Nachgeschenkt
Warum eine Wurstmarktabsage noch schwerer fallen würde als 2020
Diese Woche wurde in München das Oktoberfest abgesagt. Kaum war die Nachricht raus, wurde rund 350 Kilometer nordwestlich wieder die Frage laut: Was ist mit dem Wurstmarkt? Tatsächlich ließen sich die Argumente, die Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für die Absage formulierten, nahezu eins zu eins auch auf den Wurstmarkt übertragen: Im Zweifel stehe der Gesundheitsschutz über dem berechtigten Interesse an einem Volksfest, die Wiesn als Infektionsherd würde die Marke Oktoberfest massiv beschädigen oder auch ein Oktoberfest nur für Geimpfte und Negativ-Getestete widerspräche dem Gedanken eines Volksfests.
Wie 2020 lassen sich die Verantwortlichen in Dürkheim aber Zeit mit der Entscheidung: Diese soll Anfang Juli im Stadtrat fallen. Das bekräftigte Bürgermeister Christoph Glogger (SPD) nochmals im RHEINPFALZ-Gespräch. Glogger sagte aber auch: „Wenn wir jetzt entscheiden müssten, müssten wir absagen.“ Dass die Dürkheimer länger warten können als die Wiesn-Planer, liegt laut „Organisationschef“ Marcus Brill daran, dass die Vorlaufzeit für den Wurstmarkt deutlich kürzer ist als für das deutlich größere Oktoberfest: „Für das Oktoberfest werden teilweise richtige Gebäude errichtet. Der Aufbau auf dem Festgelände beginnt dort schon Anfang Juni“, erklärt Brill.
Andere Situation als 2020
In Dürkheim würden erst Anfang Juli die ersten „Produktionskosten“ anfallen, wie Brill sagt – die Stadt reizt die Zeit also voll aus. Diese Strategie habe sich im vergangenen Jahr bewährt, argumentiert Glogger, der dafür damals viel Kritik einstecken musste.
Allerdings ist die Situation 2021 eine andere – und anders als im Mai 2020 gibt es zumindest ein Fünkchen Hoffnung auf einen Wurstmarkt. Denn die Impfkampagne kommt trotz aller Nachschubprobleme voran und bis 10. September werden viele Menschen geimpft sein. Zudem wird es im Sommer Großveranstaltungen geben – Stichwort Fußball-EM –, bei der Zuschauer zugelassen werden sollen. Damit werden Komplettabsagen schwieriger zu vermitteln sein, zumal viele Schausteller ein zweites Jahr ohne Einnahmen und mit faktischem Berufsverbot kaum überstehen werden.
Auf der anderen Seite bleiben viele Unbekannte: Werden die Inzidenzwerte weiter sinken? Was ist mit den Mutationen? Und mit dem Impfzentrum in der Salierhalle? Ließe sich – der politische Wille vorausgesetzt – überhaupt kontrollieren, dass nur Immunisierte auf das Festgelände kommen? Und wäre das dann noch ein Wurstmarkt?
Viele Szenarien möglich
Brill hat angekündigt, in den kommenden Wochen viele Szenarien durchspielen zu wollen. Die Entscheidung möglichst spät zu treffen, ist unter den derzeitigen Voraussetzungen sinnvoll. Dass es 2021 einen Wurstmarkt geben wird, wie wir ihn kennen, scheint zwar nicht ausgeschlossen, doch zumindest sehr unwahrscheinlich. Oder wie Christoph Glogger es formuliert: Jeder könne sich die Frage stellen, ob er es sich vorstellen könne, unter den dann wahrscheinlich immer noch geltenden Pandemie-Erschwernissen samstagabends dicht an dicht in einem Schubkarchstand zu sitzen.
In München planen sie im zweiten Jahr in Folge einen „Sommer in der Stadt“, bei dem Schausteller ihre Buden und Fahrgeschäfte dezentral in der bayrischen Landeshauptstadt aufstellen können. Eine Überlegung, die sicher auch bei Marcus Brills Szenarien eine Rolle spielt.
