Interview RHEINPFALZ Plus Artikel John Irving über sein neues Buch „Der letzte Sessellift“

„Ich kann mir nicht vorstellen, ein Buch ohne das Thema Kindheit zu schreiben“, sagt Erfolgsautor John Irving auch mit 81 Jahren
»Ich kann mir nicht vorstellen, ein Buch ohne das Thema Kindheit zu schreiben«, sagt Erfolgsautor John Irving auch mit 81 Jahren.

Der US-Amerikaner John Irving ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt. Nächsten Mittwoch erscheint bei uns sein 15. Roman „Der letzte Sessellift“. Der 81-jährige Autor sprach mit Udo Schöpfer vorab über das Buch, in dem er bewusst altbekannte Themen aufgreift.

Mister Irving, Sie haben rund sechs Jahre an Ihrem neuen Buch geschrieben, der von einer Skilehrerin, – Rachel, genannt „Little Ray“ –, von ihrem Sohn Adam – der später Drehbuchautor wird – und ihrer weiteren Familie handelt, etwa Adams Stiefvater Elliot, der zunächst als „Schnee(schuh)läufer“ eingeführt wird. Wie schwer war es, sich dann von all diesen Charakteren zu verabschieden?
Sechs Jahre sind keine lange Zeit für mich, um ein Buch zu schreiben. Ja, es ist mein umfangreichstes Buch, was die Anzahl der Seiten betrifft. Ich wusste, dass dies so sein wird – wegen der großen Anzahl an wichtigen Charakteren, und dem Zeitabschnitt, den ich behandle, nämlich 80 Jahre. Generell war es diesmal sehr einfach, den Roman zu schreiben. Denn ich musste mir nichts aneignen, was ich nicht schon aufgrund meiner Erfahrungen wusste.

Ich bin mit dem Skifahren aufgewachsen, jeder in meiner Familie hatte einen Ski-Hintergrund. Ich lebte an Skiorten in den USA und in Österreich, ich verbrachte viel Zeit in Kaprun, St. Christoph, Lech, und St. Anton. Ich bin also sehr vertraut mit dem Skifahren. Für einige meiner Romane, die kürzer sind, habe ich zwei, drei Jahre länger gebraucht. Das hängt damit zusammen, dass ich mehr über das eine oder andere Thema lernen musste.

Und dann hatten wir ja noch die Pandemie, ich blieb zu Hause und konnte schreiben, weil meine Familie der Ansicht war, ich sollte nirgends hingehen. Ich weiß ja immer mehr über das Ende eines Romans als darüber, wie die Geschichte beginnen soll. Aber in diesem Fall hatte ich nicht nur das letzte Kapitel, ich hatte die letzten drei, vier Kapitel. Und das alles machte das Schreiben für mich bequem.

Ein vertrautes Ambiente

In dem neuen Roman finden wir Ihre bewährten Themen: einen abwesenden Vater, ein Plädoyer gegen Intoleranz, gefährliche kleine Frauen, ungefährliche große Frauen. Auch Vietnam ist ein Thema, beispielsweise. War das die Idee, all das noch einmal zu betonen, was Sie in Ihrem Leben beschäftigt hat?
Ja, das ist richtig. Ich habe ständig an die Themen gedacht, die mir vertraut sind. Und gerade am Anfang wollte ich – die Schule, die Stadt, der fehlende Vater, die alleinerziehende Mutter –, dass das Ambiente für die Leser vertraut ist. Aber: Diese Familie ist eine ganz andere Familie. Ich wollte die Regeln ändern. Es gibt einen Charakter, der geradeaus ist. Aber ich wollte die anderen Mitglieder der Familie, die Macken haben, als normale Figuren darstellen. Normaler, als es die Hauptfigur Adam ist. Er ist immer der Letzte, der etwas kapiert. Alle anderen sind ihm voraus. Ich wollte zunächst einmal eine normale Familie beschreiben, dann aber den Charakter dieser Familie ändern.

Adams Ehefrau sagt einmal zu ihm: Du hast eine seltsame Familie. Adam ist sauer über diesen Satz. Können wir den Roman als Plädoyer für die Institution der Familie lesen?
Ich hoffe es. Ja, das stimmt.

Und gestützt wird dies durch einen wichtigen Satz aus „Der letzte Sessellift“: Es gibt mehrere Arten, jemanden zu lieben. Oder?
Ja, genau. Molly, die Pfistenpflegerin, ist sich über so vieles sicher. Sie sagt schon vor der Hochzeit voraus, wie eng der Schneeläufer Elliot und Little Ray zusammen sein würden. Sie ist sich sicher, dass es mehrere Arten gibt, Menschen zu lieben. Und vor allem: Sie ist es, die am Ende des Romans feststellt: Geliebte Menschen verlassen uns – und wir gehen weiter. Geister oder keine Geister, wir sehen die Toten weiterhin.

Die Toten sind präsent

Ein gutes Stichwort. Es gibt noch eine andere Ebene im Buch. Es tauchen Geister auf. Warum haben Sie diese Ebene in den Roman eingefügt?
Als ein nicht-religiöser Mensch kann ich mir die spirituelle Welt vorstellen. Ich glaube, ja, ich weiß, dass rationale und heilige Menschen Geister gesehen haben. Ich bin älter, viele Menschen meiner Familie und Menschen, mit denen ich aufwuchs, sind gestorben. Ich weiß, wie präsent diese Menschen auch weiterhin in einem Leben sind. Ich weiß, dass sie nicht weggehen. Gegen Ende des Romans werden es immer mehr. Aber natürlich sind Adams Mutter und der Schneeläufer die wichtigsten. Adam würde keine Ruhe geben, bis er sie sieht.

Die Leser kennen mich als einen Autor, der nicht gerade für Happy-Endings bekannt ist. Aber dieses Ende fühlt sich gut an für den Leser.

Eine ganz wichtige Rolle in dem Roman spielt der Klassiker „Moby Dick“. War Melvilles Roman in Ihrem Leben auch so bedeutend?
Sehr! Ich war nicht so jung wie Adam, als ich das Buch gelesen habe. Ich war 17 Jahre alt. Aber es hat das beste Ende, das ein Roman jemals hatte, meiner Meinung nach. Die Architektur, die zu dem Ende des Romans führt, ist perfekt. Mit 15 Jahren wusste ich, dass ich ein Schriftsteller sein wollte, weil ich Bücher von Charles Dickens las. Er bewirkte, dass ich ein Schriftsteller werden wollte. Einige Jahre später, ich war immer noch in der Highschool, las ich „Moby Dick“, und mir wurde bewusst: Das ist, was Du über ein Romanende wissen solltest.

Europäische Filme erweiterten Irvings Horizont

Und: Ihr neuer Roman zeigt auch, wie wichtig der Film noir für sie ist und war. Nicht wahr?
Ja. Besonders, wenn man wie ich in einer kleinen Stadt in New England aufwuchs. Ich sah all die amerikanischen Filme. Als die europäischen Filme in mein Leben kamen, erweiterten sie meinen Horizont. Das waren die Filme, die mich am meisten interessierten. Und ich hatte das Glück, unweit einer Uni-Stadt zu leben, in der ausländische Filme sehr populär waren. Viele Menschen, die in kleinen US-Städten aufwachsen, sehen solche Filme nie. Diese Filme waren ein Teil meines Lebens, von Beginn an. Und sie waren der aufregendste Teil am Kino für mich.

Dazu passt: Den Teil der Geschichte, der in einem Hotel im Skiort Aspen spielt, haben Sie als Drehbuch geschrieben.
Das war mir wichtig. Adam ist ein Drehautor. Ich meine: Wenn man eine Geschichte über einen Drehbuchautor erzählt, sollte man demonstrieren, zeigen, dass er weiß, wie man ein Drehbuch schreibt. In „Garp und wie er die Welt sah“ zeige ich auch, wie die Hauptfigur schreibt. Auch das war für mich notwendig. Und ich wollte auch ein bisschen spielen. Aber natürlich ist man dann ein wenig nervös. Denn als Autor unterbricht man seine eigene Stimme, indem man eine andere Form wählt.

Was überrascht, ist die beträchtliche Anzahl von Selbsttötungen in dem Roman. Das ist neu in Ihrem Werk.
Ja. Little Ray und der Schneeläufer – das ist ein Statement: Das eigene Leben selbst in die Hand nehmen, auch am Ende. Als Little Ray die Todes-Diagnose bekommt, war klar: Sie ist von ihrer Art her der Mensch, der die Sache in die Hand nimmt. Sie wird sterben, zu ihren eigenen Bedingungen. Denken Sie nur an den Kuss, den sie ihrem Sohn Adam gibt. Sie ist ein Charakter, der immer zu weit geht. Auf eine Art bewundern wir sie, aber wir wissen auch, dass sie sich nicht zügeln lässt.

Autor fühlt sich wohl mit der Vergangenheit

Ihr neuer Roman ist sehr politisch. Sie kritisieren beispielsweise den früheren US-Präsidenten Ronald Reagan für seine Untätigkeit während der Aids-Jahre. Während Corona gab es einen US-Präsidenten, der die Pandemie als leichte Grippe bezeichnete. Hatten Sie überlegt, die Handlung des Romans in die Corona-Jahre auszudehnen?
Nein. Wenn Sie sich meine früheren Romane anschauen: Ich fühle mich wohler mit der Vergangenheit. Ich weiß, was ich über die Vergangenheit denke. Ich wollte das Buch in den Anfangsjahren von Trump enden lassen.

Wo steht der neue Roman in Ihrem Oeuvre?
Am zufriedensten bin ich damit, wie der Roman zum Ende hin konstruiert ist. Das Ende dieses Romans ist unter den besten Schlusssequenzen all meiner Romane – zusammen mit „Owen Meany“ und „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Ein Ich-Erzähler ist nie meine erste Wahl. Diese Erzählform macht jede Geschichte länger. Ich fühle mich in der dritten Person wohler, obgleich zwei meiner besten Romane in der Ich-Form geschrieben wurden: Owen Meany und eben „Der letzte Sessellift“. Wenn es in einer Geschichte darum geht, Menschen zu verlieren, ist diese Erzählform die stärkere Form, weil so der Verlust intensiver ausgedrückt werden kann.

Sie schreiben immer noch gegen intolerantes Verhalten an. Devise: Keine Toleranz gegen Intoleranz. Hat sich gesellschaftlich etwas Ihrer Ansicht nach geändert?
Ich glaube nicht, dass ein fiktives Werk eine Wirkung auf die Meinung der Öffentlichkeit hat. Vielleicht ist das noch so in Europa, dass Literatur die Allgemeinheit berührt. In den USA habe ich erkannt, dass meine Ansichten nie eine bedeutsame Änderung bewirkten. Wenn Menschen homophob sind, dann sind sie es, ich werde ihre Haltung nicht ändern. Wenn Menschen gegen Abtreibung sind, werden sie ihre Meinung nicht ändern. Ich merke, dass ich ein wenig resigniere. Aber es sind ja Dinge, über die sich meine Mutter schon Gedanken gemacht hat, als Krankenschwester. Ich frage mich, wie sie sich fühlen würde, wenn sie sähe, dass sich die Frauenrechte rückwärts entwickeln. Das alles zu sehen, schmerzt.

Einer der schönsten Sätze des Buches ist: „An der Kindheit ist nicht genug Ewigkeit.“ Wie tief ist Ihre Kindheit noch in Ihnen drin?
Vielleicht sind nicht alle meine Romane politisch. Aber eins ist sicher: Die Kindheit und was uns passiert als Kindern und Heranwachsenden, ist der prägendste Teil unseres Lebens. Das ist der Teil, der uns formt. Ich kann mir vorstellen, ein Buch zu schreiben, in dem Politik nicht vorkommt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, ein Buch ohne das Thema Kindheit zu schreiben und in dem meine Figuren nicht durch die Erfahrungen und Erlebnisse geprägt werden. Auch wenn ich schon älter als 80 Jahre bin. Die Kindheit ist der wichtigste Teil unserer psychologischen und emotionalen Entwicklung.

Wie weit sind Sie schon mit Ihrem neuen Roman?
Ich habe schon acht Kapitel geschrieben, was auch an den Corona-Monaten lag, in denen ich nicht von zu Hause wegkonnte.

Zur Person

John Irving wurde am 2. März 1942 in Exeter (New Hampshire) geboren. Sein Durchbruch erfolgte mit seinem vierten Roman „Garp und wie der die Welt sah“. Das war der Startschuss zu einer großen Karriere. Viele Millionen Bücher hat der Schriftsteller mittlerweile verkauft. Für das Drehbuch zu „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ erhielt er einen Oscar. Mit dem Nobelpreis rechnet er nicht mehr. „Ich bin zu lustig“, sagte er mal in einem RHEINPFALZ-Gespräch. Einige Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Bücher, beispielsweise der abwesende Vater oder seine Leidenschaft für das Ringen.

Lesezeichen

John Irving: „Der letzte Sessellift“; aus dem Englisch von Anna-Nina Kroll und Peter Torberg; Diogenes; 1088 Seiten; 36 Euro, erscheint am 26. April.

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