Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel Wie der kleine Oskar den großen Oscar bekam

Volker Schlöndorff posiert zum 40-Jährigen nochmals mit seinem Oscar von 1980.
Volker Schlöndorff posiert zum 40-Jährigen nochmals mit seinem Oscar von 1980.

Amerika war weit weg. Auf den Oscar hat er nicht hingearbeitet, „für mich war die Goldene Palme des Festivals von Cannes das Ziel“, sagte Regisseur Volker Schlöndorff. Die bekam er 1979 für „Die Blechtrommel“ – und war glücklich. „Der Oscar ist bis zum letzten Moment ein Lotterie“, sagt Schlöndorff heute noch. Als er ihn am 14. April 1980 gewann, setzte er sich mit seiner Dankesrede ganz schön in die Nesseln.

„Der Held des Films heißt Oskar, und beim Dreh fragten wir uns, was das für ein Omen sein könnte. Es ist der erste Oscar, den mein Land bekommt, Dafür gibt es viele Gründe, wie wir wissen. Ich nehme den Preis auch an als einen Tribut für meine Kollegen und für diejenigen, deren Tradition wir folgen und die hier arbeiteten und lebten: Fritz Lang, Billy Wilder, Lubitsch, Lang, Murnau, Pabst, Sie kennen sie alle und Sie haben sie willkommen geheißen. Danke.“

Schlöndorff wollte an die großen deutschen Regisseure im US-Exil erinnern. Das ging schief, die Amerikaner fassten es so auf, dass es nach 1945 keinen Oscar für Deutschland gab, weil sie Deutschland bestrafen wollten, was natürlich nicht der Fall war. Die Rede ist heute vergessen, der Oscar für „Die Blechtrommel“ nicht. Schlöndorffs Verfilmung des als unverfilmbar geltenden Romans von Günter Grass ist genial – und radikal. Da werden Aale mit toten Pferdeköpfen geangelt, und David Bennent schreit so schrill und laut, dass man sich die Ohren zuhält. Seitdem haftet dem 1939 in Wiesbaden geborenen Regisseur das Blechtrommel-Etikett an. „Lieber lebe ich damit als ohne“, meint er.

Der Zufall führt zu David Bennent

Der Dreh zum Genialen kam, als Schlöndorff nach zermürbendem Casting mit vielen kleinwüchsigen Menschen die Erkenntnis kam, dass der Held von einem Kind gespielt werden muss. Und dass es besser ist, nicht mit dem Anfang des Romans zu beginnen. David Bennent, den Oskar-Darsteller, fand er durch Zufall. Er wohnte zwei Straßen weiter in München. Ein Arzt, den Schlöndorff bei seiner Vorarbeiten befragte, erzählte ihm von David, dem kleinwüchsigen Sohn des Schauspielers Heinz Bennent, der sogar mit Schlöndorff befreundet war, aber seinen Sohn nie erwähnte. Um ihn kennenzulernen, ging Schlöndorff mit dem Zehnjährigen aus Oktoberfest, erzählte er vor zwei Wochen in der „Langen Nacht“ bei Deutschlandradio Kultur. „Danach war klar, dass nur er das spielen kann.“

Der kleine David mit den blauen Augen, der hellen Stimme und dem schrillen Schrei, der Glas zum Zerspringen bringt, trägt den ganzen Film. Es fängt damit an, dass die Eltern dem Dreijährigen seine heiß geliebte kleine Blechtrommel mit dem rot-weißen Zackenmuster aus der Hand reißen wollen. Doch keiner gibt gerne her, was er liebt. So beginnt die Identifikation der Zuschauer mit dem kleinen Oskar. Sie führt zum Schrei und wenig später zu Oskars Beschluss, nicht mehr wachsen zu wollen. Er ist eine Metapher für die Reaktion auf seine Umwelt, auf das, was ihm nicht gefällt. Am schönsten wird das , als der kleine Oskar den Aufmarsch der Nazis aus dem Tritt bringt. Gegen den geraden Marschtakt trommelt er an mit einem Walzerrhythmus im Dreivierteltakt. Das wurde gleich am ersten Drehtag gefilmt, schreibt Schlöndorff in seinem lesenswerten „Tagebuch einer Verfilmung“. „Da war irgendwie etwas Besonderes, das in diesem Augenblick vor der Kamera passierte.“

Wie die Magie entsteht

Diese Magie zieht sich durch den ganzen Film. Sie erfasst auch die Dekorationen (vor allem den Spielzeugladen), die atmosphärische Musik (von Maurice Jarre) und die Phalanx der Darsteller. Man staunt über die 25-jährige Katharina Thalbach (die erste Liebe Oskars), Bertha Drews als kaschubische Großmutter, die einen Deserteur unter ihren vier Röcken versteckt, den naiven Mario Adorf (Oskars Vater), und Charles Aznavour als jüdischen Spielzeughändler Markus, der in Oskar Mutter (Angela Winkler) verliebt ist, den Jungen immer neuen Trommeln versorgt und sich in der Reichskristallnacht umbringt.

Der Film ist 142 Minuten lang, seit zehn Jahres gibt es ihn als Director’s Cut mit 163 Minuten – durch Zufall, so Schlöndorff: „Wenn ich nicht den Anruf bekommen hätte vom Kopierwerk, ob ich diese 30.000 Meter Negativ entsorgen könne, die da im Keller lägen. Da habe ich mein Drehbuch rausgesucht und gesehen: Das sind ja ganze Erzählstränge, die wir weggelassen haben.“ Zum Beispiel Oskars Monolog über Goethe und Rasputin und die Szene, in der Oskar Vaters, der Nazi-Mitläufer, sich wehrt, als die Nazis Oskar ins Euthanasie-Programm stecken wollen.

Segen und Fluch

„Die Blechtrommel“ ist ein Meilenstein des deutschen Nachkriegskino, sieht man ihn heute noch einmal, stellt man fest, dass der Film nicht gealtert – was sehr selten vorkommt. Für Volker Schlöndorff war die „Blechtrommel“ ein Segen, der Film und natürlich der Oscar machten ihn weltweit bekannt und halfen ihm, neue Filme zu drehen. Aber er wurde auch zum Fluch: für David Bennent. Der 53-Jährige hat immer diese wunderbare schrille Stimme und den hypnotischen Blick. Aber nie wieder fand er eine so tolle Rolle, im Film nicht und im Theater auch nicht.

 

Der Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. In diesem Kalender erinnern wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.

 

Unvergesslich: David Bennent in „Die Blechtrommel“. Anlässlich des Oscargewinns vor 40 Jahren sollte die Schlöndorff-Verfilmung
Unvergesslich: David Bennent in »Die Blechtrommel«. Anlässlich des Oscargewinns vor 40 Jahren sollte die Schlöndorff-Verfilmung eigentlich jetzt als restaurierte 4K-Fassung erneut ins Kino kommen.
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