Kunst
Wiederentdeckung: Ilse Garnier, Künstlerin, die aus der Pfalz stammt
Zum Beispiel ich, die drei Buchstaben groß- und fünfmal untereinander geschrieben auf einer Hauswand: ICH. In „L ICH t“, „Ged ICH t“, F Ich te“, „ICH“, „n ICH ts“. Sagen wir es so: eine laute und plakative Arbeit mit einer existenziellen Pointe für die experimentelle Kunst-Poetin Ilse Garnier, die normalerweise mit ein paar Strichen und Linien und Bezeichnungen vom Sterben der Vögel im Winter erzählte. Oder mit einzelnen Buchstaben, Wörtern, geometrischen Formen die Partitur einer einsamen Wanderung durch den Landschaftspark von Ermenoville beschrieb, 50 Kilometer nordöstlich von Paris gelegen. Der Vokal a markiert Schrittfolgen, o Sprünge. Es gibt Kurven in ihrem Werk, Parabeln, die über den Rahmen hinausgehen. So reduziert geht das dahin.
Wenn sie aus dem Fenster blickte und zwei Vögel auffliegen sah, hielt Ilse Garnier dies statt in lyrischen Versen mit einem „ö“ (ihr Kürzel für Vögel) fest, von dem aus, zwei konvex gebogene Pfeile aufstreben. Ilse Garnier selbst bewegte sich mit ihrer Kunst in einem Zwischenraum. Dichtung, Kunst, die Deutsch-Französin hat mit ihrem Ehemann und Lebensmensch Pierre zusammen eine eigene Kunstform entwickelt: „spatiale Poesie“, bei der Sprache zu Bildmaterial mutiert, die Fläche den Text strukturiert und Buchstaben Zeichen werden, die im Weißraum hallen. Schwer zu beschreiben, wie sie das machte, dass, wer sich einlässt, in der Betrachtung ihrer konkret abstrahierten Werke in Kontemplation verfällt. Ein „Zwie-schweigen“, wie Ilse Garnier selbst einmal die Bestform der Annäherung an ihr schwereloses Werk beschrieben hat, das nur bei einer ersten Anschauung spröde zu sein scheint.
Die Künstlerin, die erst auf Basis des Französischen, dann des Deutschen dichtete und nach 1971 künstlerisch eigene Wege ging, war selbstbewusst. Auf einem Youtube-Video ist zu erleben, wie sie ihrem Mann Pierre bei dessen künstlerischen Erläuterungen ins Wort fällt. 2020 ist sie in Amiens gestorben, ihrer zweiten Heimat, wo sie von Eingeweihten hochverehrt gelebt hat. Was auch kaum jemand weiß: Ilse Garnier ist 1927 in Kaiserslautern geboren, in der Pfalz und hieß mit „Mädchennamen“ Ilse Göttel. Sie studierte Sprachen und Literatur in Mainz und Paris, arbeitete als Schriftstellerin, Künstlerin und Übersetzerin. An der Sorbonne traf sie Pierre Garnier, den sie 1952 geheiratet hat.
Wie Hugo Ball, nur anders
Beide waren sie stark geprägt vom Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs und beseelt von der Idee, nach dem Sinnschock mit einer experimentellen Sprache für eine offene übernationale Gesellschaft neu anzufangen. Ein Gestus, der Ähnlichkeiten mit der aus der Katastrophe des Ersten Weltkriegs entwickelten Lautpoesie des Pirmasensers Hugo Ball besitzt. Doch während an dessen Renommee mit neu aufgeflammten Antisemitismusvorwürfen gekratzt wird, erlebt Garnier gerade eine späte Renaissance.
Schon gut, es gab mal eine Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz, die die „Künstlerfreundschaft“ zwischen dem Grafiker Carlfriedrich Claus (1930 bis 1998) und den Garniers feierte. Im Verlag Bibliothek der Provinz kam das Buch „Worte von und für Ilse Garnier“ heraus, 64 Seiten. Der Literaturwissenschaftler und Kritiker Jörg Drews stellte in dem für den Kunstverein Bielefeld herausgegebenen Band „Visuelle Poesie“ „acht Thesen“ zu ihren teils mit einer Schreibmaschine „gezeichneten“, oft nur Din-A4-große Arbeiten auf. Sie sei zart und vorsichtig, schreibt Drews, aber scheue keine Abstraktion, sie sei streng, aber keine Puristin; und sie habe Sinn für Komik, der es ihr erlaube, in manchen ihrer Bildtexte ganz entspannt den Kalauer zu streifen. Aber groß rausgekommen ist die Künstlerin nie. Auch das Museum Pfalzgalerie ihrer Heimatstadt Kaiserslautern besitzt keine Arbeit von ihr.
In der Zeitkapsel
Vergangenes Jahr allerdings schien ihr Werk bei der Biennale in Venedig auf. In der zentralen Ausstellung „The Milk of Dreams“ war ihre 46-teilige Arbeit „Blason du corps féminin“ zu sehen – als Teil einer sogenannten Zeitkapsel, in der Klassikerinnen der Kunst gezeigt wurden (siehe RHEINPFALZ von 23. April 2022). „Weibliches Körperwappen“ heißt der Titel wörtlich übersetzt. Garnier bezog sich damit indes auf die französische lyrische Form des Blasons aus dem 16. Jahrhundert, ein Preis- und Scheltgedicht, das vor allem den weiblichen Körper zum Gegenstand hat. Weshalb die Frauenporträts bei ihr aus Wellenlinien, Tangenten, Kreisen bestehen, die jeweils mit einem Adjektiv verschränkt sind. Wie bei „Corps amour“, einem Blatt, auf dem die Wörter Körper und Liebe von einem Halbkreisbogen durchzogen sind. Jetzt hängt es im Badischen Kunstverein, wo morgen Abend eine erste große Einzelschau eröffnet, die Ilse Garnier gewidmet ist. Titel „a e i o u“, die ihr besonders wichtigen Vokale des Wortes oiseaux, Vögel.
Ein ganzes Stockwerk hat Anja Casser ihren stillen Nachdenkbildern freigeräumt. Wie Meditationsräume wirken die von ihr und dem französischen Sammler und wohl größten Garnier-Experten, Alex Balgiu, eingerichteten Säle. Ganz erfüllt scheint die Direktorin von ihrer Entdeckung, die sie schon länger verfolgt.
Ein Tipp: Kaufen!
Garniers „Fensterbilder“ aus dem Jahr 1983 hängen an der Wand, 24 Siebdrucke auf Mi-Teintes-Papier, auf denen Ilse Garnier wie in einer Art Stundenbuch mit Wörtern, Zeichen, Linien und Kurven 24 Ereignisse innerhalb eines Tages festgehalten hat. Aufziehende Wolken, wenn es regnete und wenn der Tag sich lichtete.
Ausgaben vergriffener Arbeiten liegen in einer Vitrine – wie „Poeme du i“, eine hellsichtige Deklination des Buchstabens, der je nachdem an einen Pfeil erinnert, oder an eine Kerze, die wiederum auf das Licht verweist – „lumière“ auf Französisch. Im Zusammenspiel mit dem Wort „nuit“ (Nacht, Dunkelheit) wandert der Buchstabe hin und her, der niemals an beiden Orten gleichzeitig sein kann.
Vielleicht ist es kein Wunder, dass die Künstlerin, die „im Grase ausgestreckt“ die „Bücher des Himmels“ las und die sie umgebende Welt voller Behutsamkeit – achtsam – vermaß, gerade jetzt wahrgenommen wird.
Denken unter Tage
Das „Denken über und unter Tage“ nehme für sie „eine besondere Bedeutung“ an, schrieb sie 1987 ihrem Künstlerfreund Carlfriedrich Claus: „Was in der Tiefe entstanden ist, ans Licht heben, aber auch sich immer unbedingter Tiefe aussetzen, glühen (…), für mich eine Schaffenskonstante.“ Zum Vorschein kam dabei auch ihre Heimatregion, der sie – als letzte Zusammenarbeit mit ihrem Pierre – 1971 mit den „Esquisses palatines“ (Pfälzischen Skizzen) eine Hommage gewidmet hat. Zwei Drucke daraus sind in Karlsruhe ausgestellt. Das 38-seitige Buch dazu lässt sich antiquarisch bestellen. Für wenig Geld. Wie überhaupt das Werk dieser denkerischen, zartbeseelten Künstlerin noch immer günstig zu haben ist. Pfalz, Kaiserslautern: Das ist übrigens ein Tipp gewesen.
Die Ausstellung
Ilse Garnier: „a e i o u“, Eröffnung, 9. Februar, 19 Uhr im Badischen Kunstverein. Bis 16. April. Gleichzeitig läuft die Gruppenausstellung „Concrete Experience“ mit Werken von unter anderem Mirella Bentivoglio und Mira Schendel.