72. Berlinale RHEINPFALZ Plus Artikel Im deutschen Wald: Die Filme der Reihe „Perspektive deutsches Kino“

Eröffnete die Reihe: der deutsch-rumänische Spielfilm „Wir könnten genausogut tot sein“ der Regisseurin Natalia Sinelnikova.
Eröffnete die Reihe: der deutsch-rumänische Spielfilm »Wir könnten genausogut tot sein« der Regisseurin Natalia Sinelnikova.

In der Berlinale-Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ dominierten dieses Jahr auf dem Regiestuhl die Frauen. Der Hauptpreis ging an die in Köln lebende indische Dokumentarfilmerin Rebana Liz John. Bei den Spielfilmen überzeugte „Wir könnten genauso gut tot sein“ der in Sankt Petersburg geborene Regisseurin Natalia Sinelnikova.

Von Peter Gutting

Der deutsche Filmnachwuchs war auch in der Pandemie nicht faul. 225 Spiel- und Dokumentarfilme reichten Absolventen der zahlreichen Filmhochschulen sowie Quereinsteiger bei der Berlinale-Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ ein. In den Wettbewerb um den „Kompass-Perspektive-Preis“ schafften es jedoch nur sieben, einer davon war ein Kurzfilm.

In den vergangenen Jahren umfasste die Reihe oft zwölf, manchmal sogar 14 Beiträge. Und das keineswegs auf einem schlechteren Niveau als die aktuelle Ausgabe, bei der es vor allem unter den fünf Spielfilmen ein paar schwache Kandidaten gab. Die Auszeichnung für den besten Film ging denn auch an einen Dokumentarfilm.

Mit der Axt unterwegs

Der eilige Gang durch den Wald hat etwas Gespenstisches. Von hinten zeigt die Kamera drei schwarz gekleidete Gestalten, offensichtlich Vater, Mutter und Sohn. Aber was ist das? Sowohl Vater wie Mutter halten eine Axt in der Hand. Ängstlich schauen sie nach links und rechts. Schnitt: An einer Lichtung sieht man das Ziel ihres Strebens: ein turmartiges Hochhaus. Dort scheint die Familie die Äxte nicht zu brauchen. Sie vergraben sie rasch an einem Baum. Danach sieht man das Tor einer „Gated Community“, eines eingezäunten Orts, der Sicherheit vor den Gefahren des Waldes verspricht.

So beginnt das Langfilmdebüt „Wir könnten genauso gut tot sein“. Regisseurin Natalia Sinelnikova bündelt in der Eingangssequenz sämtliche Elemente, die ihr sehenswertes Drama ausmachen: das Gefühl der Angst, eine bildstarke Ästhetik und eine ordentliche Portion schwarzen Humors. In der dystopisch angehauchten Szenerie des Hochhauses seziert der Film die Mechanismen, wenn Sicherheitsbedürfnisse in Panik und Ausgrenzung umschlagen.

Der Hund des Hausmeisters ist verschwunden, und die Sicherheitsbeauftragte Anna (Iona Jacob) appelliert vergeblich an den gesunden Menschenverstand der Bewohner, die nun Jagd machen auf angeblich Verdächtige, „zufällig“ alle mit Migrationshintergrund. Betörend setzt die Kamera das fiktive, aus mehreren Gebäuden in der Montage zusammengesetzte Hochhaus in Szene. Und äußerst glaubwürdig verwebt die 1989 in Sankt Petersburg geborene Regisseurin eigene Erfahrungen von Fremdheit in ihre unterhaltsame, satirisch aufgeladene Geschichte. Dass der Film als leicht übersetzbare Parabel daherkommt, fällt kaum störend ins Gewicht.

Natalia Sinelnikovas Eröffnungsfilm war eindeutig der stärkste unter den Spielfilmen, die sich in auffälliger Weise um den deutschen Wald drehten. Bei ihr war es ein Ort der Gefahr, in anderen Beiträgen eine Oase der Sehnsucht, ein Erinnerungsraum oder ein stummer Zeuge der unbewältigten deutschen Vergangenheit.

Und noch etwas war bemerkenswert. Bei sechs von sieben Beiträgen saß eine Frau auf dem Regiestuhl. Schon in den Vorjahren war das Verhältnis der Geschlechter zumindest ausgewogen gewesen. Die in der Filmwirtschaft sonst immer noch gängige Benachteiligung von Frauen spiegelt sich zumindest in dieser Berlinale-Sektion seit Längerem nicht mehr wider. Das ist sicherlich auch ein Verdienst der langjährigen Sektionsleiterin Linda Söffker, die die Reihe 2011 übernahm und nun aber die Berlinale verlässt, um zur Defa-Stiftung zu wechseln.

Pfiffiger Fluchtfilm

Auch die beiden Dokumentarfilme der Reihe stammten von Frauen. Stilistisch und in der Tonlage völlig verschieden, zählten sie zu den Höhepunkten der Sektion. In „Sorry Genosse“ erzählt Vera Brückner mit viel Pfiff von einer Liebesgeschichte im geteilten Deutschland. Das ist natürlich kein neues Thema. Neben vielen anderen beleuchtet etwa Margarethe von Trottas Spielfilm „Das Versprechen“ (1994) die Nöte, wenn einer der Liebenden in der damaligen Bundesrepublik und der andere in der damaligen DDR festsitzt. Aber das Langfilmdebüt der ein Jahr vor dem Mauerfall geborenen Regisseurin vermeidet den sonst üblichen tragischen Ton.

Hedi und Karl-Heinz Stützel, die Protagonisten, lassen sich mit sichtlichem Vergnügen auf den unterhaltsamen Tonfall der Regie ein. Schließlich waren sie beim Fluchtversuch von Hedi aus der DDR erst Anfang 20. Sie lassen das Publikum teilhaben an rebellischen, wilden und recht unbekümmerten Jugendjahren – aus der Rückschau ein großes Abenteuer. Wie ein roter Faden begleitet der Song „Der Traum ist aus“ von der Agitpropband Ton Steine Scherben die amüsant mit Spannungselementen aufgeladene Geschichte der großen Liebe, in einer eigens für den Film gecoverten Version. Frisch von der Leber weg setzt der Mix aus Krimi, gründlich recherchiertem Archivmaterial und lustigen Animationen auf Unterhaltung. Und auch darauf, den jüngeren Generationen vom Lebensgefühl ihrer Eltern und Großeltern zu erzählen.

Stilistisch strenger war „Ladies Only“, das Debüt der in Köln lebenden Inderin Rebana Liz John. Sie stieg mit einem kleinen Filmteam in die Vorortzüge von Mumbai und verwickelte 34 Frauen in Gespräche über deren Leben im indischen Patriarchat. 13 von ihnen haben es in den fertigen Film geschafft, der mit seiner leuchtenden Schwarz-Weiß-Ästhetik die Stimmung des Reisens einfängt: neugierige Gesichter, vorbeifliegende Straßen, Müdigkeit, Stress, aber auch das Treiben fliegender Händler, die ihre Accessoires auf mobilen Hängevorrichtungen feilbieten.

Eine große Aufgabe

Warum in den Abteilen nur Frauen zugelassen sind, erklärt der Film nicht. Und zwar aus gutem Grund. Denn Rebana Liz John will die Porträtierten nicht zu Opfern machen, sondern wählt vorwiegend Frauen aus, die ihr Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen. Die Geschlechtertrennung wirkt in diesem Zusammenhang eher als Schutzraum denn als eine Art Apartheid. Für ihren stimmig rhythmisierten und bildstarken Film bekam Rebana Liz John den „Kompass-Perspektive-Preis“. Eine vertretbare, aber nicht zwingende Entscheidung.

Erstmals in diesem Jahr würdigte das Team um die scheidende Leiterin Linda Söffker nicht nur die Regie, sondern auch die anderen Gewerke der filmischen Arbeit, wie Schauspiel, Kamera, Szenenbild oder Montage. Den eigens dafür umgewidmeten Heiner-Carow-Preis durfte Rafael Starman entgegennehmen, der Kameramann des Spielfilms „Gewalten“. Seine poetisch komponierten Bilder sind der Lichtblick in einem allzu düsteren Drama um einem übel drangsalierten Jungen, gedreht von dem einzigen männlichen Regisseur der Reihe, Constantin Hatz.

Ob und wie die Würdigung der Gewerke und damit der Kollektivarbeit fortgesetzt wird, liegt in den Händen der noch nicht feststehenden Nachfolgerin bzw. des Nachfolgers von Linda Söffker. Ihr oder ihm wird es auch obliegen, den in den vergangenen drei Jahren zu beobachtenden Bedeutungsverlust der Sektion zu stoppen oder gar umzukehren.

Gewinner: „Ladies Only“ von Rebana Liz John. .
Gewinner: »Ladies Only« von Rebana Liz John. .
x