Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Ulrich Noethen nimmt in SWR-Studio Hörspiel auf

Arbeit im Team: Ulrich Noethen (Mitte) mit den Pianisten Andreas Grau (links) und Götz Schumacher.
Arbeit im Team: Ulrich Noethen (Mitte) mit den Pianisten Andreas Grau (links) und Götz Schumacher.

Ein Schauspielstar zu Gast in der Westpfalz: Im SWR-Studio Kaiserslautern ist die musikalische Bearbeitung eines Literatur-Klassikers entstanden. Vier Tage lang arbeiteten Ulrich Noethen sowie das Klavier-Duo Andreas Grau und Götz Schumacher an einer Vertonung des Klassikers „Flegeljahre“ von Jean Paul. Sie soll 2025 zu dessen 200. Todestag gesendet werden und auf CD erscheinen.

Schauspieler Noethen ist nach eigener Aussage „hingerissen von der Poesie und Musikalität des Texts“, der beide Elemente „auf wunderbare Weise“ vereine. Das 1804/05 in vier „Bändgen“ erschienene Romanfragment wurde vom Dramaturgen Holger Schröder zum „Monodrama für zwei Pianisten und einen Sprecher“ verdichtet. Stefan Litwin versah das Ganze mit Noten.

Der Librettist arbeitete in den vergangenen Jahren unter anderem am Saarbrücker Staatstheater. Litwin ist Professor an der dortigen Universität. Auch das Tübinger Duo Grau & Schumacher ist dem Westen Deutschlands verbunden: „Das ist die dritte CD, die wir im Studio Kaiserslautern produzieren. Natürlich sind wir in der Pfalz auch schon häufig aufgetreten.“

Noethen kennt sich in Kaiserslautern aus

Mindestens ebenso eng ist Ulrich Noethens Beziehung zum Westrich. Sein Bruder Sebastian Schmid war bis zum Eintritt in den Ruhestand Cellist im SWR-Rundfunkorchester Kaiserslautern und nach dessen Fusion mit dem Saarbrücker Rundfunk-Sinfonieorchester Mitglied der heutigen Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern. Noethen kennt den Japanischen Garten und Kaiserslautern und will nach dem RHEINPFALZ-Gespräch gemeinsam mit den Pianisten ein Konzert in der Fruchthalle besuchen. Doch nicht nur deshalb drängt er höflich, aber bestimmt zur Eile: Das Interview findet während einer kurzen Mittagspause im Dirigentenzimmer des SWR-Studios statt.

Zu dritt haben Noethen, Grau und Schumacher bereits Oscar Wildes „Selbstsüchtigen Riesen“, den „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns, außerdem Schubert und Schostakowitsch interpretiert. Ebenso lag die Uraufführung der Jean Paul’schen „Flegeljahre“ in ihren Händen. Sie fand im November 2021 im Rahmen der Musikfestspiele Saar in der Völklinger Hütte statt.

Vertont wird Jean Pauls „Flegeljahre“, ein „Monodrama für zwei Pianisten und einen Sprecher.
Vertont wird Jean Pauls "Flegeljahre", ein "Monodrama für zwei Pianisten und einen Sprecher.

Der von den Schriftgelehrten zwischen Klassik und Romantik angesiedelte Schriftsteller erzählt von Zwillingsbrüdern. Die beiden „darbenden Musen- und Schulzensöhne“ begegnen sich nach jahrelanger Trennung wieder und schreiben an einem gemeinsamen Roman.

Der eine heißt Walt, ist ein wohl erzogener Sohn und zeichnet sich durch ein „gläubiges, verschämtes, überzartes, frommes, gelehriges und träumerisches Wesen“ aus. Sein Bruder Vult dagegen erscheint als „Weltluchs“ und spitzbübischer Filou, der sich gern „mit dem halben Dorfe rauft“. Er musste schon früh das Elternhaus verlassen und zieht als vagabundierender Flötenspieler durch die Lande.

„Ein hochkompliziertes Mosaik aus Hunderten von Steinchen“

Autor Jean Paul zeichnet zwar den Lebensweg des so unterschiedlichen Bruderpaars nach, das zeitweilig um ein schönes Polenmädchen rivalisiert. Zugleich gibt es in den „Flegeljahren“ vielerlei Nebenhandlungen, -schauplätze und -figuren, die aus dem „umfänglichen Text ein hochkompliziertes Mosaik aus Hunderten von Steinchen“ machen. Die Lektüre ist insofern nicht einfach, aber sie fasziniert durch poetischen Bilderreichtum sowie eine unwiderstehliche Mischung aus Schlichtheit und sprachlicher Eleganz.

„Jean Paul macht das scheinbar Unzusammenhängende zusammenhängend“, sagt Ulrich Noethen und verweist auf den Untertitel der Vertonung: „Bruchstücke“. Der Bundesfilm-, Fernseh- und Grimme-Preisträger, der seine Bühnenlaufbahn in Freiburg begann, hat bereits mehrere Dutzend Hörbücher aufgenommen. Das Spektrum reicht von Thomas Mann und Pearl S. Buck über „Ben Hur“ und „Vom Winde verweht“ bis Astrid Lindgren und Michael Ende. Seine 2009 veröffentlichte Einspielung von Tolstois „Krieg und Frieden“ umfasst 54 CDs und dauert 67 Stunden. 2017 erhielt er den Deutschen Hörbuchpreis.

Hoch konzentriert hinter Pult und Mikrofon

Die Arbeit im SWR-Studio ist also eigentlich Routine für den 63-jährigen Pfarrersohn, der nach einem sehr kurzen Jura-Intermezzo die Stuttgarter Schauspielschule besuchte. Hemdsärmelig, dabei hoch konzentriert steht er im Konzertsaal des SWR-Studios hinter Pult und Mikrofon, direkt vor sich die Flügel der beiden Pianisten.

Während Noethen einen karikierend pathetischen Singsang anstimmt, greift Zimmermann sanft in die Tasten. Derweil zupft, streicht, schlägt sein Bühnenpartner seit 40 Jahren mit den Händen die Saiten. „Aus der Fremde kehrt Vult verändert und ,fremd’ zurück“, erläutert Andreas Grau. „Die Wärme und Sensibilität der Sprache wird von Stefan Litwin hinreißend klanglich illustriert.“

„Einlassen auf Neues“

Noethen, der die Aufnahmen ausdrücklich als Gemeinschaftswerk klassifiziert, ergänzt: „Dadurch wird alles aufschlussreich und spannend.“ Der Schauspieler, Sprecher und Rezitator sieht in Lesungen „immer eine Horizonterweiterung“, das „Einlassen auf Neues“ gehört für ihn „zum künstlerischen Selbstverständnis“.

Ein langer Blick aufs Mobiltelefon, dann drängt’s ihn Richtung Kantine. Später gehen die Aufnahmen weiter. Die Einsätze des Dreier-Teams werden zusammen und nicht auf getrennten Tonspuren aufgenommen. Zum Abschied singt Götz Schumacher noch rasch ein kleines Loblied auf die Lauterer Professionalität und Kollegialität: „Es ist jedes Mal die reine Freude, im SWR-Studio arbeiten zu dürfen. Alle sind hier so freundlich und herzlich und kompetent und versiert.“

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