Uraufführung
Grandios: Rockoper „Last Paradise Lost“ am Pfalztheater
Seit 2003, als Johannes Reitmeier in Kaiserslautern noch als Intendant amtierte, bringt er gemeinsam mit dem Vanden-Plas-Sänger, -Texter und -Komponisten Andy Kuntz regelmäßig Musiktheaterstücke auf die Bühne, die stets historische, biblische und/oder fantastische Sujets mit wuchtigem Metal-Rock kombinieren. Bisheriger Höhepunkt war das „Jedermann“-Destillat „Everyman“, das von zahlreichen Bühnen in Deutschland und Österreich übernommen wurde.
Demselben Rezept folgt ihre Bearbeitung des „Verlorenen Paradieses“ von John Milton. Das aus zwölf Kapiteln bestehende Versepos von 1667 – ein monumentaler, sprach- und bildgewaltiger Klassiker der englischen Literatur – hat Künstler aller Sparten immer wieder zu Variationen inspiriert. Die Deutungsversuche reichen von Gustave Doré und Salvador Dalí über Cees Nootebom und Philip Pullman bis zur Oper von Krzysztof Penderecki. Auch die Rock- und Heavy-Metal-Musik findet in den Weltuntergangs-Allegorien Miltons ein weites Erntefeld.
Gefallene Engel, dämonisch sexy
Das „Verlorene Paradies“ lässt sich trefflich mit gravitätisch ostinaten Riffs untermalen und durch pittoresk-bombastische Himmel- und Höllenfahrten bebildern. Es taugt mithin bestens für jene opulenten, hymnen- und bildreichen Bühnenspektakel, die das Duo Reitmeier und Kuntz zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Trotz coronabedingter Beschränkungen bieten sie auch diesmal eine effektvolle Nummernrevue für Aug’ und Ohr, indem sie barocke Pracht und Sinnlichkeit mit metallisch verrockter, klassisch-pompöser Klangfülle verbinden.
Im Pfalztheater lässt Bühnenbildner Thomas Dörfler eine Hölle erstehen, an der Hieronymus Bosch ebenso seine Freude hätte wie der Stummfilm-Fantast Georges Méliès. Dieses teils düstere, teils infernalisch flackernde Inferno durchschreiten die himmlischen Heerscharen in weißer Gewandung. Die Teufel und gefallenen Engel steckt Kostümbildner Michael D. Zimmermann dämonisch sexy in funkelnd besetzte schwarze Schaftstiefel, Korsagen und wallende Mäntel aus Lackleder.
Mahnender Moderator Andy Kuntz
Stimmlich hervorragend und darstellerisch überzeugend geben Adrienn Cunka, Randy Diamond und Edward R. Serban ein irrlichterndes Pandämonium ab. Die unnachahmliche Astrid Vosberg als Beelzebub ist fürwahr eine verderbte Königin der Nacht, die unter ihrem Bocksgehörn entfernt an die Kino-Horror-Ikone Barbara Steele gemahnt. Dass sich die bewährten Lauterer Ensemblemitglieder Monika Hügel, Peter Floch und Alexis Wagner neben ihr dennoch behaupten können, ist der umsichtigen Besetzung zu danken.
Andy Kuntz hat sich die Rolle eines erzengelhaften „Maître de plaisir“ auf den Leib geschrieben, hymnische Lebensregeln und seine längst zum Markenzeichen gewordenen Falsett-Einlagen inklusive. Wie ein mahnender Moderator begleitet er Adam und Eva – dargestellt von den talentierten, authentisch beseelten Debütanten Frank Kühfuß und Amber-Chiara Eul – auf ihrer Irrfahrt vom Garten Eden ins verlorene Paradies.
Rockhymnen für den Untergang
Dass die Menschheit bereits in im letzten aller verlorenen Paradiese angekommen sein könnte, illustriert Regisseur Reitmeier mit der Bildprojektion von Zerstörung, Leid und Sterben. Die Kulisse schlägt die Brücke zur Gegenwart mit waffenklirrender Vertreibung und umgedrehten, abgestorbenen Baumstämmen, das englischsprachige Libretto mit Hinweisen auf ein grassierendes Virus.
Die gravitätischen Rockhymnen, die Kuntz mit seinen Vanden-Plas-Kollegen Günter Werno und Stephan Lill geschaffen hat, verleihen der tableauhaften Bilderfolge die angestrebte Bedeutungsschwere. Insofern atmet „Last Paradise Lost“ durchaus den Geist des moralisierenden Puritaners Milton, dessen Untergangs- und Erlösungs-Szenario freilich zwangsläufig zu einer Art Digest-Fassung gerinnt. Die allerdings kommt so gewaltig daher, dass sich das Publikum dem grandiosen Unter-, Auf- und Übergang kaum entziehen kann.
Termine
Weitere Vorstellungen am 5., 6., 8. und 9. Oktober, jeweils 19.30 Uhr; Infos und Kartenbestellung unter www.pfalztheater.de