Venedig RHEINPFALZ Plus Artikel Erst Waffenstillstand, dann Kunst: Israel schließt seinen Pavillon bei der Venedig-Biennale

Streng bewacht: Die Ankündigung am israelischen Pavillon in den Giardini von Venedig
Streng bewacht: Die Ankündigung am israelischen Pavillon in den Giardini von Venedig

Die Stadt ist ein Stich ins Herz - wie immer. Venedig geht ewig unter. Jetzt reist auch noch Kunstvolk an. Der Papst hat sein Kommen angekündigt. Hunderttausende wollen zur 60. Kunst-Biennale seit 1895. Sie beginnt am Samstag. Am Dienstag aber ziehen Wolken auf: Sturmwarnung, die Läden klappern. Am israelischen Pavillon hängt, berichten allererste Besucher, ein Zettel, der verkündet: Bis zum Waffenstillstand in Gaza geschlossen. Offiziell aber hat noch niemand die berühmte Weltausstellung der Kunst gesehen. Ein Vorbericht.

Was man schon weiß, es kann einem bang werden. Die Welt tobt an Abgründen, im russischen Pavillon bei der Biennale stellt Bolivien aus. Putin erweitert seine Einflusssphären. Auf dem Zettel am Israel-Pavillon, von der ausstellenden Künstlerin Ruth Patir und den Kuratorinnen Tamar Margalit und Mira Lapidot unterschrieben, steht: „Die Künstlerin und die Kuratorinnen des israelischen Pavillons werden die Ausstellung öffnen, wenn eine Vereinbarung über einen Waffenstillstand und die Freilassung der Geiseln erreicht ist.“

Die andere Seite

Natürlich reicht der Hamas-Terror vom 7. Oktober in Israel und der Krieg im Gazastreifen, die Bomben aus dem Iran, bis in die Giardini an einem der Zipfelenden von Venedig und in die Stadt, wo insgesamt 88 Nationenbeiträge der Biennale ausgestellt sind. Die Absage der Israelis auf sehr ungewisse Zeit, ist eine neue Drift, nachdem im Februar Tausende Aktivisten und Künstler in dem offenen Brief einer sogenannten „Art Not Genozid Alliance“ den Ausschluss Israels von der Biennale gefordert haben.

In dem Brief ist von einem Genozid an den Palästinensern die Rede, von Israel als Apartheidssystem. Das Hamas-Massaker derweil, bei dem 1200 Menschen ermordet wurden, blieb unerwähnt. Genauso die 240 Geiseln, die verschleppt worden sind. Alles erschien wie ein postkolonialer Befreiungskampf. Mit der Bis-auf-Weiteres-geschlossen-Biennale-Aktion fokussieren Ruth Patir und die beiden Kuratorinnen jetzt wieder die unselige, mörderische Seite der Geschichte. Derweil wird die israelische Künstlerin Yael Bartana im aktuellen „Spiegel“ mit den Worten zitiert: „Wir leben in apokalyptischen Zeiten.“

Raumschiff Deutschland

Bartana stellt, ausgewählt von der in Istanbul geborenen Kuratorin und Baden-Badener Kunsthallenleiterin Cagla Ilk, im bekanntermaßen von Hitler persönlich toxisch belasteten deutschen Pavillon in den Giardini aus. Bartana hat dafür, steht in einer Pressemeldung des verantwortlichen Instituts für Auslandsbeziehungen und des Auswärtigen Amts, ein Raumschiff entworfen, dass uns Menschen – vorerst virtuell - auf einer sehr langen Reise auf einen fremden Planeten bringen soll, weil wir unseren ruiniert haben.

Den Pavillon, heißt es, soll man nur durch einen Seiteneingang betreten können, weil vor dem Haupteingang ein Erdhaufen wacht. Heimaterde aus Anatolien, mit der der Theaterregisseur Ersan Mondtag seinen türkischen Großvater Hassan Aygün ehrt, Gastarbeiter in einem Berliner Asbestwerk, 2001 ist er wie viele seiner Kollegen an Krebs gestorben.

„Thresholds“, Schwellen, nennt die Kuratorin Ilk ihre Ausstellung, zu der auch auf der Nebenan-Insel Certosa installierte Klangkunst gehört. Die Gesamtbiennale hat den Titel „Foreigners Everywhere“, der „Fremde überall“ ins Deutsche übersetzt werden soll, wie sein Schöpfer Adriano Pedrosa im Kunstmagazin „Monopol“ erzählt.

Neue Kapitel

331 Künstlerinnen und Künstler hat der 59-Jährige aus Rio de Janeiro für seine Hauptausstellung ausgewählt. So viele wie nie. Und die meisten davon geben ihr Biennale-Debüt. Sie stammen aus Mexiko, Argentinien, Brasilien, Nigeria, dem Irak, Ägypten, Afrika, Indien, dem sogenannten globalen Süden. Der offen queer lebende Pedrosa ist der erste lateinamerikanische Hauptkurator in der 129-jährigen Geschichte der weltberühmten und -bedeutenden Kunstschau. Sein Blick auf das Überall-Fremde will nicht weniger als die westliche Kunstgeschichts- und Kunstgegenwartsdominanz um- und überschreiben. Derweil hat mit dem neuen Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco auch bei der Biennale selbst ein neues Kapitel begonnen.

Der TV-Journalist und Rechtspopulist ist der Wunschkandidat der rechten italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Auch das kein gutes Omen für die Mutter aller Biennalen. Am Dienstagnachmittag dann: Gewitter.

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