Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Heinrich Kohl zum 150. Geburtstag:Der unruhige Wanderer

„Onkel Heinrich“, der in Mannheim hängt: Nachdem Max Slevogt 1920 Heinrich Kohl gemalt hatte, kaufte die Kunsthalle das Porträt
»Onkel Heinrich«, der in Mannheim hängt: Nachdem Max Slevogt 1920 Heinrich Kohl gemalt hatte, kaufte die Kunsthalle das Porträt (Ausschnitt).

Die Pfalztouristik wirbt heute mit Erlebnistouren, Weingenuss, der einzigartigen Landschaft, mit Dom und Trifels um Gäste. Ein unermüdlicher Vordenker dieser Strategie war der vor 150 Jahren in Landau geborene Heinrich Kohl. Er war Bankdirektor, Kunstmäzen, Weinwerber, Mitbegründer des Pfälzerwald-Vereins: ein Urpfälzer aus Leidenschaft.

„Als Kinder wurde uns immer gesagt: de Onkel Heinrich hängt in Mannheim“, erinnert sich heute noch gut ein Großneffe. Gemeint war damit ein Porträt Heinrich Kohls, das der Impressionist Max Slevogt 1920 gemalt hatte und das kurz darauf von der Mannheimer Kunsthalle angekauft worden war. Titel: „Der ruhende Wanderer“. Das Gemälde ist treffend und etwas irreführend zugleich. Treffend, weil Kohl hier mitten in seiner so geliebten Pfälzer Natur sitzt. Und weil er natürlich jenen Schlabber-Leinenjoppen mit vielknöpfiger Weste anhat, den er gerne trägt, wenn er draußen unterwegs ist. In dem er auch schon mal, hemdsärmelig-selbstbewusst, bayerische Prinzessinnen durch die Pfalz führt.

Anders als auf Slevogts Bild ist Heinrich Kohl allerdings im Leben eher ein Unruheherd, freilich im besten Sinne. Ein Tausendsassa der Pfälzer Ideen und Initiativen. Kohl ist ein rastloser Heimatforscher und lebenslang ein steter Werber für die Schönheiten der Heimat. Seine Maxime lautet: „Wer sich erst in die Pfalz verguckt hat, ist schon im besten Sinne Pfälzer.“ Und Kohl sorgt immer wieder mit Nachdruck dafür, dass sich möglichst viele in seine Pfalz vergucken.

Netzwerker vor seiner Zeit

Bankdirektor, Wanderer, Kunstmäzen, Weinwerber: Heinrich Kohl ist ein genialer Netzwerker, wie man heute sagen würde. Einer, der die Kontakte aus Beruf und seinem Engagement für die Pfalz geschickt zu verknüpfen weiß. Leutselig und volksnah, dazu belesen. Sein Gedächtnis und sein Sammeleifer sind phänomenal – so entsteht bei ihm zu Hause ein riesiges Privatarchiv mit rund 700 Mappen samt Bibliothek zu Personen, Traditionen, Denkmälern, Wahrzeichen wie Speyerer Dom oder Trifels, zu Institutionen und zur Geschichte der Pfalz.

Kohl ist am Stammtisch der Honoratioren ebenso zu Hause wie in der Runde feucht-fröhlich feiernder Pfälzer. Er agiert in verschiedenen Freundeskreisen, ist pfalzweit präsent und bekannt. Kohl ist von riesenhafter Statur – ein „Rübezahl“, wie Zeitgenossen sagen –, schon deshalb vergisst ihn kaum jemand, der mit ihm einmal zusammengetroffen ist. Der Landauer Schriftsteller, Verleger und Historiker Wolfgang Diehl (83), der für sein Lebenswerk gerade vom Bezirksverband Pfalz mit dem Pfalzpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, hat einmal in einem klugen Essay resümiert: „Es gibt Menschen, die sind zu Lebzeiten so präsent, dass sie unsterblich wirken – und einige Jahrzehnte nach ihrem Tod sind sie unbekannt, vergessen. Das war das Schicksal Heinrich Kohls.“ Aber wie konnte dies geschehen?

Die Ludwigshafener Idee

1902 gehört Heinrich Kohl zu den fünf Gründern des Pfälzerwald-Vereins. Der ist zunächst nur eine Ludwigshafener Initiative und soll ursprünglich „Touristen-Klub Pfalz“ heißen. Auf Betreiben Kohls erhält der neue Verein den viel besser in die Landschaft passenden Namen „Pfälzerwald-Verein Ludwigshafen a. Rh.“.

Die Idee ist von Beginn an, Natur- und Wandererlebnis mit Kultur und Brauchtum zu verbinden, und zwar vor allem als Gemeinschaftserlebnis. Kohl setzt sich außerdem dafür ein, die Neugründung auf die ganze Region auszudehnen. Er beweist damit auch hier Weitblick. Denn der Pfälzerwald ist damals kaum erschlossen, es fehlen Wege, Markierungen, Einkehrmöglichkeiten.

Wege durch den Wald

Rasch bilden sich nach dem Startschuss in Ludwigshafen auch in anderen Städten und Gemeinden Ortsgruppen des Pfälzerwald-Vereins – beispielsweise in Bad Dürkheim, Kaiserslautern, Neustadt, Bergzabern, Kirchheimbolanden, Landau. Es entstehen Hütten, in denen Wanderer sich stärken können – unter anderem auf Lambertskreuz (1907), der Kalmit (1908) und dem Weinbiet (1911).

Ende 1910 wendet sich Kohl – er gehört als Rechner dem Hauptvorstand an – in einer Bestandsaufnahme an die Mitglieder, deren Anzahl inzwischen auf 13.752 gestiegen ist, verteilt auf 95 Ortsgruppen: „Ich bitte unsere Ortsgruppen für das kommende Jahr unentwegt an unserem großen Ziel weiter zu arbeiten, den Pfälzerwald-Verein zu einem großen volkstümlichen Heimatverein weiter auszubauen, der alle Pfälzer im Inland wie im Ausland vereinigen soll, zum Ruhm und Wohl unserer schönen Pfalz am Rhein.“

Heinrich Kohl in Wandermontur, eine Fotografie, die auf vor 1907 geschätzt wird.
Heinrich Kohl in Wandermontur, eine Fotografie, die auf vor 1907 geschätzt wird.

Kohl ist bei diesem Projekt Vordenker und Vorarbeiter: So bahnt und markiert er im Pfälzerwald selbst Wege, weshalb er auch gerne als „Päddeltreter“ gerühmt wird. Mit einem nachgezogenen Tachometer vermisst er die Routen. Auf dieser Grundlage entsteht die „Kohl’sche Karte“: acht Blätter für das gesamte Pfälzer Wandergebiet zwischen Kirchheimbolanden und Kandel, die den Wanderern erstmals eine vorbildliche Orientierungshilfe an die Hand geben und ein enormer Publikumserfolg werden. Kohl plant Waldhäuser und Türme im Pfälzerwald, so engagiert er sich beispielsweise für den Bau des imposanten Luitpold-Turms bei Merzalben und der Wetterwarte auf der Kalmit, oder er legt bei der Fassung von Quellen selbst Hand an.

„Obwohl er nie Vorsitzender der pfälzischen Wanderbewegung gewesen ist, war er Herz und Seele dieser wichtigen Institution, … Heinrich Kohl schuf ein touristisches Netz, das die Kultur- und Naturschätze des einzigartige Pfälzer Landes für Jedermann sichtbar und zugänglich machte“ – so würdigte in der Rückschau einmal Rainer Rund (81), letzter Regierungspräsident von Rheinhessen-Pfalz und von 1992 bis 2005 Hauptvorsitzender des Pfälzerwald-Vereins, die Leistung der Pfalz-Pioniers.

Sitzung des Hauptvorstandes des Pfälzerwald-Vereins auf dem Hellerplatz bei Neustadt 1926 mit Heinrich Kohl (2. von rechts).
Sitzung des Hauptvorstandes des Pfälzerwald-Vereins auf dem Hellerplatz bei Neustadt 1926 mit Heinrich Kohl (2. von rechts).

Geboren wird Heinrich Kohl am 1. Dezember 1873 in Landau als Sohn eines alteingesessenen Kaufmanns, er hat noch vier Brüder und fünf Schwestern. Kohl lernt Bankkaufmann. Nach Stationen in Fürth und Ludwigshafen arbeitet er ab 1908 in Neustadt, wird dort schließlich Direktor der „Rheinischen Creditbank“. Die beruflichen Beziehungen helfen ihm sicher einmal mehr, als es darum geht, den Ausflugsverkehr anzukurbeln. Denn die Zugverbindungen in Richtung Pfälzerwald sind damals schlecht. Kohl engagiert sich erfolgreich dafür, dass die Direktion der Pfälzischen Eisenbahnen Sonntagseilzüge einführt, mit denen aus Ludwigshafen zu ermäßigen Fahrpreisen Neustadt, Bad Dürkheim, Pirmasens oder Annweiler zu erreichen sind.

Künstler malen Ansichtskarten

Doch es geht Kohl nicht nur um die touristische Erschließung der Pfalz für die Pfälzer. Er bemüht sich auch ständig darum, einflussreiche Personen, Historiker, Literaten und Künstler für die Reize und Vorzüge seiner Heimat zu interessieren. Mit dem Ziel, dass die Pfalz auch außerhalb ihrer Grenzen wahrgenommen wird. So bedrängt und umschmeichelt er den Historiker Johannes Bühler, bis der 1930 und 1931 aus Bayern in die Pfalz kommt und sich dort vor Ort die Grundlagen für eines seiner bedeutenden Bücher erarbeitet: „Einen besseren Führer durch die historisch wichtigen Teile der Pfalz als Herrn Kohl konnte man sich nicht denken und wünschen, … er hatte uns eingeladen, damit ich aus den Schätzen seiner Bibliothek schöpfte für ,Das Hambacher Fest’, ein Buch, das ich für die Jahrhundertfeier zu schreiben hatte.“

Mitgliedskarte des PWV, gezeichnet von Gustav Ernst, der Wanderer ist Heinrich Kohl.
Mitgliedskarte des PWV, gezeichnet von Gustav Ernst, der Wanderer ist Heinrich Kohl.

Kohl initiiert eine Serie von Ansichtskarten, für deren Gestaltung er Künstler wie August Croissant, Hanns Fay, Heinrich Strieffler und Max Slevogt gewinnt. Zwischen 1907 und 1920 gibt der Pfälzerwald-Verein über 400 Postkarten heraus; sie zeigen die malerischen Seiten der Pfalz: Burgen, Felsen, Dorf- und Stadtansichten, den Pfälzer Wein. „Ohne Zweifel tragen diese anerkannt künstlerischen Darstellungen sehr dazu bei, die Schönheiten des Heimatlandes auch in fernen Kreisen bekannt und uns die Heimat immer lieber und werter zu machen“, stellt der Vorstand des Pfälzerwald-Vereins bereits 1910 hochzufrieden fest, verbunden mit einem Dank an „unseren unermüdlichen Herrn Kohl“.

Heinrich Kohl (rechts) zu Besuch bei Max Slevogt (links) auf der Terrasse von Neukastel bei Leinsweiler.
Heinrich Kohl (rechts) zu Besuch bei Max Slevogt (links) auf der Terrasse von Neukastel bei Leinsweiler.

Vor allem mit Slevogt verbindet ihn viel. Die beiden hatten sich in Landau schon als Kinder beim Spielen kennengelernt. Später als Bankier hilft Kohl dem Maler oft uneigennützig, für Slevogt war Kohl denn auch die „Verkörperung des pfälzischen Menschen“ schlechthin. Etliche Gemälde Slevogts gehen auf Anregungen von Heinrich Kohl zurück. Wie Zeitgenossen berichten, kam Kohl häufig vorbei, packte Maler samt Staffelei in seinen Fiat, um beide zu einem Motiv zu bringen, das ihm selbst am Herzen lag. Wenn Kohl den Künstler dort abgesetzt hatte, ließ er ihn allein, nahm seinen Stock und marschierte durch den Wald. In seinem Auto hatte Kohl aber stets eine inspirierende Flasche Wein und gute Zigarren für Slevogt deponiert.

Der Wein muss gut sein

Es ist eine Freundschaft, die von einer beiderseitigen hohen Wertschätzung getragen wird. Slevogt malt den „ruhenden Wanderer“ Heinrich Kohl gleich zweimal. Die Mannheimer Kunsthalle erwirbt 1922 die großformatigere Fassung, sie ist dort heute im Schaudepot ausgestellt. Das kleinere Format bleibt im Familienbesitz und ziert heute ein Esszimmer. „De Onkel Heinrich“ hängt also nicht nur in Mannheim.

Noch ein „Onkel Heinrich“: die zweite Ausführung des Slevogt-Porträts heute in Privatbesitz.
Noch ein »Onkel Heinrich«: die zweite Ausführung des Slevogt-Porträts heute in Privatbesitz.

Und natürlich erkennt der Urpfälzer Kohl, wie wichtig der Pfälzer Wein für die Region und ihre Außendarstellung ist. Er ist die treibende Kraft hinter der Forderung des Pfälzerwald-Vereins nach mehr Qualität im Weinbau, die in dem vielfachen Aufruf gipfelt: „Wäldler, verlangt Naturwein!“ Und auch als Bankdirektor kann Kohl Weinbau und Weinhandel immer wieder geschickt unterstützen. Die Zeitschrift „Der Weinbau der Rheinpfalz“ würdigt Kohl anlässlich seines 50. Geburtstag denn auch entsprechend: „Wenn heute der Pfälzer Wein wieder zu alten Ehren gekommen ist, so gebührt diesem Mann ein Hauptverdienst.“

Hoch geehrt, dann vergessen

Heinrich Kohl stirbt im November 1936, unter den zahlreichen Trauergästen bei der Beerdigung sind Künstler, Heimatforscher, Politiker und der Speyerer Bischof. Kohl war ein Pfälzer, der andere für Pfälzer Interessen zu begeistern wusste. Und der verstanden hatte, dass es – wenn es um das Renommee einer Region geht – auf einen Vielklang ankommt, zu der gerade auch Kunst und Kultur gehören. Aber wieso ist ausgerechnet solch ein Protagonist in Vergessenheit geraten? Warum ist der 150. Geburtstag beispielsweise kein Anlass für eine Ausstellung?

Wolfgang Diehl, ebenfalls ein Vollblut-Pfälzer mit historischem Tiefblick und bereits als Jugendlicher mit der Familie eines Kohl-Sohns befreundet, hat dafür eine Erklärung: Auf den ersten Blick sei Heinrich Kohl ein öffentlicher, auf den zweiten Blick aber auch ein sehr sensibler Mensch gewesen. Einer, der für die Pfalz, aber nicht für sich selbst trommelte. Der Titel des Slevogtschen Kohl-Porträts ist daher vieldeutiger als dies auf den ersten Blick erscheint. „Der ruhende Wanderer“ legt nach dem Aufstieg nicht einfach nur eine Erholungspause ein; er ruht vielmehr in sich selbst. Alleine, ohne Freundeskreis und Publikum. Zufrieden mit dem, was er angestoßen und erreicht hat.

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