Design
Weniger, besser, Rams: Der Designer wird 90 Jahre alt
Manche Karrieren beginnen mit einer Zitruspresse. Die von Jonathan Ivy, dem Ex-Apple-Chefdesigner, mit der Braun MPZ 22. Für ihn ein sirrendes Kindheits-Urerlebnis funktionaler Schönheit. Designer des guten Stücks (mit Jürgen Greubel) aus dem Jahr 1972 war Dieter Rams, der legendäre Lebensweltentwerfer aus Wiesbaden. Ivys Idol. Die typische iPod- und iPhone-Optik, die der Brite später erfand, wirkt wie eine Hommage an seinen zukunftsweisen Vorläufer.
Was schön ist? Gleich zu wissen, wie etwas funktioniert – ohne Gebrauchsanweisungsstudium. Den Taschenrechner nicht zu traktieren wie ein Stier, automatisch, weil er wie der ET66 konvexe Tasten hat – wie kleine Pillen zum Antippen. Dass einem der Wecker AB1 nicht mit Schnickschnack auf denselben geht. Wunderschön in diesem Sinn sind die Entwürfe des Nützlichkeitsmaximalisten Dieter Rams, der, bevor er erst Architekt und bis heute maßgeblicher Design-Influencer wurde, Tischler lernte. Gar nichts für Menschen, die im zweckfrei Gutaussehenden schwelgen und Üppigkeits-Poser mit und in den eigenen vier Wänden.
Zitronenpresse versus Sabberskulptur
Um zu sehen, was Dieter Rams ausmacht, betrachtet man am besten seine so stilprägende Zitruspresse MPZ 22. Und das zusammen mit dem Vergleichsobjekt des französischen Hunderttausendsassas Philippe Starck. Die eine erklärt sich selbst und presst Zitronen aus, die andere sabbert Saft, wenn einem klar werden sollte, wie das Ding, das Skulptur sein will, überhaupt funktionieren soll. Gegen derartigen Schwulst hat Dieter Rams immer an-entworfen, gegen schönen Schein, der vor allem dazu da ist, um für Kaufanreize zu sorgen.
Ein aufgeräumt freundlicher Herr ist Rams, mit ewig streng gezogenem Seitenscheitel und notorischer Kitschintoleranz. Nach dem Studium an der Werkkunstschule in seiner Heimatstadt Wiesbaden kam er 1955 zu der Firma, als deren Leiter für Formgebung, wie das hieß, er von 1961 bis 1995 fortwährende Designgeschichte geschrieben hat: Braun.
Plötzlich hießen die Geräte nicht mehr „Mozart“, sondern T3 wie das Transistorradio, zu dessen Aussehen und Idee sich das iPhone wie ein genetisch sehr naher Verwandter verhält. Sein Plattenspieler-Radio-Kombi SK4 aus dem Jahr 1955, ein kubisches Teil mit ausgestanzten Lüftungs- und Lautsprecherschlitzen an der Front und einer Acrylabdeckung, die den Blick auf die Technik frei gibt, ist ein ultimativer Klassiker des guten Stils geworden. Der „Schneewittchensarg“, eine der Kulturleistungen, die bleiben. Und der Weltempfänger von Rams, T1000 (1963), ganz bewusst als Gegenstück zum Volksempfänger der Nazis entworfen, hat es sogar auf eine Briefmarke mit Nennwert 3,45 Euro geschafft.
Ja, Rams hat so viel entworfen, dass er sich in seinem Haus in Kronberg im Taunus fast ausschließlich mit Eigenkreationen umgeben kann. Mit seinen zusammenschiebbaren Sesseln, seinen praktischen Sofas, dem seit 1960 baugleich, jetzt exklusiv von Vitsoe vertriebenen Selbstaufbau-Regalsystem 606, das herzergreifend nüchtern davon berichtet, wozu es da ist. Dem System 704, einer Sitzgelegenheit aus stapelbaren Kissen, die wie sein Kronberger Garten dem Japanliebhaber ähnlich sieht.
Design gegen die Unkultur des Überflusses
Gestaltung braucht Haltung, das ist sein Ding. Einer der Merksätze des Weltverbesserers lautet: „Design muss zur Vielfalt beitragen und dafür sorgen, dass die nutzlosen Dinge verschwinden.“ Gegen die „Unkultur des Überflusses“ läuft er bis heute Sturm. „Weniger, aber besser“, die Urheberschaft seines Credos indes, wird ihm nur zugeschrieben. Es stammt, wie Rams einmal einräumte, von Erwin Braun, seinem früheren Chef. Er aber hat es ausgefüllt.
Bei Rams geht es immer um die Quintessenz, letztendlich: das Überflüssigwerden. „Es gibt Dinge, die Bestand haben oder nicht“, auch so eine Aussage mit langer Halbwertszeit. „Gutes Design ist so wenig Design wie möglich“, heißt es in der letzten seiner zehn Thesen, die er Mitte der 1970er-Jahre veröffentlicht hat und mit seiner Dieter und Ingeborg Rams Stiftung bis heute verbreitet. In der neunten: Gutes Design sei umweltfreundlich, Ressourcen schonend, durchdacht. Es minimiere die physische und visuelle Verschmutzung in der Gestaltung. Der geistige Großvater der Jungen von Fridays-for-Future ist er – wenn man so will - also auch noch.