Pop
Salziges Glück: Das neue Album der in Mannheim ausgebildeten Musikerin Mine
Eine Sache, die Mine fast so sehr liebt wie die Musik, ist Eis. Milcheis vor allem, frisches Milcheis, nie aus der Waffel und immer aus dem Becher, Löffelchen für Löffelchen genossen. Stracciatella, Joghurt, Salted Caramel. „Eiscreme geht immer“, sagt sie im Gespräch, und am Tag darauf wird sie twittern: „Frevler, wer an Eisdielen vorbeigeht.“ Kein Wunder also, dass es auf ihr neues Album „Hinüber“ ein Song mit dem Titel „Eiscreme“ geschafft hat, der eine locker-flockige Hommage ist. Nicht nur an das kalte süße Glück im Mund, das zum Sommer gehört wie Biergarten und Baggersee. Es ist auch eine Hommage an Mines zweite Heimat, den Südwesten Deutschlands. Die aus der Nähe von Stuttgart stammende Musikerin, die in Mainz und Mannheim studiert hat, lebt natürlich längst in Berlin. Aber ihre Platten nimmt sie immer noch in Sandhausen bei Heidelberg auf. Die Mitglieder ihrer Band und ihres Teams leben zum größten Teil in Mannheim und Umgebung, hier fühlt sie sich immer noch zu Hause.
Irritierend, verstörend, lustig
Gäbe es „Eiscreme“ nicht und ein, zwei andere fröhlich groovende Nummern: „Hinüber“ hätte leicht eine düstere Dystopie werden können. Die meisten Songs sind zwar schon kurz vor der Corona-Pandemie entstanden. Aber auch ohne diesen „grauen Schleier“ (Mine), der gerade über allem liegt, gibt es genug andere Gründe für Weltschmerz: den Klimawandel, die Vermüllung der Meere, die Ungerechtigkeit und Ungleichheit in der Welt. Über all das und mehr macht Mine sich viele Gedanken, und sie findet immer wieder neue Wege, sie in ihrer Kunst auszudrücken. Wie kann man diese Musik beschreiben? Vielleicht wie eine Kugel Eis der Sorte Salted Caramel, deren Süße durch ein paar Salzkrümel immer wieder gebrochen wird. Es ist großartige Musik, aber keine gefällige. Sie kann irritierend sein, verstörend oder auch: total lustig.
Mine wurde 1986 als Jasmin Stocker in Stuttgart geboren und ist in einem Dorf in der Nähe aufgewachsen. Sie verließ es, um in Mainz Jazzgesang zu studieren. Danach studierte sie an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim Produzieren und Komponieren. Hier entstand 2013 ihr Projekt Mine. Um den „Klängen im Kopf“, wie sie damals sagte, Raum zu geben, organisierte sie ein erstes Crowdfunding. Und stand dann mit einem Orchester auf der Bühne des Capitols. Als sie nun, im April 2021, ein Zitat aus einem ersten Interview mit der RHEINPFALZ aus diesem Jahr hört („Ich werde niemals viel Geld verdienen mit meiner Musik“), kommen ihr beim Videotelefonat am Berliner Schreibtisch fast die Tränen. „Als wir damals gesprochen haben“, sagt sie, „hatte ich vier Jobs, habe studiert und in einem kleinen Loch gewohnt.“ Alle Nebenjobs sind gekündigt, und die Miete überweist Mine trotzdem jeden Monat pünktlich, bezahlt ihre Teammitglieder, und auch für eine Kugel Eis reicht es immer noch.
Was ist passiert in diesen acht Jahren? Eine Menge. Sie ist nach Berlin gezogen, hat ihren Look völlig verändert und ihre eigene Nische im deutschen Pop besetzt. Auf ihr Debütalbum „Mine“ (2014) und den Nachfolger „Das Ziel ist im Weg“ (2016) folgte 2019 „Klebstoff“. Spätestens mit diesem Album war ihr überregionale Aufmerksamkeit gewiss. Dazwischen erschien 2017 „Alle Liebe nachträglich“, ein mit dem Rapper Fatoni entstandenes Album, wie sie überhaupt gerne mit Kollegen arbeitet, mit den Orsons, mit Samy Deluxe, Tristan Brusch, Edgar Wasser... Mit den Prinzen hat sie gerade eine neue Version von deren altem Hit „Gabi und Klaus“ aufgenommen. Auf „Hinüber“ finden sich gemeinsame Songs mit der tollen Schweizer Sängerin Sophie Hunger und mit den Rappern Dexter und Crack Ignaz.
Keine Auftritte im Autokino
Vermutlich ist Mine also ein sehr fleißiger, disziplinierter, ehrgeiziger Mensch? Sie lacht. „Es kommt mir manchmal so vor, als ob ich das chilligste Leben hätte“, sagt sie, „weil ich mich so auf die Musik und das Künstlerische konzentrieren kann. Das ist ein großes Privileg. Es fühlt sich nicht wie Arbeit an.“ Im Lauf der Jahre habe sie gelernt, mit Leuten zusammenzuarbeiten und die Kontrolle abzugeben. Booking, Marketing, Management – seit Mine größer und größer geworden ist, überlässt sie diese Bereiche anderen.
Wenn Mine jetzt unterwegs ist, dann meistens mit ihrem Hund in der Natur. Es falle ihr schwer, nach Jahren des Unterwegsseins nun so viel Zeit zu Hause zu verbringen, sagt sie. Sie hat sich deswegen angewöhnt, einmal in der Woche ins Studio zu gehen und Songs aufzunehmen, ob nun gerade ein Album fertig geworden ist oder nicht. Für den Sommer sind zwei Picknickkonzerte in Berlin und Leipzig geplant. 2020 konnte man sie in coronatauglicher kleiner Besetzung zweimal vor jeweils 100 Leuten in der Alten Feuerwache in Mannheim erleben. Und ihr anmerken, wie sehr sie die Bühne braucht. „Es ist, als sei ein Stück Identität verloren gegangen“, sagt sie. Um jeden Preis auftreten möchte sie aber auch nicht. Anfragen für Autokinokonzerte hat sie abgelehnt, vor allem, weil sie es nicht richtig findet, dass man ein Auto braucht, um sie zu besuchen. Einen Plastiklöffel benutzen zu müssen, um ein Eis essen zu können: Schlimm genug.