Sommererzählreihe „Wetterleuchten“ RHEINPFALZ Plus Artikel Der Klang des kleinen Glücks: Von Pola Schlipf

„Das gleichmäßige Dahingleiten des Zuges, der sie nach Norden bringen sollte, ließ sie nicht ruhiger werden.“
»Das gleichmäßige Dahingleiten des Zuges, der sie nach Norden bringen sollte, ließ sie nicht ruhiger werden.«

Sommer heißt, das Erzählen beginnt. Jetzt im 28. Jahr gibt es die RHEINPFALZ-Serie mit Kurzgeschichten, geschrieben von Autorinnen wie Monika Rinck , Joachim Geil oder Monika Geier – und Journalisten unserer Zeitung. Heute schreibt RHEINPFALZ-Journalistin Pola Schlipf.

Ihr Rücken schmerzte, ihr Kopf schmerzte, ihr Herz schmerzte. Das gleichmäßige Dahingleiten des Zuges, der sie nach Norden bringen sollte, ließ sie nicht ruhiger werden wie einige ihrer Mitreisenden, vielmehr war es so, als ob auch ihr Denken auf eine Schiene gesetzt worden sei und nun immer mehr Fahrt aufnahm, sich beschleunigte und sie unerbittlich auf sich selbst zurückwarf. Denn sie dachte an die Fehler, die sie machte. Es waren viele, obwohl sie sich so sehr bemühte, in allen Bereichen sorgfältig zu arbeiten. Manchmal schien es ihr, dass sie, je mehr sie danach strebte, alles richtig zu machen, nur umso mehr scheiterte. Auch wenn sie keine offensichtlichen Fehler machte, zeigte sich stets jemand unzufrieden, mit dem, was sie tat oder wie sie es tat. Das verursachte die Schmerzen – und führte unweigerlich zu weiteren Fehlern.

Sie sehnte sich danach, zu entspannen, dem Gedankenkreisen zu entkommen, einzuatmen, auszuatmen, und die Bilder, die vor ihrem inneren Auge entstanden, einfach wie die Landschaft, durch die sie fuhr, oder wie Wolken, vom Wind getrieben, vorüberziehen zu lassen. Aber an dieser Übung, die sie noch aus den lange zurückliegenden Yogastunden kannte, war sie noch jedes Mal gescheitert. Stets verfingen sich die Probleme erst recht in ihrem Kopf, je mehr sie versuchte, sie loszulassen.

Dabei wollte sie sich endlich einmal wieder frei fühlen, so frei wie als Kind, als der Tag schön war, wenn sie die Zeit verspielen konnte, wenn sie rennen und springen und sich verausgaben konnte, wenn sie nach Stunden am Wasser, in den Frottee-Trainingsanzug gekuschelt, von der abgestandenen Wärme des in der Sonne geparkten Autos umfangen wurde; als die Tage schön waren, die nach Grießbrei mit eingekochten Mirabellen schmeckten und die mit einer Geschichte endeten, die ihr Vater sich für sie ausgedacht hatte.

Aschfarbene Momente

Aber sie war kein Kind mehr, sie war nicht einmal mehr jung, auch wenn sie noch nicht alt war. Sie lag irgendwo dazwischen. Der Aufbruch der Jugend war schon vorbei, die Weisheit und Ruhe des Alters waren noch nicht erreicht. Vor ihr lagen, wenn sie dem Durchschnitt entsprach, ungefähr noch genauso viele Jahre wie hinter ihr. Aber ab jetzt, so dachte sie oft vor dem Spiegel, gräbt sich die Zeit in mein Gesicht ein, jeden Tag ein bisschen tiefer. Die Haut wird aschfarben, die Haare werden dünner, die Brüste schlaffer. Und ich mache Fehler.

In diesen Momenten fragte sie sich, was sie eigentlich konnte, was sie erreicht hatte: keine Kinder bekommen, keine Karriere gemacht, kein Patent angemeldet. Sie würde nichts hinterlassen, an das sich die Welt erinnerte. „You don’t even notice me go when I leave…“, hieß es in einem Lied und so würde es auch bei ihr sein, sie würde verschwinden, unbemerkt, spurlos.

Das pochende Herz

Und jetzt beherrschten auch noch Krankheit und Krieg die Welt, und im Frühling fiel der Schnee in so dicken Flocken, dass die Bäume unter ihrer kumulierten Last zusammenbrachen und auch den Wald wie ein Schlachtfeld aussehen ließen.

Ihr Herz pochte hart gegen ihre Brust, Hitze stieg in ihr auf, sie spürte das Pulsieren der Adern an ihrem Hals. Ihr Körper schien ihr auf einmal zu eng zu sein für all das, was da hochstieg. Aber diese Welle des Unwohlseins würde vorübergehen, abebben, das wusste sie. Kein Erregungszustand währte ewig, immer strebten die Systeme nach harmonischem Ausgleich, doch das latente Gefühl der Unruhe würde zurückbleiben, die Beklemmung, die Selbstzweifel, der Schmerz.

Ausflüchte ins Fiktive

Das Eintauchen in ein Buch, in einen Film, in die erfundene Geschichte eines anderen, in große Gefühle und heiße Küsse, in schwere Nöte und umso erlösendere Wendungen zum Guten brachten, das hatte sie bereits herausgefunden, nur kurzzeitig Entlastung, eine Art Ersatzglück. Es flammte am virtuellen Horizont auf wie ein Wetterleuchten, hell und irgendwie schön, zu fern, um ihr gefährlich werden zu können, gleichzeitig aber auch zu weit weg, um einen echten Widerhall in ihr auszulösen. Es war ein stummes Schauspiel, die Blitze erschienen wie Schlaglichter, die eine leere Szenerie beleuchteten, eine himmlische Bühne des Was-möglich-Wäre. Aber der Donner fehlte, der Schlag, der einen traf, wenn ein starkes Gefühl durch einen hindurchwallte.

Deshalb ließen sie diese Ausflüchte ins Fiktive nur noch ausgehöhlter in ihrem Alltag zurück. Das Gesehene oder Gelesene erzeugte erst recht eine Sehnsucht in ihr, deren Sog sie mehr und mehr ergriff und sie immer weiter nach unten zog. Je schöner die Episoden, desto hässlicher erschien ihr ihr eigenes Leben, desto unerfüllter ihre Träume. Sie wollte genauso schön sein, genauso dramatisch lieben, genauso happy enden. Aber so war das Leben, so war ihr Leben nicht.

Ein Schreck

Ihr Herz stolperte jetzt, setzte kurz aus, um danach das Versäumte durch einen Doppelschlag nachzuholen. Sie versuchte, den kleinen Schrecken, den ihr diese Arrhythmie einjagte, durch einen tiefen Atemzug zu vertreiben. Dazu schaute sie aus dem Fenster, sah, wie sich grün-silbrig wogende Wiesen und stramm aufrecht stehende Maisfelder abwechselten, langsam weniger wurden und nach und nach übergingen und sich in einen Vorstadtrain verwandelten, sah, wie stattdessen Häuser immer dichter und höher emporwuchsen. Je höher sie wurden, desto langsamer wurde der Zug, bis er schließlich ausrollte und ganz zum Stillstand kam an einem grauen Band aus Beton.

Um sie herum wurde nun aufgestanden, zusammengepackt, Gepäck von Ablagen gehievt und zum Ausgang gestrebt. Sobald die Türen sich öffneten, war es, als ob der Zug einen Schwall wuselnder Menschen ausspuckte, nur um gleich darauf einen neuen, frischen Schwall in sich aufzusaugen. Diese Menge strebte nun in die entgegengesetzte Richtung, wuchtete ihre Koffer und Taschen auf die Gitter und Netze über ihren Köpfen, verteilte sich auf die freigewordenen Sitze und richtete sich ein.

Ein leichtes Lächeln

Auch ihr gegenüber nahm, auf dem Sitz, der bislang frei geblieben war, jemand Platz. Sie musterte ihn kurz, ein Mann, mittelgroß, mittelalt, mittelgutaussehend. Er fing ihren Blick auf und nickte zum Gruß. Dann vertiefte er sich in den Inhalt seines Rucksacks, den er sich auf den Schoß gestellt hatte, verschwand fast darin, kramte ohne jede Hektik eine Weile herum, bis er offensichtlich fand, was er suchte und mit einem kleinen Abspielgerät, an dem ein langes Kopfhörerkabel hing, wieder auftauchte. Er stellte den Rucksack auf den Boden zwischen seinen Füßen und drückte sich die kleinen Stöpsel in die Ohren, schaltet ein und schloss die Augen. Was er hörte, schien ihm zu gefallen, denn nach einer Weile wurden seine Gesichtszüge ganz weich und ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Dieses selbstvergessene Versunkensein ließ ihn attraktiver werden, strahlender, schöner.

All das sah sie, weil sie ihn, obwohl sie es nicht wollte, die ganze Zeit über beobachtete. Sie schaffte es nicht, ihren Blick abzuwenden von diesem Fremden, der, mit jeder Minute mehr, den Eindruck vermittelte, ganz und gar in sich zu ruhen, mit sich und der Welt im Reinen zu sein, nichts weiter vom Leben zu wollen als hier zu sitzen, erfüllt von Musik.

Erfüllt von Musik

Erst als der Zug erneut Fahrt aufgenommen hatte, zwang sie sich, beinahe gewaltsam, woanders hinzuschauen. Zunächst richtete sie ihre Augen nach unten, doch, nachdem ihr Blick wieder unwillkürlich nach oben und zu ihm gewandert war, ihn gesucht hatte, drehte sie endlich ihren ganzen Körper zur Seite, dem Fenster zu. Wieder zogen Wiesen und Felder an ihr vorbei und sofort, als sei das ein vereinbartes Zeichen, setzte auch das Kreisen in ihrem Kopf wieder ein. Je schneller sie fuhren, desto rasender drehten sich ihre Gedanken, wurden immer düsterer, bis sie schließlich wie Blitze, die durch Wolken zucken, grell ihre Versäumnisse, ihr Versagen, ihr Scheitern aufscheinen ließen. Und diesmal war es kein stilles Spektakel an der Peripherie, sondern es steigerte sich zu einem brüllenden Gewitter, das sich direkt über oder vielmehr in ihr entlud, und das Donnern, das ihr einstürzendes Selbstvertrauen, ihre Selbstgewissheit, verursachte, dröhnte durch ihren Körper und ließ ihre Eingeweide vibrieren.

Mühsam nahm sie sich zusammen, versuchte, ihre Gesichtszüge, die ihr ob des inneren Kampfes zu entgleisen drohten, zu kontrollieren. Mit einer enormen Kraftanstrengung wandte sie sich schwer atmend daher vom Fenster ab und doch wieder ihrem Gegenüber zu. Sofort kam alles in ihr zur Ruhe. Es war, als ob sein Anblick ihr unaufhörliches Nachdenken zum Anhalten, ihren Selbstzweifel zum Verstummen bringen würde. Wandte sie sich ab, setzte das Kreisen wieder ein, schaute sie ihn an, schien sich etwas von seiner Zufriedenheit auf sie zu übertragen.

Das Angebot

Erschöpft sank sie tiefer in ihren Sitz, den Fremden jetzt bewusst fixierend. Eine Zeit lang trug der Zug sie so ruhig weiter. Dann aber schlug der Mann die Augen auf und sah sie, ohne Umschweife, direkt an. Vielleicht hatte er gespürt, dass sie ihn anstarrte, vielleicht war ihm dieses Ins-Visier-genommen-Werden lästig geworden. Doch sein Ausdruck, mit dem er sie nun seinerseits anschaute, hatte nichts Vorwurfsvolles. Im Gegenteil, das Lächeln, das sich beim Musikhören auf sein Gesicht gestohlen hatte, formierte sich neu und es galt diesmal alleine ihr. Mit einer lässigen Bewegung zog er den rechten Kopfhörer aus seinem Ohr, wischte ihn an seinem Hemdsaum ab, hielt ihn ihr hin und fragte freundlich: „Möchten Sie mithören?“

Sie war dermaßen perplex, dass sie wortlos zugriff, und noch ehe sie genau wusste, was sie tat, fingerte sie sich den kleinen Stöpsel in ihren Gehörgang. Leise drang daraus Musik hervor und in sie ein. Es waren zarte, sphärische Klänge, eine schwebende, sich mit leichten Variationen wiederholende Melodie, die sie mitnahm in einen Raum ohne Zeit, ohne Worte. „Schließen Sie die Augen“, forderte der andere sie auf, aber da hatten sich ihre Lider schon gesenkt und entgegen ihrer Erwartungen, dass gleich wieder das Kreisen einsetzen würde, blieben die Gedanken aus. Es war, als hielten die Töne sie fern. Nur die Musik durchströmte sie und tilgte für diesen Moment ihre Schmerzen. So saßen sie, einander unbekannt und doch durch mehr verbunden als durch ein Kabel, nämlich durch das Teilen eines klingenden Wohlgefühls.

Endstation Meer

Erst das Quietschen der Bremsen und die laute und eindringliche Durchsage des Schaffners „Endstation, bitte alles aussteigen!“ holte sie wieder zurück in die Gegenwart. Sie öffneten beide ihre Augen und schauten sich einen Moment lang an, sie voller Dankbarkeit, er mit der ihm eigenen Ruhe. Zu sagen gab es nichts. Dann straffte sie sich, gab ihm den Kopfhörer zurück und beide packten ihre Sachen zusammen. Als der Zug zum Stehen gekommen war, die Türen sich öffnete und sie ausstiegen, drehte sie sich, mit einem Fuß schon auf dem Bahnsteig, noch einmal zu ihm um und fragte zu ihrer eigenen Überraschung: „Wollen Sie sich vielleicht mit mir zusammen das Meer anschauen?“ „Gerne“, erwiderte er, ohne zu zögern und folgte ihr nach draußen.

Das Meer: „Es schien ihnen, als liefen sie auf einen glitzernden Teppich zu, der extra für sie dort ausgerollt worden war“.
Das Meer: »Es schien ihnen, als liefen sie auf einen glitzernden Teppich zu, der extra für sie dort ausgerollt worden war«.

Gemeinsam verließen sie den Bahnhof, überquerten den kleinen Vorplatz und liefen auf einer der Straßen, die hier alle zum Meer zu führen schienen, dem Strand entgegen. Und noch bevor sie den Durchgang durch die Dünen erreichten, sahen sie das Wasser. Endlos lag es unter einem von der untergehenden Sonne rot gefärbtem Himmel vor ihnen und es schien ihnen, als liefen sie auf einen glitzernden Teppich zu, der extra für sie dort ausgerollt worden war und dessen Ende jenseits des Horizonts lag. Und auch wenn sie wusste, dass es wahrscheinlich nicht dauern und dass der Schmerz sicherlich zurückkommen würde, ließ sie zu, dass dieses Leuchten auch sie erfüllte: kein Ersatz, nur Glück.

Zur Autorin

Pola Schlipf, RHEINPFALZ-Redakteurin in Kaiserslautern, 1977 geboren, früher Hürdenläuferin, heute schreibt, joggt, kocht und gärtnert sie gerne in ihrer Freizeit.

Unsere Autorin und Redakteurin Pola Schlipf.
Unsere Autorin und Redakteurin Pola Schlipf.
Mehr zum Thema
x