Popgeschichte
„Deutschland – zwölf Punkte“: Sängerin Nicole im Interview
Vor 40 Jahren haben Sie sensationell den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewonnen, heute als Eurovision Song Contest (ESC) bekannt. Noch nie zuvor hatte ein Lied so viele Punkte erhalten, noch nie war der Vorsprung auf den Zweitplatzierten so groß. Und es war nach „Merci Chérie“ 1966 von Udo Jürgens der erste deutschsprachige Siegertitel des Wettbewerbs. Wird das am Sonntag bei Ihnen gefeiert?
Mit Ralph Siegel, der das Lied geschrieben hatte, telefoniere ich heute noch jede Woche, und wir werden am Sonntag ganz sicher eine Video-Schalte machen.
Wie kam der Kontakt des damals 16-jährigen Mädchens aus der saarländischen Provinz mit dem erfolgreichen Schlager-Produzenten Ralph Siegel überhaupt zustande?
Mein Entdecker war eigentlich der Musikproduzent und Komponist Robert Jung, ein langjähriger Freund von Ralph Siegel. Der hat mich bei einem Liederfestival in Schwäbisch-Hall auf Schloss Hornberg gehört. Ich hätte da eigentlich auftreten sollen, was dann aber doch nicht geklappt hat. Irgendjemand hatte sich da wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt. Ich war damals mit meinem Großvater und dessen Freundin bei dem Festival, und er wollte nicht einfach unverrichteter Dinge wieder zurück fahren. Also habe ich bei ihm am Tisch zur Gitarre unter anderem Lieder von Joan Baez gesungen, auch „Streets of London“ oder „House of the Rising Sun“. Als das Robert Jung gehört hat, hat er mich eingeladen in sein Haus nach München, wo ich im Juli 1980 Vertretern der Plattenfirma Emi das Lied „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“ vorsang, ein Lied, das Robert für mich schon in der Schublade hatte. Aber die Emi-Leute haben mich abgelehnt.
Jung war darüber so wütend, dass er mit mir noch am gleichen Tag zu Ralph Siegel gegangen ist. Der hat keine zehn Sekunden gezögert und mir sofort einen Vertrag zur Unterschrift vorgelegt. Und zwei Jahre später haben wir zusammen Musik-Geschichte geschrieben.
Hatte Siegel „Ein bisschen Frieden“ eigens für Sie geschrieben?
Ja. Er hatte bei all der militärischen Aufrüstung in Europa die Vision, ein Friedenslied machen zu müssen. Und dann kam ich als Mädchen vom Land, so jung, so unverdorben. Das passte. Ich bekam dann diese Gitarre, die ja nicht zufällig weiß war. Auch sie sollte ein Symbol des Friedens sein. All das waren Details, an die Ralph Siegel auch heute noch bei seiner Arbeit denkt. Übrigens hatte er damals auch mein Kleid entworfen. Das Problem anfangs war, dass sich der Text irgendwie nicht richtig reimte, die Silbenzahl passte nicht. Aber am Schluss war es uns egal. Es ist zwar inhaltlich nicht 100-prozentig korrekt, da es ja ein bisschen Frieden eigentlich nicht gibt.
Aber das haben wir in Kauf genommen, obwohl es natürlich ein paar Superschlaue gab, die nur dieses grammatische Problem gesehen haben, statt sich zu freuen, dass Deutschland nach 27 Jahren zum ersten Mal den Grand Prix gewonnen hat. Aber der Erfolg hat uns Recht gegeben, die Botschaft ist angekommen und wie man heute mit Blick auf die Ukraine sieht, ist sie aktueller denn je.
Aber hätten Sie mit dem Lied heute noch eine Chance, so wie der Wettbewerb inzwischen daherkommt?
Jeder hat eine Chance. Es kommt einfach darauf an, dass man zum richtigen Zeitpunkt das richtige Lied bringt. Kritisch ist aber die Zahl der Länder. Früher waren es 18, heute sind es über 40. Man hat die ganzen Länder des ehemaligen Ostblocks hinzubekommen, die sich gegenseitig die Punkte zuschustern. Das ist ein Faktor, den man gar nicht berechnen kann. Außerdem fehlen mir in dem Wettbewerb mittlerweile die Persönlichkeiten – es ist alles so uniform geworden, alle sind blond und haben kurze Röckchen an, und dann fliegen irgendwelche Tücher durch die Gegend oder aus langen Kleidern werden plötzlich kurze. Es wird also sehr viel mehr Wert auf Show-Effekte gelegt als auf das, um was es eigentlich gehen sollte – also um ein Lied, einen guten Text, eine Performance, eine Botschaft, die einen erreicht.
Stimmt es, dass Sie damals Angst vor dem Sieg hatten?
Ja, denn ich hatte natürlich gemerkt, was da in der Luft lag. Wenn die Putzfrau bei der Probe den Eimer zur Seite stellt und sich hinsetzt, um andächtig zu lauschen, dann ist das schon ein erstes Zeichen. Dann sind die Wetten plötzlich nach oben geschossen. Und so war ich auf dem Weg zur Bühne wohl sehr in mich gekehrt und habe gedacht, wenn ich jetzt alles versaue, dann würde alles so bleiben wie es ist, dann würde ich nicht mehr hin und her geschubst werden, ich könnte wieder normal in die Schule gehen, hätte meine Freunde, meine gewohnte Umgebung. Alles Vertraute, was mir so angenehm war, würde bleiben. Bei einem Sieg würde alles anders. Mein ganzes Leben würde sich ändern – und ob ich das wollte, wusste ich in dem Moment nicht. Ralph Siegel hat mir dann zugesprochen, und so waren die letzten Meter bis zur Bühne eine gedankliche Umkehr: „Du hast jetzt die verdammte Pflicht, für dein Land das Beste zu geben, und du wirst sie umhauen.“
Würden Sie heute noch einmal beim Eurovision Song Contest mitmachen?
Nein. Ich kann mich ja nicht mehr verbessern. „Ein bisschen Frieden“ ist so unangreifbar. Dieses Lied steht fest wie ein Monument, da kommt kein anderes Lied ran, das hat so eine riesige Botschaft gehabt in einer Zeit, in der die Leute sich im Kalten Krieg nichts sehnlicher gewünscht haben als Frieden. Zumal ausgerechnet an dem Abend, an dem ich damit den ESC gewonnen habe, auch noch der Falkland-Krieg ausbrach. „Ein bisschen Frieden“ ist ein Jahrhundertlied.
Wie haben Sie damals als 17-Jährige diesen ganzen Trubel bei dem Wettbewerb erlebt?
Da hat mir das Alter in die Hände gespielt. Ich war ganz unbefangen. Andererseits bin ich ja auch nicht ins kalte Wasser geworfen worden, denn ich mache schon seit meinem vierten Lebensjahr Musik und hatte schon zuvor bei vielen Wettbewerbe mitgemacht. Ich bin da also nicht als Frischling auf die Bühne gegangen. Man weiß zwar, dass an diesem Abend 750 Millionen Menschen zuschauen, aber in dem Moment, wenn man auf die Bühne geht, ist man sich dessen gar nicht bewusst. Es sind dann einfach nur drei Minuten, die dein ganzes Leben verändern können.
Hatten Sie einen Plan B, wenn der Erfolg ausgeblieben wäre?
Ich hatte ja ein Jahr zuvor mit meiner ersten Schallplatte „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“ schon einen riesigen Erfolg. Das Lied ging in den Charts hoch bis auf Platz zwei, wobei ich auch ganz viele internationale Stars hinter mir gelassen habe. Der Grundstein für eine musikalische Karriere war dadurch schon gelegt. Ich wäre also meinen Weg weiter gegangen – aber mit einem Sieg beim ESC im Rücken öffnen sich natürlich Türen und Tore.
Sind Sie als deutsch singende Künstlerin textlich nicht besonders gefordert, denn über englische Texte lässt es sich leicht hinweghören, weshalb auch nahezu jeder Unsinn akzeptiert wird?
Ja, wir können nicht einfach so blabla singen, sonst landen wir gleich irgendwo in dieser ganz schlimmen Schlagerecke. Deshalb müssen wir uns viel viel mehr Gedanken machen, was die Wortwahl betrifft – aber das ist möglich, wie man hoffentlich an meinen Liedern sieht. Würde ich Englisch singen, bekäme es bestimmt das Etikett Rock/Pop.
Aber das ist wohl Ihr Schicksal, dass Sie einmal in diese Schlagerschublade gesteckt wurden und dort nun Ihr Leben lang ausharren müssen, während vieles von dem, was heute als deutschsprachiger Pop gepriesen wird, eigentlich reinster Schlager ist?
Genau. Ich wehre mich nun schon seit über 40 Jahren gegen dieses Schubladendenken, weil ich mich dadurch eingeengt fühle. Ich möchte gerne in verschiedene Richtungen Musik machen, möchte experimentieren – und wenn dann mal kein Schlager dabei herauskommt, läuft es trotzdem unter Schlager. Ich habe mal sechs richtig poppige Titel in Englisch aufgenommen und Ralph Siegel ging dann mit diesen Songs zu einem bekannten Radioredakteur. Der war total begeistert – wollte wissen, wer denn diese tolle junge Frau ist. Doch als er hörte, dass ich da singe, sagte er, dass er die Songs unter diesen Umständen nicht spielen könne.
Dann hätten Sie sich durch einen Künstlernamen eine zweite Identität verschaffen müssen.
Daran hatte ich tatsächlich auch schon gedacht.
Haben Sie dennoch in den vergangenen Jahren davon profitiert, dass deutsche Texte so populär geworden sind?
Natürlich. Wenn man sich die Charts vor 30 Jahren ansieht, wird man unter den Top-100 vielleicht zehn deutsche Titel finden. Heute sieht das ganz anders aus – da hat sich das Blatt gewendet. Und das ist eine Entwicklung, die mir sehr gefällt.
Sehen Sie sich da auch als Opfer des Formatradios der vergangenen 40 Jahre? Davor wurden ja die Rolling Stones, Led Zeppelin, Udo Jürgens, Roy Black und Nicole vom gleichen Sender im gleichen Programm gespielt.
Eigentlich schon. Und selbst Sender, die bis vor Kurzem noch deutschsprachige Lieder gespielt haben, spielen jetzt mehr und mehr englische Oldies. Gerade weil heute Leute wie Helene Fischer, Andrea Berg oder Semino Rossi mit ihrer Musik in die Charts von Null auf Eins einsteigen, verstehe ich die Entscheidung der Sender nicht, stattdessen zum Beispiel Oldies von Cliff Richard, Harpo oder den Carpenters zu spielen.
Termine
Nicole ist live zu erleben am 13. Mai in Kusel, in der Fritz-Wunderlich-Halle; am 14. Mai in Saarlouis, im Theater am Ring; dann am 20. Oktober in Pirmasens, in der Festhalle, am 21. Oktober in St. Wendel, im Saalbau, am 22. Oktober in Homburg, im Saalbau, und schließlich am 23. Oktober in Kirchheimbolanden, in der Stadthalle.
Karten: www.kultopolis.com
Zur Person: Nicole
1964 im Saarland geboren, ist die Sängerin ihrer Heimat bis heute treu geblieben – trotz des großen Erfolges, den sie spätestens mit ihrem Lied „Ein bisschen Frieden“ auch international hatte. Das Lied wurde weltweit und in mehreren Sprachen über fünf Millionen Mal verkauft, war sogar in den englischen Charts auf Platz eins. Mit „Ich hab’ dich doch lieb“ hatte sie 1983 ihren dritten Top-10-Hit, ehe es in den Charts ruhiger um sie wurde. Dennoch war Nicole stets präsent, gibt Konzerte und nimmt regelmäßig neue CDs auf – zuletzt 2019 das Album „50 ist das neue 25“ mit acht Liedern, die ihre Heinz Rudolf Kunze geschrieben hat.