Alltag
Unser Storno-Leben: Versuch über das Dasein im Wartestand
Es ist ein Bild für den Moment, unser Foto. Der Blick auf ein Fenster mit zugezogenem Vorhang. Der Globus hinter Glas, im Fenstersims-Abseits stehend. Im Lockdown, wenn man so will. Arretiert wie – mindestens – die ganze Welt. Wir warten, das ist der Modus jetzt schon fast ein Jahr, das Ausharren: unser alltäglicher Ausnahmezustand. Alles staut sich. Wir sitzen in einer Art Vorraum des Lebens.
Rasend vor lauter Stillstand, langsam lethargisch geworden, gespannt, vielleicht. Irgendetwas zwischendrin. Warten ist das Gegenteil von Effizienz. Heißt: Geduld zu haben mit dem Nichts. Was bleibt auch? Alle Netflix-Serien durchgeschaut. Aber der neue „Bond“-Film wird – seit wann eigentlich? – verschoben, um verschoben zu werden. Auf Herbst in einer Woche. Der gesamte Kulturbetrieb ist im Status später oder alles aus.
Und die Liebe?
Wir warten, bis – pars pro toto – die Adolf-Luther-Schau in der Pfalzgalerie endlich öffnet, auf Rock-am-Ring irgendwann wieder. Darauf, ob Spitz und Stumpf doch noch auf Abschiedstour gehen können, bevor die beiden zu alt dafür sind. Ob Onuté Grazinyté am 18. April im BASF-Feierabendhaus tatsächlich spielt. Auf den 28. April, wenn dann – vielleicht – Saša Stanišic bei der speyer.lit auftritt, und auf den 15. Juni, wenn möglicherweise Anne Weber kommt, die aktuelle Deutsche Buchpreisträgerin.
2020 sind 30 Millionen Urlaube storniert worden. Der Verkehr auf den Netzseiten der Reiseveranstalter soll jetzt hoch sein wie nie. Die (unverbindliche) Nachfrage bei Reisebüros – ungebrochen. Die Melancholie herrscht. Die Übermacht der – weißt du noch? – Erinnerungen. Die Jungen warten, bis das wahre Leben, das ihnen versprochen ist, das außerhalb des Smartphones und Zoom und der eigenen Bude, endlich durchstartet. Bis irgendwas abgeht, wenn schon die Abi-Abschlussfahrt nach Rom unwiederbringlich nicht stattfand. Und die Liebe?
Wann geht’s denn los?
Der Bund Deutscher Hochzeitsplaner meldet, dass 80 Prozent ihrer nun mehr potenziellen Kunden im vergangenen Jahr auf eine Hochzeitsfeier verzichtet oder sie vertagt haben. Und in den Gerichten stapeln sich die Anträge derjenigen, die es kaum er-warten können, sich nach so viel erzwungener Nähe ganz offiziell und endgültig schnell wieder los zu werden.
Vor den Supermärkten stehen – samstags, zugegeben – Schlangen, Menschen machen Halt an auf den Boden fixierten Linien, wie Rennfahrzeuge vor dem Start. Das Go gibt einem das Sicherheitspersonal mit Warnweste an. Schlangen vor dem Eisladen, der nur Mitnehm-Boxen à fünf Kugeln ausgeben darf oder kann aus logistischen Gründen, immer nur eine Sorte. In der langen Reihe vor dem in den Eingang gestellten Behelfstresen des Buchladens werden derweil die Bestellungen aufgegeben. Für Bücher, die in Sichtweite im Schaufenster stehen. Immerhin, hier ist ein Happy End abzusehen.
Kein Licht
Das Schlimme an der coronalen Warte-Epidemie bleibt ja, dass niemand weiß, was passiert. Wann das aufhört, final. Das Licht am Ende des Tunnels ist für uns alle, die wir in diesem Universalstau stehen, ein kleiner, unscharfer Punkt. Und die Psychologie sagt ja, der Umgang mit dem Stillstand sei dann besonders schwer, wenn man, statt auf etwas Absehbares zu spannen, in den Abgrund der Ungewissheit starren muss. Dazu noch das Gefühl, dass das Schicksal nicht in unserer Hand liegt und wir fremdbestimmt sind.
Die Schlange Schlange
Was wir einer Warteschlange besonders übelnehmen, nicht anders als dem Lockdown: dass sie und er, anstatt uns persönlich zu nehmen, uns alle einreiht in ein Kollektiv. Nicht umsonst soll der Begriff Warteschlange, im Französischen und im Englischen „Queue“ geschrieben, erstmals im Zusammenhang mit der Französischen Revolution aufgekommen sein.
1837 erfunden von einem Engländer ausgerechnet, der den inneren Zusammenhang beschrieb zwischen den Losungen der Französischen Revolution und denen, die aus freiem Willen brüderlich unter Gleichen in Reih’ und Glied für etwas anstehen. Ein Prinzip, das jetzt ja durch die Priorisierung nach Maßgabe der Indizes aufweicht. Wer sich richtig aufrauen möchte, sagen wir: als 35-jährige, normalgesunde Nicht-Lehrerin-Pflegekraft-Ärztin, googelt jetzt den wahrscheinlichen Termin einer Impfung, die schließlich so etwas wie Normalität und Alltours-Reisen ins Ausland in Aussicht stellt.
Om... Keine Angst!
Damit wir uns nicht falsch verstehen. Nicht alles – Advent, Advent – Hinwarten ist Frust. Auch sind nicht alle sind gleich gut für die Warterei geeignet. Wie die Psychologin Kate Sweeny von der University of California herausgefunden hat, steigen die Kapazitäten mit dem Alter.
Eine gute Weise, Zeit zu überbrücken, sagt sie in einem Interview mit dem „Zeit“-Magazin, sei, das Sich-Sorgen-Machen zu minimieren. Wenn wir weiterlebten, als sei nichts, und trotzdem vorbereitet seien auf das Schlimmste. Ansonsten helfe, in einen ablenkenden Flow zu geraten. Durch das Backen von Schwarzwälder Kirschtorte etwa, beim Yoga empfiehlt sich Bakasana, die Krähe, als zeitfressende Utopie. Am besten ist es natürlich, gleich ein Warte-Nerd zu werden wie Becketts Wladimir und Estragon. Vor allem: Haben Sie keine Angst! Denn dann löst sich der Superstau, in den uns das Virus umgeleitet hat, nur noch zähfließender auf.