Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Weltstar, witzig: Die Schau „Richter/Polke – Umwandlung“ im Hack-Museum

Weltstar, verspielt: Richters „Funken“, 1970.
Weltstar, verspielt: Richters »Funken«, 1970.

Höhere Wesen sind im Spiel, in der Hack-Museums-Schau „Richter/Polke – Umwandlung“ zeigt sich Gerhard Richter, der vielleicht wichtigste lebende Künstler der Welt, verspielt und teils so komisch wie sein kauziger Kollege Sigmar Polke. Dabei ist vieles Anschein.

Die Schwedin Hilma af Klint (1862 bis 1944) war stets streng hochgeschlossen beblust. Sie gilt als Leitstern der abstrakten Richtung der Malerei, als der sie gerade in der Düsseldorfer Zusammenschau mit Wassily Kandinsky illuminiert wird. Auch ihre guten Kontakte in andere Welten sind dort wieder Thema. Denn Hilma af Klint glaubte, dass ihre Gemälde „in Verbindung mit einem höheren Bewusstsein“ stehen. Sigmar Polke, der schalkhafte Kölner Künstler aus Oels, Polen, hat die transzendentale Connection derweil wesentlich kürzer gefasst.

Sein Bild, auf dem steht: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“, hält sich stracks an die Anweisung. Es dürfte das populärste Werk des im New Yorker MoMa oder der Tate in London ausgestellten Kunstkauzes sein, der 2010 an Krebs starb, er war 69. Jetzt stellt das Ludwigshafener Hack-Museum eine Mappe mit Offsetdrucken aus, entstanden 1966/68, in denen Polke ebenfalls das Eigenleben der Dinge zum Thema macht.

Die Serie „…..Höhere Wesen befehlen“ zeigt Palmen als zentrales Motiv. Das heißt eigentlich sind Gummi-Handschuhe zu sehen, miteinander verknotete Luftballons, oder ein zurechtgebogener Zollstock, die alle bei gutem Willen wirken wie Palmen. Sogar der Künstler selbst versucht in Unterhose und mit weitkragendem Blätterschmuck um den Hals die botanische Anmutung herzustellen.

Seine Begeisterung für das Offsetraster führte Sigmar Polke auf seine Sehschwäche zurück: Hier sein Offsetdruck „Freundinnen“, 1
Seine Begeisterung für das Offsetraster führte Sigmar Polke auf seine Sehschwäche zurück: Hier sein Offsetdruck »Freundinnen«, 1967.

„Richter/Polke – Umwandlung“ heißt die Schau, in der die Palmen-Phalanx hängt, und die Museumsdirektor René Zechlin seinen „Joker“ nennt – ursprünglich sollte sie zu Beginn der Pandemie gezeigt werden. Sie feiert die 1962 an der Düsseldorfer Akademie begonnene Freundschaft der beiden deutschen Paradekünstler in Werken aus ihrer Frühphase.

Dabei zeigt sich auch der inzwischen 92-jährige Gerhard Richter – der noch berühmtere Kunstweltstar, der seit Jahren den „Kunstkompass“ der weltweit wichtigsten Kunstschaffenden anführt –, verspielter als gewohnt, sogar richtiggehend witzig. Etwa in seiner Mappe „Neun Objekte“ (1969), Offsetdrucke nach Fotografien, die seltsam verschobene, unglaubwürdige, vom Künstler selbst gebaute Holzgebilde in einem kleinbürgerlichen Umfeld präsentieren – einen wackeligen Quader zum Beispiel, der sich in einem Campingstuhl verhakt hat.

Seh-Stück: Gerhard Richters „Schweizer Alpen I“, 1969,;
Seh-Stück: Gerhard Richters »Schweizer Alpen I«, 1969,;

„Illusion, besser Anschein, Schein ist mein Lebensthema“, hat sich der in Dresden geborene Richter einmal eigeninterpretiert. Ein anderer Dauerbrenner seines in verwischte Malereien nach Fotos und buntfarbige Abstraktionen zweigeteilten Werks ist die Kugel, die schon bei der mit Sigmar Polke verfassten, titelgebenden Arbeit „Umwandlung“ aus dem Jahr 1986 eine Rolle spielt.

Die Arbeit wirkt wie ein Jux auf den damals virulenten Drang, den Weltraum zu erobern. „5 Phasen einer von Polke und Richter vorgenommenen Umwandlung“, steht auf dem Blatt, das fünf, teils ineinander übergehende Fotografien zeigt, „das Massiv wurde am 26. April 68 für die Dauer von zwei Stunden in eine Kugel verwandelt.“

Dargestellt sind oben drei Bergmassive, die Richter aus Zeitungen abfotografiert hat. Unten die Bilder zeigen geisterhaft diffuse Lichtschein-Fotos der Lampe, die in seiner Dunkelkammer hing. Gespenstisch allerdings, dass das letzte Bild dabei aussieht, wie das am 24. Dezember 1968 während der vierten Umkreisung des Mondes der Apollo 8 aufgenommene Earthrise-Foto. Wie dieses, so wirken auch etliche arbeiten der Ludwigshafener Schau wie ein Vorschein auf das Oeuvre der beiden Künstlerhelden.

So drückt sich bei Polkes Arbeit „Wochenendhaus“ aus dem Jahr 1967 schon die typische Begeisterung für das Offsetraster aus. Ihr liegt eine stark vergrößerte Kleinanzeige zugrunde, eine rotgetönte Blume drängt den zum Verkauf stehenden Bungalow in den Hintergrund. Ein bissiger Kommentar zur Freizeitkultur der bessergestellten deutschen Nachkriegsgesellschaft, die Polke des Öfteren ins Visier nahm. Bei Richter ist das „Seestück I“ aus den 1960ern schon stilecht als Sehstück konzipiert. Auf den ersten Blick eine ganz normale Landschaftsdarstellung, bis man bemerkt, dass das Himmelsmotiv um 180 Grad gedreht ist. Man will ja nicht überdrehen, aber das Bild sieht beinahe aus, als hätte damals schon eine Künstliche Intelligenz die Finger im Spiel gehabt. Oder ein höheres Wesen halt.

Die Ausstellung

„Richter/Polke - Umwandlung“ im Hack-Museum in Ludwigshafen; bis 14. Juli. Info wilhelmhack.museum.de

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