Fernsehen
Kalender: Seifenoper vor Bergkulisse – 1985 lief die erste Folge der „Schwarzwaldklinik“
Der Groschenroman war jahrzehntelang die Hausbibliothek des Kleines Mannes. Und seiner Frau natürlich. Es gab und gibt zum Teil immer noch Heimatromane, Western, Weltkriegserzählungen, Horrorgeschichten. Und natürlich die Arztromane. Die können überall spielen. In der Großstadt. In den Bergen. Auf dem Land. Auf einer Insel. Immer im Mittelpunkt: Der selbstredend gut aussehende Dorf-, Berg- oder Inseldoktor beziehungsweise der Chefarzt einer Klinik. An seiner Seite: die äußerst attraktive Oberschwester beziehungsweise die hoffnungslos in ihren Chef verliebte Sprechstundenhilfe.
Woche für Woche wird eigentlich dieselbe Geschichte erzählt. Irgendein dramatisches Ereignis findet dank der großartigen medizinischen Fähigkeiten des Chefarztes, aber auch seines unwiderstehlichen Charmes wegen eine glückliche Wendung. Am Ende ist alles, alles wieder gut. Um es mit Eichendorffs Romanhelden Taugenichts zu sagen. Diese heile Welt ist global. Sie lässt sich überall hinprojizieren. Auch ins Glottertal bei Freiburg im Schwarzwald.
Brinkmann senior und junior
Aus einem Groschenroman-Format wurde 1985 die erfolgreichste deutsche Fernsehserie: Die „Schwarzwaldklinik“, auch im Ausland heiß begehrt und geliebt. Für jeden Frauentyp etwas dabei, denn die Hauptfigur, Professor Klaus Brinkmann, hat auch noch einen Sohn: Klaus Brinkmann. Für Brinkmann senior war eigentlich Armin Mueller-Stahl vorgesehen, doch der ging lieber nach Hollywood als in den Schwarzwald. Der 2007 verstorbene Klausjürgen Wussow fand die Rolle seines Lebens. An seiner Seite: Sascha Hehn, mittlerweile 66 Jahre alt. Er übernahm später als Kapitän das „Traumschiff“. Auch dies kein Zufall, denn der Produzent der Klinikserie war der „Traumschiff“-Erfinder Wolfgang Rademann.
Der alterslos schöne Professor Brinkmann
Wussow war quasi alterslos schön in der Serie. Das Hemd immer leger offen unter dem weißen Arztkittel. Und dann diese Stimme, tief, sonor, zumindest für alle weiblichen Hauptfiguren unwiderstehlich. Wäre da eben nicht sein Sohn Udo gewesen. Sascha Hehn machte aus ihm einen wahren Frauenhelden. Unvergessen sein absolut cooler Sprung, mit dem er in sein Cabrio einstieg, ohne die Tür zu öffnen.
Die Liebesverwirrungen sind so zahlreich, dass man sie hier gar nicht aufzuzählen kann. Vor allem Udo Brinkmanns Liebesleben ist so kompliziert wie das Libretto einer Barock-Oper. Ständig eine andere, mal mehrere gleichzeitig, und wenn er sich komplett verrannt hatte, schlug oft das Schicksal zu. Frauenfiguren jedenfalls starben in der „Schwarzwaldklinik“ trotz bester medizinischer Versorgung zuhauf. Nur der Chef selbst fand irgendwann so etwas wie eine Ruhe- und Haltepunkt in seinem Liebesleben: Schwester Christa Mehnert, gespielt von der heute 77-jährigen Gaby Dohm, die nicht nur zur Frau an der Seite von Professor Brinkmann aufstieg, sondern auch ein Medizinstudium erfolgreich absolvierte und selbst Ärztin wurde. Wenigstens ein Anflug von Gleichberechtigung in einer Serie, in der ansonsten tatsächlich die Herren der Schöpfung in weißer Arztkleidung das Geschehen bestimmten.
Zwei Genres des Groschenromans
Es kommen mindestens zwei Genres des Groschenromans zusammen, eben nicht nur der Arzt-, sondern auch der Heimatroman. Schon der Vorspann zeigt eine Schwarzwaldidylle mit Seen, Bergen und Wäldern, welche die ideale Kulisse für eine heile Welt abgab. Sobald es problematisch wurde, etwas in einer Folge, in der ein Vergewaltigungsopfer Selbstjustiz übte, schalteten sich die Fernsehoberen ein und sorgten für jugendfreie Familienunterhaltung.
Dem Glottertal und dem 1913/14 erbauten Carlsbau, der einst als Sanatorium errichtet wurde für die Großen und Reichen und mittlerweile eine Klinik für psychosomatische Erkrankungen ist, bescherte die Serie einen Touristenboom. Busse wurden zur Klinik gebracht, in der lediglich die Außenaufnahmen gedreht wurden, für Innenaufnahmen nutzte man ein Studio in Hamburg. Und manche Pilger waren enttäuscht, Professor Brinkmann nicht persönlich anzutreffen, hatten sie sich doch von ihm Rettung in der Not erwartet. Die Macht der Fiktion hatte gesiegt. Aus einem verfilmten Arzt-Roman war eine unerfüllbare Wunsch-Wirklichkeit geworden.
Der Kalender