Kultur
Weltkunst in Tholey: Die Kirchenfenster von Kunstweltstar Gerhard Richter sind endlich fertig
Das Navi hat die Adresse nicht auf dem Schirm, auf die – gefühlt - die halbe Welt jetzt schaut. Römerallee 5. Still liegt Tholey im nördlichen Saarland. Landkreis St. Wendel. 2300 Einwohner hat der Ort. Zwölf Mönche beten und arbeiten im ortsansässigen Kloster, das das wohl älteste Deutschlands ist. Die Abtei St. Mauritius ist 634 erstmals urkundlich erwähnt worden. Jetzt ist eine Messe anberaumt. Ein kleine Gruppe Touristen quert den Vorplatz der, wie die ganze Anlage, frisch sanierten Abteikirche. Nicht nur in Tholey glaubt man, dass in den nächsten Jahren Hunderttausende folgen könnten. Gläubige, Kunstjünger, Neugierige. Zu bestaunen gibt es schließlich neben den historischen Gemäuern auch eine Art Gottesbeweis. Eine weltliche Sensation zumindest. Wer hätte schon geglaubt, dass Gerhard Richter, der deutsche Kunstweltstar und ein Agnostiker vor dem Herrn, für das Gotteshaus drei Fenster entwerfen würde.
Nicht nur für die Gläubigen, sondern für alle
Für den Chor. Für die Gläubigen. Für alle. Für Gotteslohn vor allem und auf einen Anruf des ihm und dem Kloster verbundenen Musikers und Leiters der Musikfestspiele Saar, Bernhard Leonardy, hin: So die Legende. Er habe zu der Zeit gerade über seinen Musterbüchern gesessen, sagt Richter, zur Begründung seines Jasagens. Und, dass er dachte: passt.
Sein letztes großes Werk seien die Fenster, kündigte der 88-Jährige vor Kurzem dann auch noch an. „Irgendwann ist eben Ende“, sagte er – ohne Larmoyanz. In Tholey dagegen fängt wohl alles erst an, wenn Richters Werk ab dem Wochenende zur allgemeinen Besichtigung freigegeben wird.
Die Gemeinde hat 242 neue Parkplätze ausgewiesen. Im Kloster eröffnet ein Besucherzentrum. Der Geschäftsführer der St. Mauritius GmbH hat bereits verkündet, dass im Oktober bereits für jeden Tag mindestens eine Gästeführung gebucht sei. Noch indes ist von den Kirchenfenstern im Chor von St. Mauritius so gut wie nichts zu sehen. Von außen zumindest. Und ins Innere gelangt erst einmal nur, wer dem Gottesdienst beiwohnt, den die braun gekutteten Mönche dann ganz für sich abhalten. Andächtig sitzt so am vergangenen Montag die Zufalls-Gemeinde im Gestühl.
Halleluja, was für ein Anblick!
Einige haben das Smartphone griffbereit. Vom kühl steingrauen Chor her strahlt es Meerblaukarmesinrotpfirsichgelbviolett von den Fenstern herab. Die Ordensleute tragen Kyrie und Gloria vor. Halleluja, was sind die Glas-Kunstwerke doch für ein Anblick. Vergleichbares gibt es nur in Köln.
Sein Fenster im Dom dort, heißt es, halte Richter für eine seiner wichtigsten Arbeiten überhaupt. Dabei ist der Kölner aus Dresden für ein Werk weltbekannt, das zwischen einem verwischten Fotorealismus und gestisch abstrakten Arbeiten schwankt. Eines davon, „Abstraktes Bild“, wurde 2015 bei Sotheby’s für umgerechnet 41 Millionen Euro versteigert - Rekord.
Das Kölner Fenster sieht aus wie ein gepixeltes Rasterbild. Kardinal Meissner meinte zu seiner Eröffnung, es passe wohl besser in eine Moschee. Im Saarland hört man keine solchen Blasphemien. Die Tholeyer Fenster, jeweils fast zehn Meter hoch, sind aus einem abstrakten Gemälde mit der Werkverzeichnis-Nr. 724-4 aus dem Jahr 2009 entstanden. Einem bunten, in immer kleinere Teile zerlegten Bild, dessen Ausschnitte sich nach dem Zufallsprinzip wiederholen und spiegeln, bis – Richter selbst erklärt es so – kaleidoskopartige, arabeske Muster irgendwann in einfache, farbige Linien übergehen.
Man kann die Fenster aber auch einfach nur schön finden
Die mundgeblasenen, übermalten Farbgläser wurden in einem komplizierten Verfahren von den Traditionswerkstätten Gustav von Treek hergestellt. Wie bei einem Rorschach-Test entdeckt man darin – während die Mönche den Herrn, unseren Gott, loben – Formspiele, Ornamente, Figuren, die es gar nicht gibt. Je nachdem sieht jede/r etwas anderes aufscheinen. Die Benediktiner, wie sie schon gesagt haben, holde Engel und dreieinige Kompositionen. Die Ketzer Teufel. Andere magnetresonanztomografische Abbilder des Gehirns. Richter, der bisher nicht vor Ort war, um sein Werk zu betrachten, sagt selbst, man könne seine Glas gewordene Kunst auch einfach nur „schön“ finden.
In Tholey ist man redlich bemüht, den Künstler doch noch einzugemeinden. Ein Suchender sei Richter, hieß es so schon bei einer ersten Vorstellung des Projekts vor gut einem Jahr - so wie jeder gut gläubige Christ. Abt Mauritius Choriol, ein spätberufener Koch, der früher auf Sterneniveau arbeitete, schaute dazu beseelt. Ein Trostspender selig sei er, Richter, hieß es, als Schöpfer des Schönen göttlich. Und was das Abstrakte des Werks betrifft, meinte Frater Wendelinus, wohne nicht auch Gott in undurchdringlichem Licht?
Stundenlang, versprach der Ordensmann damals, könne man sich in den Kirchenfenstern versenken. Jetzt allerdings fordert er einem recht harsch auf, in Frieden und mit Gott zu gehen. Nein, keine Fotos mehr. Die Mönche wollen essen. Der Hunger nach Richters Kirchenfensterbildern aber ist geweckt.