Kunst
Herzkunst mit Nebelmeer: Caspar David Friedrich wird gefeiert
Da steht er also auf dem Felsen, einsamkeitsumflort, ein trittsicherer Städter. Man kann nicht anders, als ihm beim Sehen zuzusehen. Über seine Schulter schaut man auf gischtende Wolken, wabernde Schwaden. Mittlere Gebirge im Hintergrund. Rosafarbene Schlieren durchziehen die Schneelandschaft des Himmels. Auf Caspar David Friedrichs romantischem Inbegriffsbild „Wanderer über dem Nebelmeer“ aus dem Jahr 1817 passiert nicht viel – wie meistens auf seinen träumerisch-stimmungsvollen Landschaftsstillleben weht einem Heimweh nach einem nie dagewesenen Sehnsuchtsland an. Ein trotz aller Handlungsarmut aufregendes Bild aus unserem kollektiven Gedächtnis, auf dem der liebe Gott sich mit Dunst verhüllt. Es erscheint gerade wieder allgegenwärtig.
Vor Weihnachten wurde sogar Gebäck mit den Konturen der markanten Rückensilhouette verkauft. Die Hamburger Kunsthalle zeigt den „Wanderer“ jetzt in der Friedrich-Ausstellung „Kunst für eine neue Zeit“, die den Auftakt von Feierlichkeiten bildet. Ohne Vorbuchung braucht gar nicht anzureisen, wer Friedrichs „Kunst für eine neue Zeit“ anhimmeln will. Die Tageskassen sind meistens geschlossen. Die Ausstellung, geflutet von Menschen, die dennoch Andacht versuchen. Schauen in Berlin, Dresden, Greifswald und New York werden folgen. Bücher erscheinen, wie Eberhard Rathgebs zeitgeschichtlich-philosophische Einordnung „Maler Friedrich“, oder „Zauber der Stille“. Florian Illies siedelt mit dem leichthändig erzählten Wunderbuch seit Wochen in den Bestsellerlisten oben. Untrüglich sind die Zeichen, dass der am 5. September 1774 in Greifswald geborene, strenge Lieblingsmelancholiker der Deutschen wieder einmal der Künstler der Stunde ist.
Nackte Malerei
Ein störrischer Eigenbrötler, der es schwer mit sich hatte und unter anderem daran litt, dass sein jüngerer Bruder starb, als er ihn aus dem Eis retten wollte, in das er eingebrochen war. Ein Talgseifensiedersohn, spätberufener Ehemann und leidenschaftlicher Kanarienvogelzüchter. Sein Lebensradius bewegte sich zwischen Greifswald, seinem Studienort Kopenhagen und Dresden, wo er einmal ein paar Häuser weiterzog – in das Haus An der Elbe 33, an dem die Schiffe vorbeifuhren und in dem er am 7. Mai 1840 starb.
Wo es seine Kollegen nach Italien drängte, reichten ihm jedenfalls das Elbsandsteingebirge nahe Dresden, die Küstenlandschaft seiner Geburtsstadt Greifswald, die weiten Himmel über der Ostseeinsel Rügen. Mehr brauchte er nicht als Inspiration. Er malte – bei halb geschlossenen Fensterläden, gehüllt in einen grauen Reisemantel, darunter angeblich nackt – sowieso, was ihm in den Sinn kam und ins Herz schoss: Gräber im Schnee, dunkle Wälder, einen Regenbogen, der in der Nacht leuchtet. „Spaziergang in der Abenddämmerung“, „Ostermorgen“, „Abtei im Eichwald“, „Frau vor untergehender Sonne“ lauten typische Titel für Arbeiten, auf denen nur vordergründig spektakulär wenig los ist. Sein Credo: Der Maler möge weniger das malen, „was er vor sich sieht, als das, was er in sich sieht“. Wenn man so will, sind seine Gemälde Fakenews, frühe analoge Instagram-Bilder mit subjektivem Filter, auf denen Realität und Empfindung, Erzähltes und Erdachtes, verschmelzen.
So kann bei ihm die Ruine Eldena bei Greifswald auch einmal im Riesengebirge stehen. Der Fels, den der Wanderer präsidiert, ist aus der Sächsischen Schweiz transferiert, das Vorbild im linken Hintergrund ist in Böhmen zu finden, die Formation davor erinnert an das Gamrig-Massiv östlich von Rathen. Auch der Blick auf den „Kreidefelsen auf Rügen“, den Friedrich 1818 im Nachklang seiner Hochzeitsreise an die Ostsee auf einem symmetrischen Bild festhielt, lässt sich genau so in realiter nicht betrachten. Überhaupt konnte Friedrich für seine mit Goldenem Schnitt, Hyperbeln und flächenbezogenen Kompositionsfiguren austarierte Kunst zu viel Realität nicht gebrauchen.
Zu seinen Lebzeiten hallte die Französische Revolution. Auf dem Wiener Kongress tobte die Restauration. Napoleons durch Europa marodierende Truppen brachten der preußischen Armee bei Jena und Auerstedt eine vernichtende Niederlage bei, Sachsen war pro-französisch, der Dresdner Friedrich dagegen patriotisch. Aber, während seine gleichgesinnten Kollegen ihre heftige Abneigung gegen die Franzosen ausagierten, war bei Friedrich künstlerisch das höchste der Gefühle altdeutsche Tracht, ein „Grabmal alter Helden“, oder: dass er einen französischen Soldaten ganz klein und vollends verloren im undurchdringlich starrenden deutschen Wald stehen lässt.
Wie Gottesdienst
Lieber als seine Epoche zu spiegeln, wollte Friedrich Epoche machen. Seine Kunst schuf er – dem Porträts schwerfielen, wie er selbst zugab – so, wie seine Figuren sich den Betrachtenden zuwenden: mit dem Rücken zur Gegenwart. Draußen blieb draußen. So entstanden Bilder, nicht von dieser Welt, Überwältigungsschaubühnen der Leere, auf denen die Uhr angehalten ist, morgens, mittags, abends, nachts. „Himmelmalen“ sei für ihn „wie Gottesdienst“, sagte seine Frau Caroline, was auf der stimmungsgewaltigen Ölskizze „Abend“ erlebbar wird, die der Kunsthalle Mannheim gehört und jetzt in der Hamburger Kunsthallenausstellung hängt: die weit aufgespannte Horizontlinie wie mit dem Reißbrett gezogen. Oben ein Rest Blau, das Abendrotorange rosa eingefärbt. Für Experten leicht erkennbar ist, dass aus Eiskristallen bestehende Zirruswolken am Himmel zirkulieren. Eine eher seltene Konkretion für Friedrich, der seine Werke deutungsoffen hält.
„Vielleicht das Größte“, schreibt er einmal, sei es für einen Künstler „geistig anzuregen“ und in dem Besucher Gedanken, Gefühle und Empfindungen zu erwecken und „wehren es auch nicht die seinen“. Vor seinem die große Leere umarmenden „Mönch am Meer“, das einst dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. gehörte, und das der Philosoph Peter Sloterdijk „das erste Bild der Auflösung des Subjekts in der Substanz“ nennt, wollte sich Heinrich von Kleist die Augenlider wegschneiden. Wie er das sah, kann nichts „trauriger und unbehaglicher sein als diese Stellung in der Welt“. Kurze Zeit später erschoss Kleist sich unter hohen Bäumen am Kleinen Wannsee.
„Wer vor den Bildern melancholisch wird, ist es selbst“, heißt es dazu in Eberhard Rathgebs jetzt erschienenem Buch. Für ihn ist Friedrich ein „malender Geschichtsphilosoph“ und seine Kunst ein Anlass, „sich zu vergewissern, was das heißt: ein Bild zu sehen“. Andere blicken sehnsüchtig auf eine von Eingriffen weitgehend verschonte Natur, andere verehren seine Werke als Achtsamkeitsseancen. Die meisten ergeben sich bereitwillig der traumschönen Verführung.
Eine Zeit lang war er auch erfolgreich, als er noch gelebt hat. Seine Bilder hingen am Zarenhof, bevor er als überholt galt. Goethe, dem er wie, niemand sonst, gefallen wollte, lobte ihn – ein wenig –, war dann aber so erbost über Friedrichs romantischen Beharrungswillen, dass er angeblich ein Werk von ihm „am Tisch zerschlagen“ haben soll. So war der Künstler, der heute Hunderttausende anzieht, für die Kunstwelt schon vor seinem Tod so gut wie gestorben. Und blieb es. Dem norwegischen Kunsthistoriker Andreas Aubert Ende ist es zu verdanken, dass er 1906 bei der sogenannten Jahrhundertausstellung der Kunst in Berlin wiederentdeckt worden ist. Lange Geschichte. Seither jedenfalls kann sich Friedrich vor Bewunderung und Bewunderern kaum retten.
Walt Disney gehört dazu, zu sehen, wenn „Bambi“ durch Friedrichs „Morgennebel im Gebirge“ hopst. Samuel Beckett, der sich von Friedrichs vertrauten „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ zu „Warten auf Godot“ inspirieren ließ. Friedrich Wilhelm Murnau, der seinen Stummfilm „Nosferatu“ in Friedrichs Bildwelt verlegte. Selbst im Computerspiel „Minecraft“ taucht ein Friedrich-Gemälde auf.
Nie vorbei
Im Ersten Weltkrieg galt der Stimmungsmaler plötzlich als „Symbol für deutsche Art“. Die Nazis feierten seinen angeblichen „nordischen Kunstgeist“, in „Friedrichs Werk wird das ewige Deutschland immer wesentliche Züge seiner Seele in reiner Verkündigung erblicken“, hieß es in einem Aufsatz. In der DDR wurde er als antifeudaler Freiheitskämpfer mit einer Sonderbriefmarke geehrt. Putin soll ihn auch schätzen. Für seine Fans kann er nichts. Warum er aber gerade jetzt offensichtlich einen Nerv trifft, lässt sich nur spekulieren.
Wegen des gegenwärtigen Subjektivitätsbooms? Dem Hang zur Introspektion? Den Achtsamkeitstendenzen? Dem schwermütig machenden Klimawandel? Am naheliegendsten beschreibt es der vielleicht wichtigste Gegenwartsmaler der Welt. Gerhard Richter hat einmal erzählt, dass er extra nach Grönland gereist sei, weil ihn Friedrichs „Eismeer“ so fasziniert habe. „Ein Bild von Caspar David Friedrich“, meint er, „ist nicht vorbei, vorbei sind nur einige Umstände, die es entstehen ließen. Darüber hinaus, wenn es gut ist, betrifft es uns“.
Die Ausstellung
„Caspar David Friedrich. Kunst für eine neue Zeit“, Hamburger Kunsthalle, bis 1. April.
Lesezeichen
Florian Illies: „Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten“, S. Fischer, Frankfurt; 250 Seiten, 25 Euro.
Eberhard Rathgeb: „Maler Friedrich“, Berenberg, Berlin; 208 Seiten, 28 Euro.