Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Geiger Nigel Kennedy über seine Autobiografie

„Wenn wir unser Herz offen haben und ein bisschen naiv sind, können wir verdammt gute Musiker sein“, sagt Nigel Kennedy, hier 20
»Wenn wir unser Herz offen haben und ein bisschen naiv sind, können wir verdammt gute Musiker sein«, sagt Nigel Kennedy, hier 2017 in der Elbphilharmonie.

Er ist eine Ausnahmeerscheinung im Klassikbetrieb: Nigel Kennedy. Der britische Geiger erlangte Berühmtheit durch seine Einspielung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, aber auch durch seine Exzentrik und Jazz- und Rock-Platten. Kennedy, der als Kind von Jahrhundertviolinist Yehudi Menuhin ausgebildet wurde, ist inzwischen 65 und hat seine Autobiografie veröffentlicht.

In Ihrer Autobiografie „Unzensiert“ schreiben, dass Ihr Stiefvater – ein Arzt – Ihre Mutter schlug. Einmal rannte er sogar mit dem Messer hinter Ihnen her. Wie hat diese schreckliche Erfahrung Sie geprägt??
Ich traue keinen Ärzten mehr! Beim Schreiben sind mir all diese Dinge peu à peu wieder eingefallen, aber ich lebe nicht in der Vergangenheit. In bin von so viel positiver Energie umgeben, was die Leute betrifft, mit denen ich zu tun habe. Ich denke normalerweise nicht an negative Dinge. Aber da ich als Kind schlimme Erfahrungen machen musste, habe ich das halt aufgeschrieben. Als mein Stiefvater mich mit einem Messer jagte, lief ich ihm davon und versteckte mich in einem Park. Dort wurde ich Zeuge einer Schwarze-Magie-Zeremonie, bei der ein Tier geopfert wurde. Da draußen war es offensichtlich auch nicht besser als zu Hause.

Später bekamen Sie von Yehudi Menuhin persönlich eine Stipendium für die Menuhin School. Veränderte sich Ihr Leben zum Guten, als Sie sein Schüler wurden?
Diese Schule war nicht leicht für mich, aber zum Glück war Yehudi Menuhin eine charismatische, unverfälschte Person. Er hat nicht nur technisch Musik gemacht, er war auch ein spiritueller und sehr offener Künstler und Mensch.

Was bedeutet es, als Künstler ein Freigeist zu sein?
Um Freiheit zu erlangen, muss man in der Lage sein, seine eigenen Strukturen zu schaffen. Ein Künstler ist ein freier Geist, wenn er sich nicht an Lehrpläne hält oder andere kopiert.

Haben Sie von Yehudi Menuhin gelernt, den Mut zu haben, kompromisslos Sie selbst zu sein?
Man hört nicht jemandem zu und macht es dann genauso, man sieht sich eher an, was Beethoven gesagt hat. Zu viele Musiker haben leider die gleiche Einstellung und die gleiche Herangehensweise – egal ob es sich um klassische Künstler oder Rocker handelt, wo jeder schwarzes Leder tragen und schnell Gitarre spielen muss. Aber wenn man fast alle Regeln verlernt hat, kommen dabei wirklich gute Musiker wie Rick Wakeman, Stevie Winwood, Keith Jarrett, Fats Waller oder Art Tatum heraus.

Ihr Vivaldi-Album „Vier Jahreszeiten“ von 1989 veränderte Ihr Leben von Grund auf und wurde eine der meistverkauften klassischen Platten überhaupt. Warum fühlten Sie sich nach diesem Erfolg in der klassischen Welt so unwohl?
Die Leute dachten, ich sei schuldig, nachdem ich zwei Millionen Platten verkauft hatte. Ein klassischer Musiker oder ein Jazzer darf nach deren Verständnis höchstens 5000 Einheiten absetzen. Es gab so viele, die mich kritisiert haben – und dann haben sie versucht, aus Neid das Gleiche zu tun. Ich habe mich nie wie ein typischer klassischer Musiker verhalten. Ich war schon immer ein bisschen ein Motherfucker und spiele auch auf der Straße oder in Jazzclubs. Ich bin manchmal auch wütend, denn ich bin ein Mensch. Vielen klassischen Musikern wurden die Gefühle abtrainiert. Vielleicht sind die zu Hause furchtbar. Ich bin nicht wie Gandhi, aber ich hoffe, dass ich einige schöne Dinge mit anderen Menschen teilen kann.

Kaufen Sie Ihr punkiges Outfit bis heute auf Märkten?
Ich mag es nicht, mehr als 50 Euro für ein Kleidungsstück auszugeben. Das wäre Verschwendung. Zum Beispiel das Aston-Villa-Shirt, das ich gerade trage. Mir ist wichtig, was in Klamotten drin ist und nicht, was auf ihnen draufsteht. Das gilt übrigens auch für mein Buch. Im Konzertsaal versuche ich, dem zahlenden Publikum das Gefühl zu geben, dass es in meinem Wohnzimmer ist. Es kann sich entspannen und Musik ohne Grenzen hören, die es hoffentlich wert ist, Zeit mit mir zu verbringen.

Geben Sie Ihr Geld lieber für Instrumente als für Markenkleidung aus?
Nun, ich habe sicher viel zu viele Violinen hier, aber auch Gitarren, ein Cello, fünf Pianos. Ich gebe aber nicht wirklich viel Geld für solche Dinge aus. Ich habe einige moderne Geigen gefunden, die genauso gut sind wie die alten. Ein Geigenbauer, den ich sehr schätze, sitzt in Brooklyn/New York und heißt Stigman Tovich. Seine Kopie einer Guarneri klingt besser als mein Original. Wenn man ohne Klassenbewusstsein einfach zuhört, kann man erstaunliche Dinge entdecken.

Wann haben Sie das erste Mal gespürt, dass Sie als Violinist ein rechtmäßiger Interpret des musikalischen Erbes von Jimi Hendrix sind?
Ich hatte sofort einen Bezug dazu, als ich „Purple Haze“ spielte, weil ich wusste, wie das Kronos Quartet es auf sehr klassische Weise getan hat. Ich dachte, da muss doch ein verdammter Rhythmus drin sein. Hendrix hatte nicht umsonst Mitch Mitchell in seiner Experience. Nachdem ich „Purple Haze“ in einer Live-Show gespielt hatte, rief mich die Hendrix Stiftung an: ob ich nicht mehr von seiner Musik interpretieren wolle. Wenn die mich fragen, dann bedeutet das etwas, das sich lohnt.

Beim Lesen Ihres Buches bekommt man den Eindruck, dass Sie sich der Musik zu 100 Prozent hingeben. Dem gegenüber stehen Partyexzesse und kindische Aktionen wie das Werfen von Fernsehern von Hoteldächern. Besteht zwischen beidem ein Zusammenhang?
Als Musiker stößt man viel Adrenalin aus, besonders vor Publikum. Alles ist sehr intensiv. Und dann fängst du an, solche Dinge zu tun, was manchmal einfach sein muss. Es schafft ein Gleichgewicht im Leben. Als Musiker reif oder erwachsen zu sein, hilft nicht. Wenn wir unser Herz offen haben und ein bisschen naiv sind, können wir verdammt gute Musiker sein. Wir sind schließlich keine Geschäftsleute.

Lesezeichen

Nigel Kennedy: „Unzensiert! Mein Leben“; Tropen; 496 Seiten; 28 Euro.

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