Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Gedichte mit Blaubeerjoghurt: Nico Bleutges „schlafbaum-variationen“

Die Skier der Geister zum Glühen bringen: Nico Bleutge.
Die Skier der Geister zum Glühen bringen: Nico Bleutge.

Für seinen fünften Gedichtband hat der 1972 in München geborene Nico Bleutge, nicht nur herausragender Lyriker seiner Generation, sondern auch profilierter Kritiker und Essayist, den perfekten Titel gefunden: „schlafbaum-variationen“. Perfekt deshalb, weil die drei Kapitel des Buches mit ihren auf den ersten Blick unverwandten Themen von ihm zusammengehalten werden. Mit dem Schlafbaum ist einerseits ein Schlafquartier für Vögel gemeint, andererseits die Seidenakazie, die bei Trockenheit und nachts ihre Blätter einklappt und daher auch als „schlafender Baum“ bekannt ist. Des Weiteren steht Schlafen, wie man bis heute gebräuchlichen Redewendungen entnehmen kann, in einem engen Zusammenhang mit Sterben und Tod und ist Auslöser sonstiger, für Dichtung produktiver Assoziationen.

Der Anlass des neuen Buches von Bleutge ist weitgehend autobiografischer Natur. Dessen zwei erste Kapitel sind zwei Seiten einer Medaille: Geburt und Tod. Auf den Tod des für den Sohn auch lektürebiografisch einflussreich gewesenen Vaters, er hieß, wie man aus dem Anhang erfährt, Rolf Bleutge, folgte die Geburt der Tochter. Der langwierige, schmerzliche Prozess der Trauer ging über in das stetige Glück über neues Lebens und die Kindererziehung während der Corona-Pandemie und des Lockdown.

Die rote Bahn auf Papas Unterarm

Mit der Ankunft der kleinen Stimme, der Kleinen, des Kindchens, wie die Tochter genannt wird, ist alles auf Anfang gestellt, bis hin zu der Wahrnehmung der Welt und der Perspektive darauf im Gedicht. Es ist nicht mehr das vermeintlich Hehre, das Eingang findet in den Text, sondern die Säuglingsnahrung etwa, ein Blaubeerjoghurt, aus dem jede Beere gepult wird. Oder der Kinderwagen, der über den Sand geschoben wird und von dem aus das lyrische Ich die Grüße anderer erschöpfter, Kinderwagen schiebender Eltern erwidert. Und wenn dann die Rede ist von der vom Kind abgelehnten Wickeltechnik des Puckens, von „schlafzeilen“ oder davon, dass „alles gähnen ist, gäumlings“, dann muss man an den eingangs erläuterten Schlafbaum denken. Wie die Tochter „mit der sichel ihres nägelchens“ „die rote bahn/ in papas unterarm“ freilegt, liest sich schließlich wie die Beschreibung eines blutigen Initiationsritus, der Aufnahme des Mannes in die Gesellschaft der Väter.

Die vorsprachliche Kommunikation der Tochter stellt sich für Bleutges von hoher Musikalität zeugende Poesie, und wie könnte es anders sein, als Bereicherung dar: „so die beschränkung, so diese kraft/ neue töne zu falten, die ausrangierten skier der geister/ wieder zum glühen zu bringen“, heißt es an einer Stelle. Diese Bereicherung kann sich als Spiel mit Doppelkonsonanten manifestieren, als Interesse an der morphologischen Struktur der Wörter, wenn zum Beispiel auf „rippen“ „rispen“ folgen, oder als Assoziationsfuror. Und wem wie Bleutge seit jeher am Ausbau einer Poetik des Kleinen und der Nuance gelegen ist, der dürfte für den Eintritt eines kleinen Wesens in sein Leben auch aus sprachlichen Gründen dankbar sein. Daher auch die häufig vorkommenden Diminutive wie „zettelchen“, „klötzchen“, „körnchen“, „fuchshörnchen“ oder „knirschende/ teilchen, des erinnerns“.

Doch schon inmitten des Glücks des ersten Kapitels taucht die Wendung „gespür für getragensein/ als verlust“ auf. Sie dient gewissermaßen als Brücke zu jener Trauer des zweiten Kapitels über den Verlust des Vaters, das mit „besuche im klinikum“ beginnt, einem Langgedicht, das sich von den übrigen Gedichten der Sammlung formal stark unterscheidet. Die stoffliche und ästhetische Fülle, davor und danach, ist hier reduziert auf die lakonische Beantwortung der Frage „Was ist“. Was im Präsens und mit den Zeilen beginnt: „das ist die klinik, Regensburg.// da ist der mann/ der liegt in der klinik Regensburg.“, das endet nach dem Tod des Mannes und im Präteritum: „das war in der klinik in Regensburg.“

Die Stare lenken die Falken um

Erst im dritten, dem titelgebenden Kapitel „schlafbaum-variationen“ scheint Bleutge das Rätsel um die Formgebung des Langgedichts zu lüften. Dort heißt es – und das erinnert an die Tiergedichte eines Ted Hughes –: „ich spreche nicht/ wie mir der schnabel gewachsen ist. doch am ende/ sind es wie immer tiere, die in mir streunen. etwas mit falken/ schafen. etwas mit grünlichem licht, das in die pinien blitzt. du kannst es/ sehen, wenn du willst. ich muß nur noch die seite falten, etwas in grau/ übertragen. durch diesen filter mußt du hindurch“. Mit anderen Worten: Das lyrische Ich weiß, dass es anders in und aus der Trauer sprechen muss als das biografische Ich. Es weiß, dass das, was es sagt, durch einen Filter muss, um vielleicht zu viel Pathos oder zu viel Distanz, was dem Gedicht abträglich wäre, zu vermeiden.

Die Falken, die hier das lyrische Ich bewohnen, kommen nicht von ungefähr und sind nicht nur symbolisch zu verstehen. In anderen Gedichten des dritten Kapitels dienen sie dem Menschen zur Störung von Staren, wie in Rom, wo letztere, zum Beispiel wegen der Verkotung der Gegend, zum Problem geworden sind. Die Falken lenken die Stare um, treiben sie weg von deren beliebtem Schlafquartier, aus den Pinien. Dass Bleutge ein Starenfreund ist, dürfte nicht überraschen. Mit ihnen erschließt er dem Menschen dessen angegriffenes Inneres: „die nacht davor/ hatte ich das rauschen wieder gehört, ein pfeifen, sirren, pfeifen (trifft/ es nicht), in einem schlafbaum, tausende/ stare, umgeben von dämmerlicht/ das alles mit flocken von schwarz und grün zum simmern brachte.“ Und: „die stare im schlaf, die sich sammeln/ immer nach draußen drängen in den traum/ der umschlägt in helles rauschen. war nicht/ trauer darunter, bewegung/ immer ein kreisen, körper/ gespür, dem eine bärentatze entwuchs, die klopfte,/ klopfte, indem sie zu heilen suchte, verletzte?“

Lesezeichen

Nico Bleutge: „schlafbaum-variationen“; Gedichte, C.H. Beck Verlag, München 2023, 117 Seiten, 22,00 EUR

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