Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Angehörige von Philipp Fauth: Zwiespältiges Bild vom Ahnen

Seit den 1950er-Jahren gibt es in Bad Dürkheim eine Philipp-Fauth-Straße.
Seit den 1950er-Jahren gibt es in Bad Dürkheim eine Philipp-Fauth-Straße.

Seit der Empfehlung des Kulturausschusses im November wird über die Umbenennung unter anderem der Philipp-Fauth-Straße diskutiert. Doch wie erlebt die Familie die Debatte? Im Gespräch mit der RHEINPFALZ geben zwei Nachfahren Einblick – und üben Kritik.

„Größte Überraschung und Irritation“ – so beschreibt Regine Müller-Fauth ihre Gefühlslage, als sie von den Plänen der Stadt erfuhr, die Philipp-Fauth-Straße umzubenennen. Sie ist die Enkelin Philipp Fauths, der mit seinen Mondbeobachtungen und -karten bekannt, aber durch sein Verhältnis zur Nazi-Ideologie belastet wurde. Dass der Kulturausschuss die Umbenennung unter anderem der Philipp-Fauth-Straße empfiehlt, erfuhr die 80-Jährige durch Zufall: Ihr Bruder Wolfram Fauth erhielt RHEINPFALZ-Artikel darüber.

Regine Müller-Fauth lebt jetzt in Mainz. Sie ist die jüngste Tochter von Hermann Fauth, dem Sohn Philipp Fauths. Er war es, der die bekannte Mondkarte nach dem Tod seines Vaters fertigstellte. „Sieben Jahre lang haben wir ihn nur mit Zeichenstift im Arbeitszimmer verschwinden sehen“, erinnert sich Müller-Fauth. Sie war Lehrerin und setzte damit die Fauth’sche Familientradition fort. Ihr Großvater sei überall im Haus präsent gewesen, die Familie habe ihn wegen seiner „großartigen Mondforschung“ bewundert, erinnert sich Müller-Fauth. Auch sei er als Lehrer und Astronom sowohl in Bad Dürkheim als auch in Landstuhl ein geachteter Mann gewesen. 1945 flüchtete Hermann Fauth mit seiner Familie aus Ostpreußen nach Landstuhl in das Haus seines 1941 verstorbenen Vaters. Regine Müller-Fauth hat ihren Großvater nie kennen gelernt, er starb ein Jahr vor ihrer Geburt.

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„Mir fehlt die Anerkennung“

Empört hat die Familie das Gutachten des Historikers Julien Reitzenstein, auf das sich der Kulturausschuss der Stadt bei seiner Empfehlung für die Umbenennung der Straße stützte. Es sei alles andere als neutral und in „herabwürdigender Sprache“ verfasst, kritisiert Müller-Fauth. Ihr Großvater werde reduziert auf seine Mitgliedschaft in der SS-Wissenschaftsorganisation Ahnenerbe und die Verbreitung der Welteislehre. „Mir fehlen die Anerkennung und der Respekt für seine Person“, sagt die 80-Jährige. Wesentliche Punkte, die für die Umbenennung der Straße angeführt werden, ließen sich entkräften: Eine Mitgliedschaft Fauths in der NSDAP sei zwar zu vermuten, ist aber nicht bewiesen. Die Welteislehre sei zu unbedeutend gewesen, um den Bestand der Nazi-Diktatur zu sichern. Auch habe Fauth keine strafrechtlich relevante Handlung begangen, was Historiker Reitzenstein einräume, zählt Müller-Fauth auf. Die Stadt hat das Gutachten mittlerweile von der Dialog-Plattform zur Frage der Straßennamen entfernt und bezieht sich inzwischen auf eine überarbeitete Recherche.

Die Rolle des Volksschullehrers und Mondforschers in der Zeit der Nazi-Diktatur beschäftigt aber auch die Familie. „Dass er antidemokratisch und antisemitisch eingestellt war, das wollen wir gar nicht leugnen“, erklärt Thomas Drumm, ein Urenkel Fauths. Drumm ist evangelischer Theologe und lebt in Marburg. Sein Urgroßvater pflegte eine Brieffreundschaft mit dem britischen Schriftsteller und Antisemiten Houston Stewart Chamberlain, dessen Werk er bewunderte. In Briefen an Chamberlain äußerte er sich selbst antisemitisch. Später sammelte er Zeitungsartikel über die Vertreibung von Juden. Öffentlich habe er sich aber nie judenfeindlich geäußert, so Müller-Fauth. Als Lehrer habe er sich vor seine jüdischen Schüler gestellt.

„Kind seiner Zeit“

Fauth war „ein Kind seiner Zeit“, sagt Drumm. In den 1920er-Jahren seien Antisemitismus und Ablehnung der jungen Weimarer Demokratie im gebildeten Bürgertum „Mainstream“ gewesen. „Eine Haltung, von der wir uns heute zurecht distanzieren und die wir ablehnen.“ Allerdings sei das die heutige Perspektive. Der damalige Zeitgeist sei anders gewesen. In der Familie sei Fauths Antisemitismus nie thematisiert worden, was für die deutsche Nachkriegsgesellschaft allerdings nicht ungewöhnlich gewesen sei, ergänzt der Theologe. Doch hätte sich Fauth dem Ahnenerbe anschließen müssen, einer Organisation von Wissenschaftlern im Dienste der Nationalsozialisten, die dem SS-Reichsführer Heinrich Himmler unterstand, einem der Hauptverantwortlichen für den Holocaust? Diese Frage stelle sich die Familie auch, sagt Drumm, zumal die von Fauth verbreitete Welteislehre im Wissenschaftsbetrieb abgelehnt und belächelt wurde. Möglicherweise, sagt Drumm, wollte der todkranke Fauth in seinen letzten Lebensjahren seine Mondforschung für die Nachwelt bewahren und sah die Chance darin im Ahnenerbe. Ihre furchtbarsten Verbrechen wie Menschenversuche und Euthanasie, betont Drumm, habe die Organisation nach Fauths Tod begangen. Viele von Fauths Motiven bleiben für die Nachfahren unklar. „Das müssten wir meinen Großvater fragen“, sagt Müller-Fauth mehrmals im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Auch warum Fauth die obskure Welteislehre des Österreichers Hanns Hörbinger vertreten und „populärwissenschaftlich aufbereitet“ hat (Drumm), ist seinen Verwandten ein Rätsel. „Er war so ein intelligenter Mensch und hat bei seinen Mondbeobachtungen genau gesehen, dass da oben kein Eis war“, sagt Regine Müller-Fauth. Für ihn trage die Welteislehre Züge einer Verschwörungstheorie, ergänzt Drumm. Sie sei ein „Spleen“ von Himmler, aber keine respektierte Wissenschaft gewesen.

„Einige dunkle Flecken“

Doch hat eine Stadt wie Bad Dürkheim dann nicht das Recht, eine Würdigung durch einen Straßennamen wieder zurückzunehmen? „Das ist eine Frage, die man stellen kann und vielleicht auch stellen muss“, erklärt Drumm. Letztlich gehe es darum, ob „einige dunkle Flecken“ im Lebenslauf ein Ausschlusskriterium dafür seien, jemanden der Tolles geleistet habe, auf diese Weise zu ehren, erklärt Drumm. Für Müller-Fauth ist es durchaus denkbar, dass die Straße weiter den Namen ihres Großvaters trägt. Sie würde aber auch die derzeit diskutierte Lösung mittragen, dass die Straße umbenannt, aber mit einem weiteren Schild auf ihren früheren Namen hingewiesen wird. Allerdings dürfe ihr Großvater nicht wieder auf Ahnenerbe und Welteislehre reduziert werden. Eine Entscheidung durch den Stadtrat werde die Familie respektieren, sagt Drumm.

Auf die vielleicht wichtigste aller Fragen können auch die Nachfahren des Mondforschers keine Antwort geben: Was wusste Fauth über die Verfolgung der Juden, die in den Holocaust und die Ermordung von sechs Millionen Menschen nach seinem Tod mündete? „Ich kann nicht für Philipp Fauth sprechen, weil ich es nicht weiß. Ich denke, viele haben es geahnt, aber nur wenige wollten es wahrhaben“, sagt Drumm.

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