus dem Donnersbergkreis, die sich angeschlossen haben, erneut im Auto, fährt Richtung Bad Neuenahr-Ahrweiler. Genauer gesagt in den Innovationspark nach Grafschaft, dort wo sich um 9 Uhr das Helfer-Shuttle mit Freiwilligen in die von den Wassermassen völlig zerstörten Ortschaften aufmacht. „Bei uns in der Mannschaft war das eigentlich keine lange Frage, ob wir helfen, als wir die Bilder gesehen haben. Wir sind ohnehin im Team sehr sozial eingestellt, haben beispielsweise auch während des Lockdowns, als kein Training möglich war, im Wald Müll gesammelt, um etwas Sinnvolles zu tun“, erzählt Geißler.
Als Mannschaftskameradin Hanna Gutheil die Idee aufbrachte, in den Überflutungsgebieten zu helfen, war schnell der erste Einsatz über Whats-App geplant. Vier ASV-Spielerinnen, eine Ehemalige, einige Freunde und Familienmitglieder von früheren Spielerinnen des Teams schlossen sich an, mit zwei Autos fuhr die Gruppe vor etwa zwei Wochen los. Frühmorgens hin, abends wieder zurück, „weil viele von uns auch nur tageweise Urlaub dafür nehmen können“.
Direkt Gänsehaut bekommen
Das ganze Ausmaß der Katastrophe, einfach unvorstellbar, auch für die Winnweilerer Helferinnen, die Betroffenen, die Geißler und ihre Mitstreiterinnen antrafen, „stehen noch immer unter Schock, realisieren es gar nicht richtig, dass wirklich alles weg ist“, sagt sie.
Gänsehaut überkam Geißler beim Anblick der Zerstörung. Die Eindrücke trafen sie im Inneren. Selbst für die, die dort waren, bleibe vieles Gesehene irgendwie unwirklich. „Es beschäftigt einen emotional sehr. Man überlegt dann, wenn man mal frei hat, dass man noch im eigenen Garten arbeiten müsste, aber eigentlich ist das auch wieder total unnötig, weil man direkt wieder an die Menschen vor Ort denkt und eigentlich nur jede freie Minute nutzen will, um dort zu helfen“, berichtet Geißler.
Vom Dach gerettet
Die Erlebnisse aus jener Nacht, als das Wasser ganze Teile der kleinen Ortschaften förmlich wegriss, die die Betroffenen erzählen, sind teilweise nur schwer zu ertragen. „Wir waren auch in Marienthal und haben dort bei einer Familie den Keller ausgeschippt. Das Haus war wirklich vollständig zerstört, nur die Hülle stand zum Glück noch. Im Keller war kniehoch der Schlamm.“ Mit dem Schwiegersohn des Besitzers kam Geißler ins Gespräch: Gegen 22.30 Uhr, als vor etwa drei Wochen die Flut kam, habe sich die gesamte Familie „auch mit ihrem Kaninchen und den Katzen“ aufs Dach gerettet, „harrte dort elf Stunden aus, bis sie am nächsten Morgen mit dem Hubschrauber gerettet wurden“. Still wurde es angesichts solcher Eindrücke auf der Heimfahrt, „wir mussten die Erlebnisse alle erstmal sacken lassen, waren aber auch einfach platt“, ob der schweren Arbeit.
„Wie im Kriegsgebiet“
„Das kann man sich vorher gar nicht vorstellen. Wenn es vor Ort dann wirklich aussieht wie in einem Kriegsgebiet, weil zum Beispiel die Straßen einfach weg sind, nimmt einen das schon sehr mit“, sagt Melanie Geißler. „Emotional sehr bewegt“ kamen die Frauen bei ihrer ersten Fahrt nach Dernau, schaufelten den Bahnhof dort von den Schlammmassen frei. „Er wurde eigentlich gerade renoviert, es standen noch Betonmischer und Zementsäcke drin“, durch die Feuchtigkeit wurde der Zement fest, die Säcke zum Abtransport noch schwerer. „Aber die Hilfsbereitschaft der Menschen ist wahnsinnig schön“, zu sehen, wie sehr sich die Betroffenen über die Hilfe freuen, wie dankbar sie sind, gebe auch dem Team viel zurück.
„Man ist am Ende des Tages wirklich voll stinkigem Schlamm“, berichtet Geißler. Dass dennoch beispielsweise viele ihre privaten Autos als Shuttle zur Verfügung stellen, „obwohl die wirklich schlimm aussehen, wenn die Helfer abends mit ihren dreckigen Klamotten wieder zurückgefahren werden“, gibt ihr Motivation.
Mit Wathose in den Hilfseinsatz
Die Hilfe sei vor Ort sehr gut organisiert, im Innovationspark werde an jedem Tag neu eingeteilt, „wir wissen nie, was uns erwartet, haben aber auch am Mittwoch unsere Standardausstattung dabei.“ Gummistiefel, Stirnlampen, Arbeitskleidung – Geißler selbst hat sich eine Wathose gekauft – auch Schutzbrillen und Ohrstöpsel sind im Gepäck.
Am Mittwoch packen die „ASV-Ladies“, wie sie sich selbst nennen, wieder mit an, „und am Sonntag wollen wir auch wieder hin. Wenn sich da noch Leute anschließen wollen, können sie uns auf Facebook oder Instagram einfach anschreiben“. Dass sie sich Woche für Woche tagelang im Ahrtal engagieren „ist für uns wirklich selbstverständlich“, sagt Melanie Geißler, die gerne auch noch ein paar Männer ermuntern möchte, bei den nächsten Hilfseinsätzen mitzufahren. „Wir waren bislang alles Frauen, dabei könnten wir bei schweren Arbeiten auch gut noch ein paar Männer gebrauchen.“
Info
Wer sich den Spielerinnen des ASV Winnweiler bei den Fahrten ins Ahrtal als freiwilliger Helfer anschließen will, kann eine Nachricht bei Instagram oder Facebook schreiben. Auf der Homepage www.helfer-shuttle.de gibt es zudem im Vorfeld Informationen, welche Materialien und Geräte vor Ort gebraucht werden, was zu beachten ist.