Hart am Leben
Es fährt kein Zug nach Irgendwo: Aus dem Alltag eines Bahnfahrers
„Kunst = Natur – x“, lautete die Formel, die der Radikal-Naturalist Arno Holz (1863 bis 1929) aufgestellt hat. Der Faktor x sollte dabei gegen Null gehen. Also so klein wie möglich sein. Die Kunst sollte sich quasi unsichtbar machen, sollte hinter der Natur, hinter der Wirklichkeit verschwinden.
Doch so schlimm wie die Realität kann ohnehin keine Kunst sein. Manches kann man sich einfach nicht ausdenken, nicht vorstellen. Zum Beispiel die Deutsche Bahn – auf die Idee müsste man erst einmal kommen. So viel negative Energie, so viele schlechte Gedanken sind keinem Künstler zuzumuten. Den Fahrgästen dagegen schon.
Warten im Septemberregen
„Bahnfahren = Lebenszeit – Verspätung“. Auch hier wäre es natürlich wünschenswert, wenn der x-Faktor so klein wie möglich wäre. Niemand erwartet ja, dass er bei Null liegen würde. Aber die Größe „Verspätung“ in dieser Gleichung scheint ja gar nicht mehr in Zahlen darstellbar. Sie grenzt – so jedenfalls der subjektiv leidende Eindruck des täglichen S-Bahn-Fahrers – an die Unendlichkeit.
Man hat dann einfach Angst, dass der Tag kommen könnte, an dem man mehr Lebenszeit wartend auf einen Zug verbracht hat als in ihm sitzend – und fahrend (denn das Stehen auf offener Strecke gehört ebenso zu den Schattenseiten des Lebens wie das Warten auf die Bahn im strömenden Septemberregen). Die Frage ist dann halt nur, wohin dann noch die Reise gehen kann, wenn man erst einmal diesen Punkt erreicht hat. Mit Beckett alleine kommt man da nämlich auch nicht mehr weiter.
Wie sieht die Roboter-Frau aus?
Die vertrauteste, weil am häufigsten gehörte Stimme in meinem Leben ist mittlerweile die der Roboter-Frau an den Bahnhöfen in Ludwigshafen und Neckargemünd, über die ich mir – weil ich ja wartend auf den Zug genügend Zeit habe – schon oft Gedanken gemacht habe, wie sie denn wohl aussehen mag. Sie kann ja nichts dafür, ist schließlich nur der Überbringer schlechter Nachrichten, wenn sie mir wieder mal verkündet, dass der Zug, den sie eben noch als einfahrend verhießen hat, leider zehn, 15 oder 20 Minuten verspätet sei. Und zu Hause wartet das Essen. Beginnt der Fußballabend. Doch hinter 1000 Zügen kein Feierabend.
Aber die Bahn kümmert sich ja rührend um ihre frierenden oder schwitzenden, jedenfalls gelangweilten und vor allem genervten Kunden an den Bahnsteigen dieser Republik. Und so vor sich hin wegdämmernd kommt man dann immer mehr zu der festen Überzeugung, dass die Gleise vor einem ins Nirgendwo führen. Jedenfalls in ein anderes Leben. Eine andere Wirklichkeit. Denn es fährt vielleicht ja wirklich irgendwann kein Zug ins Irgendwo. Aus solch pseudophilosophischen Gedankenverirrungen weckt einen dann wieder bereits erwähnte Roboterstimme. Und liefert entschuldigende Erklärungen beziehungsweise erklärende Entschuldigungen für die Verspätung, die für einen selbst doch längst zu einer habituellen Lebenserfahrung geworden ist. Will meinen: Sie gehört einfach dazu.
Die Sache mit dem Würfel
„Verspätung eines vorausfahrenden Zuges“, heißt es da. Oder: „Hohes Fahrgastaufkommen“ beziehungsweise „Hilfestellung beim Einstieg“. Auch die Störung an der Oberleitung wird oft beschworen, was man, in dem Zustand, in dem man sich befindet, durchaus als Selbstbeschreibung verstehen kann. Ein Kollege, der regelmäßig nach Hamburg fährt, berichtet von seiner Lieblingsentschuldigung: Bei ihm heißt es oft, der Zug verspäte sich, weil der Lokführer noch nicht da sei, da dieser in einem verspäteten Zug sitze. Das ist dann doch schon fast wieder dadaistische Poesie, ob es dem eingangs erwähnten Herrn Holz nun passt oder nicht.
Ich stelle mir das dann so vor: Da sitzt irgendwo ein Bahnmitarbeiter mit sechs Knöpfen für Entschuldigungen vor sich und hat einen Würfel in der Hand. Welchen Knopf er in den nächsten Sekunde drückt, um mit Hilfe der Roboterstimme zu entschuldigen, was doch nicht zu entschuldigen ist, entscheidet genau dieser Würfel. Die drei ist bestimmt die Oberleitungsstörung.