72. Berlinale
Encounters-Preise gehen nach Österreich und in die Schweiz
„Encounters“, also „Begegnungen“, heißt die neue Sektion, die Carlo Chatrian, der künstlerische Berlinale-Leiter, bei seinem Amtsantritt ins Leben rief. Im nunmehr dritten Jahrgang begannen sich die Konturen zu schärfen, das Konzept wurde sichtbarer als noch zur Premiere 2020. Jenseits konventioneller Vorstellungen von Kino lässt die Reihe experimentierfreudige Werke miteinander kommunizieren, die in anderen Sektionen ins Abseits rutschen würden.
Im Rampenlicht eines zweiten offiziellen Wettbewerbs fordern die Filme das Publikum zu einem besonders intensiven Dialog heraus. Wer die erzählerischen Leerstellen nicht durch hohe Aufmerksamkeit und eigenes Mitdenken füllt, verläuft sich schnell in einem Terrain, das dem Kino neues Land zu erobern verspricht. Die Preisträger kamen in diesem Jahr aus Österreich, der Schweiz und Frankreich.
Die Uhrmacherinnen
Eine Uhrenfabrik im Schweizer Jura im Jahr 1877. Tief gebeugt, mit Lupen ans Auge geklemmt, sitzen die Arbeiterinnen und Arbeiter vor winzigen Rädchen, Schräubchen und Federn. Sie stellen etwas her, das der industriellen Zeit bis heute den Takt vorgibt. Ohne eine Uhr an seinem Handgelenk wird der moderne Mensch nicht mehr auskommen – davon ist der Direktor überzeugt. Was Zeitdruck bedeutet, erfahren die Beschäftigten ironischerweise am eigenen Leib. Neben ihnen steht der Vorarbeiter im weißen Kittel und misst die Sekunden eines jeden Arbeitsschritts mit der vermutlich im eigenen Haus gefertigten Stoppuhr. Wer zu langsam ist, wird ausgemustert. Die Taylorisierung und das später erfundene Fließband lassen grüßen.
Regisseur Cyril Schäublin, selbst Spross einer Uhrmacherfamilie, fängt seine auf realen Geschehnissen basierende Erzählung „Unrueh“ in kunstvoll komponierten, statischen Szenen ein. Meist steht die Kamera in weiter Entfernung. Die bühnenhafte Gruppierung rückt die handelnden und sprechenden Personen auf merkwürdige Weise in den Hintergrund – ein höchst ungewöhnliches Stilprinzip. Im Filmgespräch mit Carlo Chatrian erklärt der Schweizer Regisseur seine ästhetische Entscheidung mit dem Verfremdungseffekt. Trotz historischer Kostüme wollte er keinen reinen Geschichtsfilm über die anarchistische Arbeiterbewegung im Uhrmachertal Saint-Imier und die Begegnung mit deren späterem Vordenker Pjotr Kropotkin drehen. Aber die auffällige Stilistik dient auch einem anderen Zweck. Sie setzt dem mehrdeutigen Begriff „Unruhe“, der für das technische Herzstück einer Uhr, für die aufkommende Protestbewegung und für das moderne Zeitempfinden steht, eine wunderbare Ruhe entgegen. Dafür verlieh die dreiköpfige Jury den Preis für die beste Regie.
Geschichte zweier Brüder
Das Aufbrechen geradliniger Erzählungen teilte „Unrueh“ mit der Mehrzahl der 15 Spiel- und Dokumentarfilme im Encounters-Wettbewerb. Statt einer Geschichte standen oft Collagen im Mittelpunkt, Stimmungsbilder und essayhafte Reflexionen. Die formale Bandbreite reichte von surrealer Traumlogik über Amateurbilder bis hin zu strengen Tableaus. Inhaltlich jedoch begegneten sich die Filme in einem zentralen Motiv: Das Prinzip des Dialogs zog sich wie ein roter Faden durch das Programm. Sei es die Kommunikation einer Tochter mit ihrer sterbenden Mutter („Zum Tod meiner Mutter“ von Jessica Krummacher), die Verständigung einer gehörlosen Boxerin mit ihrem Trainer („Small, slow, but steady“ von Shô Miyake), der filmische Brief eines Vaters an seine Tochter („Coma“ von Bertrand Bonello) oder die heilsame Begegnung zweier traumatisierter Frauen („Father’s Day“ von Kivu Ruhorahoza).
Dokumentarisch geerdet und zugleich poetisch überhöht war das Porträt zweier Zwillingsbrüder des Russen Alexander Zolotukhin. „Brother in Every Inch“ gehörte zu den vergleichsweise konventionellen Beiträgen, bestach aber durch den Kontrast seiner zärtlichen Machart zur Härte seines Settings. Von dokumentarischer Genauigkeit unterfüttert, begleitet der Film die Ausbildung zweier angehender Kampfpiloten. Die Innigkeit der Brüder, die herumtollen wie junge Hunde, verträgt sich nicht mit der Disziplin der Aufgabe, der sich die technikbegeisterten Jungs mit Inbrunst stellen wollen. Dazu müssten sie das enge Band zerreißen, das die Kamera mit bestechender Sensibilität umschmeichelt. Im Kampfjet kann neben dem Ausbilder nur einer der Brüder sitzen. Und jedes Mal, wenn der andere startet, bricht es dem am Boden Bleibenden das Herz: eine körperlich-sinnliche Reflexion über den universellen Konflikt zwischen Bindung und Autonomie.
Identität und Herkunft
Ebenfalls realitätsnah, aber mit herzerfrischender Improvisationsfreude ging die jüngste Regisseurin der Reihe ihren Film „Sonne“ an. Die Österreicherin Kurdwin Ayub (Jahrgang 1990) erzählt lustig, frech und unbekümmert von einer jungen Frau, die ein ähnliches Lebensgefühl ausstrahlt wie die Regisseurin selbst. Die aus einer kurdischen Familie stammende Yesmin fühlt sich in Wien genauso heimisch wie ihre beiden Freundinnen, eine „Halbjugoslawin“ und eine „echte“ Hauptstadtpflanze. Dass Yesmin Kopftuch trägt, tut ihrem freiheitlichen Lebensgefühl ebenso wenig Abbruch wie der Freundschaft mit den Haar zeigenden Mädchen. Die finden den Hijab einfach nur cool und binden sich ebenfalls einen um. Gemeinsam tanzen sie verschleiert zum Song „Losing my Religion“ und filmen den irren Spaß. Als das Video online geht, wird die witzige Inszenierung zum Hit. Dummerweise bleibt es nicht bei der spielerischen Leichtigkeit, der Kurdwin Ayub in ihrem Plädoyer für einen unverkrampften Umgang mit Identität und Herkunft nachtrauert. Ihr von Ulrich Seidl produzierter Erstling wurde sektionsübergreifend als bestes Debüt der Berlinale ausgezeichnet.
Der Preis für den besten Encounters-Film ging ebenfalls nach Österreich. In ihrer Dokumentation „Mutzenbacher“ spielt Ruth Beckermann mit der schon vor „Me too“ berüchtigten Besetzungscouch. Sie lässt auf ihr ausschließlich Männer Platz nehmen und dreht so die gängigen Machtverhältnisse um. Zu einem Casting werden Teilnehmer zwischen 16 und 99 Jahren eingeladen, die bei einer Verfilmung des anonym erschienenen Pornobuchs „Josefine Mutzenbacher oder die Geschichte einer Wienerischen Dirne“ mitwirken wollten. Die Männer lesen Auszüge aus dem schlüpfrigen Text, allein, zu zweit oder zu viert auf der rosa geblümten Couch. Sie beantworten Fragen zu ihrer Sexualität, lassen sich zu Spielszenen animieren oder skandieren im Chor Dialektausdrücke für Geschlechtsteile. Das ist offensichtlich ein Spaß für die Regisseurin, die sich zur Provokation bekennt und Antworten nach ihrer eigenen Haltung zum Text ganz bewusst verweigert. Jedenfalls schafft sie es, Männer über Fantasien zum Reden zu bringen, die sie sonst gern verschweigen.
Zwei alte Männer
Über ganz andere, nämlich hochgeistige Dinge reden zwei betagte Männer in der Dokumentation „À vendredi, Robinson“ von Mitra Farahani. Die iranisch-französische Filmemacherin wollte eigentlich die Kinolegende Jean-Luc Godard (91) und den iranischen Schriftsteller und Filmregisseur Ebrahim Golestan (99) zu einem persönlichen Treffen überreden. Aber Godard bevorzugte einen virtuellen Austausch. Jeweils an einem Freitag schickt er kurze Texte, Bilder oder kleine Videos per E-Mail aus seinem engen Häuschen am Genfer See an seinen Kollegen. Eine Woche später antwortet Golestan in seinem schlossartigen Herrenhaus im englischen Sussex. Der Zuschauer versteht Godards Botschaften genauso wenig wie der iranische Intellektuelle.
Aber Mitra Farahani schafft es mit filmischen Mitteln, zwei sehr alte Künstler, die sich eigentlich wie Planeten in ihren jeweiligen Umlaufbahnen bewegen, zusammenzubringen. Ihre Bahnen kreuzen sich nun . Dafür gab es den Spezialpreis der Jury.