90. Geburtstag
Der Weltstar aus Deutschland: Caterina Valente wird 90 Jahre alt
Wir reden über eine Zeit, als das deutsche Unterhaltungsfernsehen noch in den Kinderschuhen steckte. Bleiern lastete die Spießigkeit der Adenauer-Ära auf jeder Lebensfreude, von der man auf den Fotos der Elterngeneration spürt, dass sie mehr gezwungen als wirklich empfunden war. Es war stinklangweilig in diesem Land, und der Fernsehsamstagabend präsentierte passgenau das Richtige zu Wurststulle und Flaschenbier. Hauptsache gut gegessen.
Striptease auf dem Nierentisch
Es war die Sehnsucht, sich aus diesem Mief herausträumen zu können, die dem deutschen Schlager zu seinen Erfolgen verhalf. Auch Caterina Valente bediente diesen Exotismus, allein schon in den Namen der Projekte, die sie zusammen mit ihrem Bruder Silvio Francesco umgesetzt hat. „Club Indonesia“ oder „Club Honolulu“ konnten diese heißen. Und die musikalischen Ergebnisse, die in Deutschland Top-Platzierungen in der Hitparade erzielten, hatten Titel wie „Steig in das Traumboot der Liebe“ (1956) oder auch „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“ (1960). Das klingt wie der eher lächerliche Versuch, auf einem Nierentisch einen Striptease zu tanzen.
Schlager auch für Intellektuelle
Jedenfalls war es nicht das, was Caterina Valente musikalisch vor allem reizte. Aber sie war eben damit erfolgreich. Entdeckt jedoch wurde sie als Jazz-Interpretin, und – späte Gerechtigkeit – ein Ende der 1980er in Italien aufgenommenes Jazz-Album sollte ihr weltweit meist verkauftes werden. Das hatten die US-Amerikaner schon viel früher erkannt. Sie wurde in New York ebenso gefeiert wie in Las Vegas, trat in Fernsehshows mit Dean Martin, Ella Fitzgerald, Louis Armstrong oder auch Rock’n’Roller Bill Haley auf. Das bekam man dann auch in der Heimat mit – zeitweise wohnte Valente in Oberflockenbach im Odenwald, ihre Villa dort steht noch –, so dass das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ihr im April 1955 die Titelgeschichte widmete. Einer Schlagersängerin? Aber einer ganz besonderen, wie ihr damaliger Agent Lorenz K. W. Reich in dem Artikel betont: „Mit Caterina Valente haben wir endlich auch in Deutschland eine Sängerin von dem Niveau, das etwa in Frankreich durch die besten Vertreter des Chansons oder in Amerika durch die eigentlichen Könner des Songs garantiert ist. Schlager, wie die Valente sie singt, sind auch für das intellektuellste und anspruchsvollste Publikum akzeptabel.“
Wahre Kosmopolitin
Was Caterina Valente zum Weltstar weit über den deutschen Fernsehsessel-Horizont hinaus macht, ist ihre im besten Sinne Weltläufigkeit. Sie ist eine Kosmopolitin durch und durch, besitzt neben der italienischen und deutschen auch noch die französische Staatsbürgerschaft, Sie spricht sechs Sprachen fließend (Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Französisch und Schwedisch) und hat in ihrem langen künstlerischen Leben, das sie 60 Jahre lang auf den Bühnen dieser Welt verbrachte, 1500 Songs in 13 Sprachen gesungen. Für so jemanden greift der Begriff „deutsche Schlagerkönigin“ tatsächlich zu kurz. Ihr Spitzname „Caterina die Große“ dagegen ist da schon zutreffender.
Das musikalische, ja das Entertainer-Talent war ihr und auch ihrem Bruder von den Eltern in die viel beschworene Wiege gelegt worden. Der Vater spielte professionell Akkordeon, die Mutter war ein berühmter Musikclown. Caterina stand so schon mit fünf Jahren erstmals auf der Bühne und konnte folglich mit gerade mal 30 Jahren ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum feiern.
Grandioses Multitalent
Man könnte sie gut und gerne auch als Universalgenie der Unterhaltung bezeichnen, mindestens aber als grandioses Multitalent. Also als das, was man eine perfekte Entertainerin nennen kann, was auch das deutsche Fernsehen, wo sie mit „Bonsoir, Katrin“ bereits 1957 ihre erste eigene Show erhielt, erkannte. Später folgten ebenso erfolgreiche Formate im italienischen und im Schweizer Fernsehen.
Es gab so ziemlich nichts, was sie nicht auf der Bühne konnte. Sie war Sängerin, Schauspielerin, Tänzerin, Gitarristin, Artistin. Und es gab kaum ein Musikgenre, in dem sie sich nicht wohlfühlte: Jazz, Schlager, Musical, Pop und Bossa Nova. Letztere in den 1950er Jahren in Brasilien erfundene Mischung aus Samba und Jazz hat Caterina Valente im Grunde als erste nach Europa gebracht. Und hinreißend interpretiert.
Perfekte Unterhaltung aus dem Stand
In Deutschland aber feierte man sie vor allem wegen „Ganz Paris träumt von der Liebe“ (1954) oder „Spiel noch einmal für mich, Habanero“ aus dem Jahr 1960. Und vielleicht auch für Filmproduktionen wie „Mannequins für Rio“ (1954). Der aus dem Jahr 1972 stammende Song „Jeder hat ein Recht auf Liebe“ wurde zwar kein Erfolg, ist aber doch eine Besonderheit, schließlich interpretierte die Valente mit dem Lied eine Komposition eines gewissen Peter Maffay, der ja selbst auch mit Schlager angefangen hat. Böse Zungen behaupten, er habe damit auch konsequent weitergemacht.
Da hatte man jenseits des Großen Teichs tatsächlich mehr Gespür für perfekte Unterhaltung, denn auch dies war Caterina Valente: eine Perfektionistin, der man nachsagte, dass sie bei Studioaufnahmen immer nur einen einzigen Take brauchte. Der nämlich war im Regelfall schon perfekt gelungen. Um nochmals aus dem „Spiegel“ zu zitieren, der ihr 1964 eine weitere Geschichte widmete: Darin kommt der amerikanische Musikkritiker Jack O’Brian folgendermaßen zu Wort: „Sie ist einfach der beste weibliche Unterhaltungsstar der Welt.“ Dem ist dann auch nichts mehr hinzuzufügen.