Idyllen RHEINPFALZ Plus Artikel Wie es sich feiern lässt, auch wenn Weihnachten nicht weiß ist

Das Winterbild überhaupt: Brueghels „Rückkehr der Jäger“ aus dem Jahre 1565.
Das Winterbild überhaupt: Brueghels »Rückkehr der Jäger« aus dem Jahre 1565.

Zum Fest soll es doch bitte dringend schneien, aber so, dass kein Chaos die Idylle stört. Wie es früher nie war, soll es im Winter sein.

Vergangene Woche Minustemperaturen, Sonne, die Pfalz hatte einen Schneeflaum. Jetzt, wo Weihnachten ansteht, sind neun Grad und Bewölkung angedroht. Ausgerechnet, wo wir doch gerade besonders fein- und wetterfühlig sind.

Am liebsten wäre es uns ja, das Wetter ließe sich demokratisieren. Im Sommer mediterrane 25 Grad, hin und wieder vom Sommerregen dampfende Straßen. Im Winter aber soll Schnee für alle liegen, und so, dass die Zufahrtsstraßen auf den Hermersbergerhof frei sind, dort aber „Ski und Rodel sehr gut“. Und dann bitte muss das sein: die weiße Weihnacht zur Tonspur von George Michael – White Christmas. Heißt, es soll wieder werden, wie es in der Vergangenheit nie war.

So soll es sein: Weihnachten ist es, Schnell fällt.
So soll es sein: Weihnachten ist es, Schnell fällt.

Ein bepudertes Idyll

Seltsam, aber in der Rückschau ist der Winter trotz gegenteiliger Empirie für uns mit Schnee verbunden, dem Schlittenfahren, fliegenden Schneebällen, Schneemännern mit Möhrennase. Auf dem Weg zur Christmette anheimelndes Geriesel. Die Wohlfühlversion der kalten Jahreszeit als bepudertes Idyll und die weiße Weihnacht sind im Kollektiv-Hirn einer jeden Generation fest eingefroren, auch wenn die richtigen Eiszeiten schon länger zurückliegen. Mentalitätsgeschichtlich kommen wir aus kälteren Gefilden.

Überliefert ist die nahegehende, ferne Erinnerung an den großen Frost zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Die Periode wird von den Klimahistorikern als „kleine Eiszeit“ rekonstruiert. 1684 etwa herrschte einer der kältestarrendsten Winter aller Zeiten. Der Bodensee fror zu. In zeitgenössischen Berichten heißt es, Bäume hätten sich gespalten wie vom Blitz getroffen. Wie eingeschlossen vom Eis, das Meer. Menschen starben, Tiere verendeten. Noch sehr lange kein Schneeglöckchen in Sicht Ende März.

Tolstoi und minus 25,6 Grad auf der Kalmit

Auch später triumphierten Winter, die wir uns, von der empfohlenen Absenkung der Wohnzimmertemperatur auf 19 Grad noch schockgefroren, nicht vorstellen können. Eine solide Eisdecke überzog dann den Rhein. Die Wintermonate waren bedrohlich. Man saß zuhause, heizte mit Holz oder Kohle, Petroleumlicht an, Kerzenschein, Wachs war ein wertvolles Gut, ein Blackout, ohne Strom, kein Schrecken und Angstszenario. Unsere Vorfahren waren Prepper mit weiser Voraussicht und hatten Vorräte angelegt, Gemüse und Obst in Gläsern, das Eingemachte, an das man heute nur noch symbolisch geht.

In der Pfalz war es am 12. Februar 1929 am kältesten. Minus 25,6 Grad auf der Kalmit, Minus 27,2 Grad im Rhein-Pfalz-Kreis, der noch nicht so hieß. Im Rekordwinter 1962/63 herrschten an 61 Tagen in ganz Deutschland Minustemperaturen. Immer mal wieder schneite es meterhoch. In der Literatur und der Kunst dagegen ist dieses spezielle Wintergefühl zwischen Himmel hoch jauchzend und existenziell herausgefordert allgegenwärtig.

Literatur voller Winterreisen

Vielleicht weht uns deshalb mit jedem kleineren Schneechaos und jedem Kälteeinbruch wie jetzt wieder ein nur zwischenzeitlich verdrängtes Gefühl an. Denn auch auf den Urbildern unseres kulturellen Gedächtnisses ist Schnee gefallen. In der Literatur lauter Winterreisen. Und überall im Windschatten der Polarluft auftretende Ambivalenzen.

Tolstois Held Pierre, der sich (in „Krieg und Frieden“) nach seinem gewonnenen Duell im Schnee verliert. Hölderlins „Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein / Und Schatten der Erde? Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde.“ Goethe, der in seiner Novelle „Der Mann von fünfzig Jahren“ das Eislaufen feiert: „Sämtliche Glieder scheinen gelenker zu werden und jedes Verwenden der Kraft neue Kräfte zu erzeugen, so dass zuletzt eine selig bewegte Ruhe über uns kommt, in der wir uns zu wiegen immerfort gelockt sind.“ Thomas Mann, der Kälte und Schlaf in eine beglückende Todesnähe rückt, wenn es von Hans Castorp heißt: „Ein Frösteln begleitete den Augenblick des Hinübergehens, doch gab es kein reineres Schlafen als dieses hier in Eiseskälte, dessen Traumlosigkeit von keinem unbewussten Gefühl organischer Lebenslust berührt wurde“.

Auch bei Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) bewegen viele Schneebilder sich nah am Exitus, gerne sind bei dem großen Früh-Romantiker Friedhöfe weiß gepudert. Sein „Eismeer“ wirkt wie eine Totenlandschaft. Der große Spät-Romantiker Joseph Beuys (1921 bis 1986) indes erklärt seine Vorliebe für die Materialien Filz und Fett mit einer Errettung aus Eiseskälte.

Brueghel, Beuys und die anderen

Die Legende geht so, dass er nach dem Absturz einer Stuka, in der er als Funker und Bordschütze wirkte, 1944 auf der Krim, von Tataren „acht Tage lang aufopfernd“ mit Tierfett gesalbt und in Filz gewickelt, vorm Erfrieren bewahrt worden ist. Mit seiner Geschichte bespielt Beuys eine kulturgeschichtliche Erfahrung. Denn immer wieder brachten Schneemassen und Minustemperaturen Ungemach und manchmal auch das Beste des Menschen zum Vorschein.

Im Winter rücken alle enger zusammen. Wie dringlich das Bedürfnis danach ist, auch das hat uns Corona überdeutlich anschaulich gemacht. Und immer, wenn es zu Äußersten kommt im Winter, wird „Übermenschliches“ an gegenseitiger Hilfe geleistet.

Der Büromensch wie Goethe: selig auf Kufen

Eingeschlossen von einer bedrohlichen weißen Pracht herrscht dann eine weniger leise Ahnung davon, mitten im Leben vom Tod umfangen zu sein. So wie auf dem Urbild der Jahreszeit, das Pieter Brueghel der Ältere 1565 gemalt hat.

„Jäger im Schnee“, wohl das bekannteste Winterbild der Welt, zeigt Heimkehrer, die nicht sehr erfolgreich gewesen sind. Sie bringen kaum etwas mit von der Jagd. Einer trägt einen Hasen geschultert. Es wird wohl Hunger herrschen. Aber die Jäger blicken vom Hügel herab auf eine fröhliche Gesellschaft beim Eisstockschießen. Schlittschuhläufer ziehen ihre Bahnen. Die Bauern haben im Winter wenig zu essen, aber viel Raum für Geselligkeit.

„Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen“: Dichter Hölderlin.
»Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen«: Dichter Hölderlin.

Zurück zu den Ursprüngen

Es ist die Zeit, die in uns Büromenschen alte Muster reaktiviert. Es drängt uns in einfache Behausungen – Skihütten. Im Autobahn-Rückstau einer Karambolage auf eisglatter Fahrbahn wird der Inhalt der Thermoskannen geteilt, zuhause im Ohrensessel, in Filz-Pantoffeln Tolstoi gelesen. Man isst fettig, sogar Schmalz, um gegen Erfrierungen gewappnet zu sein – bei uns bei fünf Grad Außentemperatur. Schaut sich im Internet die Winterlandschaften des Schotten Peter Doig an. Die „Tagesschau“-Bilder von Autos, die sich im Schnee festgefahren haben. Dann hüllt man sich in die Jacke von Canada Goose, die für kanadische Verhältnisse taugt – solidarisch und prophylaktisch die Schneeketten im Kofferraum – und sucht das Ludwigshafener Eisstadion auf, wo einem dann bald statt des Weltklimas Goethe selige Ruhe bewegt. Derweil laufen im Liveticker unbeachtet von uns die Schreckensnachrichten aus dem Krieg in der Ukraine.

Militärisch gesehen, ist der Einfluss des Winters kaum zu überschätzten. Legendär, die heute noch Putins Großmachtfantasien beflügelnde Schlacht auf dem Eis des Peipussees im historischen Livland, heute Estland, bei dem Fürst Alexander Newski 1242 die Streitmacht des Livländischen Ordens schlug. Etliche gegnerische Ritter sollen durchs Eis gebrochen sein. Napoleon ging 1812 im russischen Winter unter, die deutsche Wehrmacht verlor grausame Schlachten in Moskau (1941) und Stalingrad (1942/43), von Schnee und Eis demoralisiert. Das Gleiche kann jetzt der russischen Arme passieren.

Still ruhen wie der unstarre See

Umgekehrt setzt Putin mit seinem Energiekrieg auf frostige Temperaturen. Eine weiße Weihnacht ist auch mit Blick auf die davon ausgelösten Heizkosten von einer gewissen Zwiespältigkeit. Der Winter ist, zumal in der durch Untätigkeit immer enger geführten Klimakatastrophe, unberechenbar wie für uns Andersbegabte eine Differentialgleichung, wie wir diese Woche wieder gesehen. Was lässt sich da tun?

Früher, als die meisten Menschen mit Landwirtschaft beschäftigt gewesen sind, war im Winter weniger zu tun. Eine Zeit um sein Zeug zu flicken, zu nähen, zu backen. In bürgerlichen Kreisen wurde gelesen. Einige der vor- und weihnachtlichen Dinge, die heute untergehen oder mit hohem Stresslevel erledigt werden, sind aus der Muße des winterlichen Stillstands entstanden. Vielleicht lässt sich ja daran anknüpfen, wenn am Samstag elf Grad herrschen, ein Himmel mit Wolken uns überzieht, nichts rieselt. Und wenn schon: Still ruhen wie der unstarre See und Tee trinken, wäre schon mal eine Möglichkeit, zumindest eine weise Weihnacht zu feiern.

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