Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Finger weg von dieser Frau: Bizets Oper „Carmen“ am Saarländischen Staatstheater

Szene aus der Saarbrücker „Carmen“ mit Carmen Seibel (dritte von rechts) in der Titelpartie.
Szene aus der Saarbrücker »Carmen« mit Carmen Seibel (dritte von rechts) in der Titelpartie.

Mit einer fulminanten Carmen-Premiere in der Regie von Jan Eßinger und dem spritzigen Dirigat Sebastien Roulands setzte das Saarländische Staatstheater am Freitagabend einen Glanzpunkt zum Ende der Spielzeit.

Das Meisterwerk des französischen Komponisten Georges Bizet (1838-1875) ist seit seiner Uraufführung 1875 in der Pariser Opéra Comique eine der meist gespielten Opern der Welt und hat in dieser Zeit nichts von seiner Faszination verloren.

Zu den ersten, rasant vibrierenden Klängen des Saarländischen Staatsorchesters, das unter seinem Dirigenten Sebastien Rouland zu Hochform aufläuft, überrascht das Bühnenbild von Sonja Füsti mit seinen massiven Felsformationen. Ein Bild der ungezügelten wilden Natur, Bedrohung und Sehnsuchtsort zugleich.

Bruch mit allen Carmen-Klischees

Kein Wunder, dass sich das Leben der Zigeunerin Carmen (Carmen Seibel) hier abspielen wird. Doch zunächst muss sie in einer Fabrik in Sevilla ihr Geld verdienen. Kostümbildnerin Benita Roth bricht hier radikal mit den üblichen Carmen-Klischees. Die Titelheldin erscheint nicht mit wallender dunkler Mähne, sondern erinnert mit ihrem kurzen platinblonden Haar vielmehr an die zwielichtig-undurchschaubare Rita Hayworth im Orson Welles-Klassiker „Lady von Shanghai“. Das strenge Aufseherinnen-Kostüm passt wenig zu dieser mondänen Glamourfrisur. Und doch sprüht diese Frau vom ersten Ton an erotische Funken, denn Carmen Seibels schlank geführter und doch voller Mezzosopran leuchtet herb und verführerisch lockend zugleich, ebenso wie ihr sehr wandelbares Spiel die Vielschichtigkeit ihrer Figur in unterschiedlichsten Nuancen auslotet.

Dabei kommen sowohl die Musik als auch die Regie und die Darstellerin immer wieder auf Carmens Unabhängigkeitsdrang als zentralen Brennpunkt zurück. Er bestimmt ihre Gefühle und Handlungen stärker als jede zwischenmenschliche Bindung. Wenn er in Frage gestellt wird, wird sie gefährlich, was sie auch offen bekennt. Und Carmen Seibel ist so authentisch, dass man ihr das sofort abnimmt.

Die Männer zerbrechen an dieser Frau

Das bekommt der Soldat Don José (Angelos Samartzis) schmerzhaft zu spüren. Denn er verfällt Carmens erotischer Aura und zerbricht an ihrer Härte. Das singt und spielt der junge griechische Tenor in der psychologisch absolut stimmigen Personenführung von Jan Eßinger meisterhaft. Er zeigt diesen Mann in seiner Zerrissenheit als gebrochenen Charakter, der schließlich zum Mörder wird. Auch die Bindung zu seiner Jugendfreundin Micaela (Paulinna Linnosaari) kann ihn nicht mehr aus seinen seelischen Abgründen zurück reißen. Seine scheinbare Sicherheit zu Beginn zerbröckelt mehr und mehr, er gerät in Abhängigkeit von Carmen und wirft ihretwegen alles über Bord, was bisher sein Leben ausgemacht hat: Er verhilft ihr nach ihrer Messerattacke auf ihre Kollegin zur Flucht, ersticht nach seiner Freilassung sogar seinen Offizier mit dem Messer, als dieser Carmen hofiert, und schließt sich den Kinderschmugglern um Carmen an, deren Bandenchef Dancairo (Max Dollinger) klare Regeln setzt.

Alle Partien sind sehr gut besetzt

Und doch fiebert das Publikum mit ihm mit, denn er spielt und singt diesen Mann mit einer Kraft, Frische und Zartheit seines lyrischen Tenors, die ihresgleichen sucht. Die zauberhaft klare Höhe, mit der er Carmen in der Blumenarie seine Liebe bekennt, braucht den Vergleich mit gefeierten Startenören nicht zu scheuen.

Auch Paulinna Linnosaaris Micaela wandelt sich vom unscheinbaren, schüchtern-verliebten Landmädchen zu einer starken Frau, die beim Versuch, Don José von Carmen loszulösen und zu seiner sterbenden Mutter zurückzubringen, mit ihrem strahlenden lyrischen Sopran zu Klang und Haltung einer Fidelio-Leonore findet.

Leichtigkeit, Kraft und Eleganz verbindet Bariton Peter Schöne in seiner Darstellung des Stierkämpfers Escamillo, der ebenfalls um Carmens Liebe wirbt, sich aber keinen Illusionen über sie hingibt, sondern ebenso wie sie eine Affäre genießen möchte, so lange die gegenseitige Leidenschaft anhält.

Und der fünfte Star des Abends ist das Orchester, das diese Musik unter Sebastien Roulands facettenreichem Dirigat immer wieder zum Funkeln bringt.

Termine

Weitere Vorstellungen am 25. und 28. Juni sowie am 1., 6., 10. und 12. Juli.

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