Wachenheim
Frieden nur eine Utopie? – Ein nachdenklicher Abend mit Moritz Stoepel
Kriege gab es in der Menschheitsgeschichte schon immer und damit auch die Sehnsucht nach Frieden und Überlegungen, wie dieser zu erreichen sei oder was überhaupt Friede meint. Manchen Pessimisten kommt angesichts des weltweiten Leids der Gedanke, dass der Mensch möglicherweise gar nicht zu Frieden fähig sei. So ein Einlass von Astrid Lindgren. Wobei man diesen Gedanken schnell vergessen möchte ...
Vielen der Jüngeren erschien in Westeuropa Frieden als etwas Selbstverständliches. Krieg als etwas Fernes, Vergangenes. Durch den Konflikt in der Ukraine ist Kriegsangst wieder real: Nach dem aktuellen „ARD-Deutschlandtrend“ sehen 67 Prozent der Deutschen den Frieden in Europa stark oder sehr stark bedroht, fürchten eine Ausweitung des Krieges. Zudem schockt die Brutalität des Konfliktes in Israel. Die scheinbar unlösbare Aufgabe, den Krieg in der Ukraine dauerhaft zu beenden, macht ratlos, weil Frieden schaffen ohne Waffen zur Utopie geworden ist, Frieden schaffen mit Waffen jeden Pazifisten das Herz bluten lässt.
Harmonie mit dem Universum
Der Schauspieler. Rezitator und Musiker Moritz Stoepel bleibt in seinem neuen Programm aber nicht in der Aktualität verhaftet. Seine zitierten Werke handeln auch vom „inneren Frieden“ als Voraussetzung zu politischem Frieden: Nach einem Navajo Gedicht ist der erste Friede der Seelenfriede, der Friede mit sich selbst in Harmonie mit dem Universum. Der zweite der zwischen den Menschen, dann erst käme der Friede zwischen den Völkern, der aber den ersten Frieden zur Voraussetzung habe. Stoepel zitiert die Sätze begleitet durch eine Art Windspiel, schamanistisch angehauchte Klänge lassen von weiten Landschaften träumen und Menschen, die in Weisheit und Harmonie leben. Die Sehnsucht nach Harmonie mit der Natur ist allerdings ebenso eine Utopie.
Stoepel nimmt das Thema Spiritualität auf und kommt auf Jesus als Kämpfer für einen neuen Menschen mit einem radikal veränderten Bewusstsein. Nächstenliebe statt Hass und Gier. Ein Kampf mit dem „Schwert des Geistes“. Worte des Matthäus-Evangeliums, oft missverstanden als „Kriegsschwert“. Ein Gedanke, der wieder zu Erich Kästner führt. In „dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“ lobt Kästner Jesus: „Du wolltest alle Menschen frei und Frieden auf der Erde… Du warst ein Revolutionär und machtest Dir das Leben schwer mit Schiebern und Gelehrten… Du kamst an die Verkehrten… Du hattest sie vergeblich lieb. Du starbst umsonst und alles blieb beim alten“.
Leidenschaftliche Chansons
So negativ verbleibt Stoepel aber nicht, zitiert Rosa Luxemburgs „Brief aus dem Gefängnis“, bekannt als „Büffelbrief“, in dem sie Mitleid mit einem geschundenen Zugbüffel zeigt und sich in ihm wiedererkennt. Ihr eigenes Leid tötet nicht ihr Mitleid mit anderen Wesen. Das ist eine Klammer zum Navajo-Gedicht: Harmonie mit sich selbst und der Umwelt, alle Wesen leiden gleich. Mensch oder Tier, alle sind fühlende Wesen.
Die sehr deprimierenden Texte werden aber immer wieder aufgelöst durch wunderschöne leidenschaftliche Chansons auf italienisch und französisch, zu denen er sich am Klavier begleitet. Sie lassen das Publikum dahinschmelzen und aufatmen. Kraftvolle, zur Aktivität aufrufende Lieder, begleitet mit Gitarre oder Akkordeon von Wolf Biermann, Konstantin Wecker und Rio Reiser machen Mut, für das Gute zu kämpfen, auf der „richtigen Seite“ zu stehen.
Beim Refrain von Konstantin Weckers Lied „Sag Nein“ stampft er kräftig laut mit den Stiefeln auf, schlägt die Gitarre hart an, wird laut, sodass alle sofort bereit wären, „mitzumachen“, „ob als Penner oder Sänger, Banker oder Müßiggänger, ob als Priester oder Lehrer, Hausfrau oder Straßenkehrer, ob du sechs bist oder hundert, sei nicht nur erschreckt, verwundert, tobe, zürne, misch dich ein: Sage Nein! Und wenn sie in Deiner Schule plötzlich lästern über Schwule, Schwarze Kinder spüren lassen, wie sie andere Rassen hassen, Lehrer, anstatt auszusterben, Deutschland wieder braun verfärben, hab dann keine Angst zu schrein: Sage Nein.“
Der Mensch, der den Menschen bedroht
In dem Sinne wird auch Wolf Biermanns „Wann ist denn endlich Friede“ zitiert: „Es sind nicht die Panzer, es sind nicht die Bomben, es ist ja der Mensch, der den Menschen bedroht“.
Man kann also was tun! Die Frage ist bloß: was und wie. „The answer my friend, is blowing in the wind“. Auch dieses Lied spielt er. Und die Rede von Martin Luther King „I have a dream“. Vielleicht wird aus Träumen dann doch irgendwann Wirklichkeit?
Es wären noch viel mehr Texte, Gedanken zu nennen. Stoepels Programm gibt es seit über einem Jahr. Da er als Schauspieler und Intellektueller unzählige Texte im Kopf hat und liebt, aktualisiert er sein Programm immer wieder. Neue Texte unterstreichen seine Überzeugungen, lassen aber auch dem Hörer die Freiheit, sich seine eigenen Gedanken zu machen oder sich seine Lieblingspassagen auszusuchen. Der vollbesetzte Saal war begeistert, aber andächtig begeistert. Nachdenklich. Philosophisch. Ratlos. Hoffnungsvoll. Zustimmend. Und dann ist da noch die schöne Singstimme, die den Abend mit einem hebräischen Wiegenlied friedlich ausklingen lässt.