Serie
Was wir jetzt brauchen: Siege des FCK
Man wird ja den FCK nicht los, kann ihn nicht abwaschen oder sich einfach ein anderes Trikot überziehen. Der bleibt. Im Herzen. Im Kopf. Im Magen, wenn das nächste Abstiegsendspiel ansteht, und die Nervosität bereits am Morgen beginnt und Stunde für Stunde, je näher der Anpfiff rückt, immer größer wird.
In die Wiege gelegt
Wäre man doch nur ein Vogel Strauß, müsste nichts sehen, nichts hören. Man geht raus, in den Wald, zum Laufen, kein Smartphone, kein RHEINPFALZ-Ergebnisticker. Nichts. Nur das Zittern in den Händen, wenn man dann – sobald man sich sicher sein kann, dass das Spiel jetzt auch mit der längsten aller Nachspielzeiten vorbei ist, – das Telefon wieder anschaltet. Auf einer Bank im Wald sitzend. Der einsamste Mensch auf der Welt, der zur Kenntnis nehmen muss, dass Zwickau mit der letzten Aktion des Spiels den Ausgleich gemacht hatte. Selbst die Vögel wenden sich mit Schrecken ab von dieser verzweifelten Leidensgestalt.
Aber wenn dann zwei Spieltage später der ersehnte nächste Sieg eingefahren ist – dann, ja dann wird man wieder mutig. Feiert Auferstehung aus einem Zustand der völligen Unzurechnungsfähigkeit. Lebensuntauglichkeit. Keine einzige Zeile gelingt da fehlerfrei. Kein Essen, ohne anzubrennen. Kein Telefonat ohne Tourette-ähnliche Verhaltensweisen. Man kennt sich selbst nicht mehr – nach so vielen Jahren!
Die fremde Zeit
Die Wiederholung zumindest der besten Spielszenen, die man dank der Errungenschaft der modernen Technik quasi in einer Endlosschleife anschauen kann, die feiert man dann im Trikot und mit einem Bier in der Hand. So, als sei man der coolste Fußballfan überhaupt. Als könne einem das alles gar nichts anhaben. Als erlebe man gerade die Saison 1990/91 oder 1997/98. An deren Ende, wir wissen es alle, der 1. FC Kaiserslautern die deutsche Meisterschaft feiern konnte. In der Bundesliga! Das ist so fremd, so weit entfernt, fast noch fremder als eine Welt ohne Corona.
Dazwischen liegen zwei Abstiege. Und die Gegenwart heißt Dritte Liga. Man könnte es sich ja viel einfacher machen. Andere Städte haben doch auch schöne Fußballvereine, solche sogar, die innerhalb eines Jahres mehr Titel gewinnen als eigentlich zu vergeben waren. Die Champions League spielen. Gegen Real Madrid oder Manchester City. Nicht in Pirmasens um den Verbandspokal gegen Wormatia Worms.
Romantiker wie der Vater
Diese Art von Konditionierung in Sachen Fußball ist von einer erschütternden Endgültigkeit. Man hat sie sogar an die eigenen Kinder weitergeben. Geteiltes Leid könnte halbes Leid sein. Aber das Gegenteil ist der Fall. Man macht sich nun die bittersten Vorwürfe, sie da mit reingezogen zu haben. Was hätten die es nett haben können in der schönen neuen Fußballwelt. Nun sind sie ebensolche Romantiker wie der Vater geworden.
Das lässt sich einfach nicht rückgängig machen. Wenn man im Landkreis Kaiserslautern aufgewachsen ist, in einem Sportheim zudem, in dem der heimische Club natürlich ausschließlich aus FCK-Fans bestand. Und wenn sich doch ein Bayern-Fan – Leipzig und Hoffenheim gab es ja damals noch nicht – darunter verirrt hatte, dann musste der regelmäßig am Ende des Trainings die Bälle einsammeln. Auf dem Gymnasium in Kaiserslautern begegnete man dann den ersten Mitschülern, die ihre FCK-Trainingsanzüge zur Schau trugen, weil sie in den Jugendmannschaften des Bundesligisten spielten, gegen die man im so genannten Barbarossapokal regelmäßig zweistellig verlor. Man trägt das mit sich herum. Manchmal, wenn es gerade wieder sehr schlecht läuft, dann schleppt man es auch mit sich herum. Diese Liebe mag manchmal sehr schmerzhaft sein. Aber man kommt nicht davon los.
Das Leiden an der Liebe
Es hat etwas von einer Amour fou. Fifty shades of red. Es macht einen fertig. Man leidet wie ein Hund. Jede neuerliche Niederlage macht einen wieder ein Jahr älter. Vielleicht ist man ja mittlerweile sogar unsterblich. Und natürlich macht auch Duisburg in der Nachspielzeit den Ausgleich. Im Arbeitszimmer fliegt ein Wagner-Klavierauszug gegen das Klavier. Weil das Spiel in der Woche abends war, konnte man sich nicht nach draußen flüchten. Schlimme Sache das.
Aber wenn man dann wieder einmal in der Westkurve steht und die Mannschaft erzielt kurz vor Schluss den Siegtreffer, dann fahren die Endorphine Achterbahn. Eine Explosion der Glückshormone. Die aber nun auch schon so lange, lange nicht mehr möglich war.
Es ist „nur“ Fußball
Den Menschen fehlt das, nicht nur in der Stadt und der Westpfalz. Der FCK ist ja pfalzweit allgegenwärtig. Und darüber hinaus. Auch die Saarpfalz ist eigentlich fest in roter Hand, nicht in blau-schwarzer. Die Menschen leiden, fiebern, zittern, jubeln mit diesem Verein, und da spielt die Liga tatsächlich gar keine Rolle. Natürlich kommen – wenn sie denn wieder kommen dürfen – in Liga drei viel weniger Zuschauer als eine oder gar zwei Klassen höher. Aber für die, die kommen, ist der Heimspieltag ein Ritual, das letztlich darüber entscheidet, wie das Wochenende verläuft. Wie viel Lebensqualität noch bleibt, wenn man den Blick auf die Tabelle gewagt hat. Zum Glück haben wir auch den Wein in der Pfalz.
Natürlich, es ist nur Fußball. Und was manche Leute unter Fußball verstehen, hat man in dieser Woche ja erleben dürfen durch die feine Gesellschaft der Super-League-Gründer. Aber für den FCK-Fan passt in dieses „nur“ eine ganze Gefühlswelt, um die es im Moment ohnehin nicht so gut bestellt ist. Und ja, der Kopf sagt bereits eine halbe Stunde nach dem Spiel: „Es gibt Wichtigeres im Leben.“ Und das Herz so: „Ein Leben ohne FCK ist möglich, aber völlig sinnlos.“
