Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Online singen funktioniert nicht“

Virtuelle Chorproben wie hier sind nicht jedermanns Sache.
Virtuelle Chorproben wie hier sind nicht jedermanns Sache.

Chöre und Gesangvereine sind im Advent sehr gefragt. Weihnachtskonzerte in stimmungsvoller Atmosphäre, Auftritte in Altenheimen – in diesem Jahr ist das nicht möglich. Wir haben bei einigen Chören gefragt, was das für sie bedeutet.

Das Weihnachtskonzert des Gesangvereins Liedertafel 1859 Ungstein am dritten Adventssonntag ist seit 30 Jahren für die Ungsteiner die Einstimmung auf Weihnachten. „Das Konzert wird von der Gemeinde vermisst“, sagt Hans-Georg Weber, stellvertretender Vorsitzender.

Zum Gesangverein Liedertafel gehören der traditionelle Chor und der Popchor TonArt. Den Popchor hat Eric Meßmer 2011 gegründet und bis Ende vergangenen Jahres geleitet. „Unser Chorleiter hat noch andere Verpflichtungen, deshalb wurde es ihm zu viel, und wir haben kurz vor der Pandemie eine Chorleiterin eingestellt. Im Sommer habe der Chor TonArt einige Male auf der Römerkelter geprobt und sich einmal in einem Gartenlokal getroffen. „Wir haben es auch mit digitalen Proben versucht, aber das bringt nichts“, so Weber. Der traditionelle Chor habe im Ungsteiner Haus in zwei Schichten geprobt. „Es ging, aber es ist nichts Richtiges“, so das Urteil der Sänger. Etwa 70 Aktive hat die Liedertafel. „Einige der älteren Sänger des Chors haben angekündigt, dass sie nach der langen Unterbrechung nicht wieder anfangen werden zu proben“, so Weber.

Chorleiter mit Maßband

„Die Weihnachtsfeier ist sehr wichtig für unser Vereinsleben, da wird immer ein kleines Theaterstück aufgeführt, und es gibt eine große Tombola“, berichtet Uschi Siemons, Vorsitzende des Gesangvereins 1845 Gönnheim. „Dieses Jahr hatten wir nicht einmal die Gelegenheit, für ein Theaterstück zu proben“, sagt Siemons. Die größte Enttäuschung für den Chor habe es aber bereits beim ersten Lockdown gegeben: Mit den Chören aus Wachenheim und Ellerstadt habe der Chor ein Konzert zur 175-Jahr-Feier im März vorbereitet. Das sei ebenso abgesagt worden wie alle anderen Veranstaltungen.

Nach dem ersten Lockdown wurde zweimal hinter der Kirche im Freien geprobt. „Unser Chorleiter hat mit einem Maßband die Abstände abgemessen“, erzählt Siemons. „Da hat aber keiner die Stimme des anderen gehört“, berichtet Siemons. Später wurde auch in der Kirche geprobt. Als das wegen des Lockdowns im November nicht mehr möglich war, habe der Chorleiter die Stimmen aufgenommen. „Das sollte gemischt und an Heiligabend im Gottesdienst abgespielt werden, aber jetzt gibt es keinen Gottesdienst“, so Siemons.

Kontakt halten übers Telefon

„Dieses Jahr ist für den Chor ziemlich deprimierend“, sagt Frank Meinhardt, Vorsitzender der Chorgemeinschaft MGV 1845 Ellerstadt. Auch für die Chorgemeinschaft ist das Konzert zum 175. Jubiläum ausgefallen. Seit Monaten werde online geprobt. „Das ist absolut super und einwandfrei, wenn die einzelnen Stimmen neue Lieder lernen“, sagt Meinhardt. Man übe dabei sogar viel mehr, denn man singe ohne Ton auch dann mit, wenn die anderen an der Reihe sind. „Aber ein Lied gemeinsam online zu singen, das funktioniert nicht“, so die Erfahrung der Ellerstadter Sänger. Zudem würden einige der Aktiven nicht an den Online-Proben teilnehmen.

„Im Advent haben wir immer im Altenheim gesungen, und wir haben eine Weihnachtsfeier, beides ist ausgefallen“, sagt Bernd Katz, Vorsitzender des Männergesangvereins 1846 Freinsheim. Seit Mitte März hatte der Männergesangverein keine Proben. „Internet funktioniert bei uns nicht, die meisten unserer 24 Sänger und Sängerinnen sind älter und haben nicht die technischen Möglichkeiten“, sagt Katz. Kontakt halte man vor allem über das Telefon.

Alle Auftritte gestrichen – trotz Hygienekonzept

Der Kirchenchor Dackenheim singe traditionell beim Gottesdienst an Heiligabend, berichtet Chorleiter Renko Anicker. „Da freuen sich immer alle darauf“, weiß er. In diesem Jahr ist kein Gottesdienst. Gestrichen wurde auch ein weiterer Termin: der Auftritt bei der Seniorenveranstaltung am dritten Adventssonntag. Wie Anicker berichtet, hat der Kirchenchor im Sommer einige Male im Freien mit großen Abständen geprobt. „Da hat jeder immer gesagt, ich höre nur mich“, berichtet Anicker von den Schwierigkeiten. Trotzdem habe ein Auftritt bei einem Gottesdienst auf dem Platz beim Dorfgemeinschaftshaus, bei dem die Konfirmation nachgeholt wurde, gut geklappt. Gerne hätte er im Dorfgemeinschaftshaus weitergemacht. „Obwohl wir ein Hygienekonzept nach den Vorgaben der Landesregierung vorgelegt haben, wollte die Gemeinde noch eine Prüfung vom Gesundheitsamt“, berichtet Anicker. Das habe man der überlasteten Behörde nicht zumuten wollen und deshalb auf die Proben verzichtet. „Im Dackenheimer Chor sind fast alle irgendwie miteinander verwandt, da hat man ohnehin Kontakt“, berichtet Anicker.

Anicker ist auch Leiter des Wachenheimer Kirchenchors. Der habe sich im Sommer im Pfarrgarten einmal getroffen, „jeder hat sich was zu trinken mitgebracht“, erzählt Anicker. Nach dem Sommer wurde mit den Proben wieder begonnen. „Es sind aber nicht alle gekommen, einige hatten Angst“, so Anicker. Wie er berichtet, habe bei einigen Gottesdiensten der Chor gesungen. „Acht Sänger sind erlaubt“, erklärt er. Eine Darbietung beim Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag sei ebenfalls geplant gewesen, „der ist aber gestrichen“. Die Mitglieder des Chores seien über WhatsApp und E-Mail in Kontakt, und er schicke Links zu Aufnahmen der einzelnen Stimmgruppen, die er gemacht habe.

Anicker, der noch weitere Chöre leitet und als Bläser aktiv ist, erzählt, dass er normalerweise an Weihnachten bei mindestens vier bis fünf Gottesdiensten im Einsatz ist, in diesem Jahr sei er erstmals bei keinem Gottesdienst tätig.

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