Graphic Novel RHEINPFALZ Plus Artikel Buch aktuell: Ein Thriller in düsteren Strichen – Frank Schmolke hat einen Fitzek gezeichnet

Schafft fast cineastische Bilder: Frank Schmolke
Schafft fast cineastische Bilder: Frank Schmolke

Der Münchner Zeichner Frank Schmolke hat Sebastian Fitzeks Bestseller-Thriller „Der Augensammler“ in eine Graphic Novel übertragen und mit seinem typischen Noir-Touch verfeinert.

Sonnenplätze sind ihm suspekt. Frank Schmolke weiß nur zu gut, dass es immer eine Kehrseite gibt. Lange genug ist der Zeichner und Illustrator in München Taxi gefahren, da lässt man sich nicht mehr blenden – seine Erlebnisse sind zum Beispiel in die Graphic Novel „Nachts im Paradies“ eingeflossen. Jetzt kommt es allerdings um einiges härter, denn der 54-Jährige ist im Thriller-Genre gelandet, konkret: im kruden Kosmos des Sebastian Fitzek.

Nach einer ziemlich freien Adaption der Netflix-Serie „Freaks“ 2020 hat sich Schmolke auch dieses Mal nicht wie bewährt am autobiografisch Inspirierten abgearbeitet, sondern an einem Bestseller. Und das hätte leicht ins Auge gehen können. Fitzek, der einen Band nach dem anderen raushaut und in einer Tour die Verkaufslisten anführt, zählt nicht unbedingt zu den Feinwerkern der Sprachkunst, und die Klischees tanzen Ringelreihen. Doch der sensible Zeichner hat aus dem „Augensammler“ von 2010 eine sehr eigene Version gezimmert. Übrigens mit dem Segen Fitzeks, was wiederum für den Autor spricht, dem manche „Sichtweise sogar besser gefiel als die eigene“.

Verblüffende Perspektivwechsel

Überraschend ist das nicht. Schmolke kreiert minuziös durchdachte Kulissen, wechselt auf verblüffende Weise die Perspektiven, und damit speist sich der Thrill lange nicht nur aus dem Verbrechen. Das ist so schaurig wie verquast: Ein Serienmörder geistert durch Berlin, tötet Frauen durch Genickbruch und entführt deren Nachwuchs. Werden die Kinder nicht in einer bestimmten Zeit gefunden – am Tatort liegt eine Stoppuhr –, entfernt ihnen der Psychopath ein Auge, um sie auch gleich umzubringen.

Der ehemalige Polizist Alexander Zorbach, der seine Brötchen mittlerweile als Boulevardreporter verdient, hat beruflich mit dem Fall zu tun und wird dabei selbst zum Verdächtigen. Zumal er meistens als Erster von einem neuen Mord des sogenannten Augensammlers berichtet hat. Schöne Schmolke-Zutat: Zorbach trägt Trench und Borsalino. Man muss natürlich an Humphrey Bogart als Privatdetektiv Marlow denken, und tatsächlich kokettiert der vom Leben gebeutelte Einzelgänger damit, „das Klischee einer Hollywoodfigur“ zu sein.

Moderne Medusa

Zorbach hat keine andere Wahl als auf seinem alten Hausboot unterzutauchen. Doch dort erwartet ihn bereits Alina, eine blinde Physiotherapeutin, die durch Berührung in die Vergangenheit eines Menschen blicken kann – und überzeugt davon ist, den Serienkiller in ihrer Praxis behandelt zu haben. Schmolke bleibt hier nah an Fitzek, der bei ihm sogar im Comic auftritt und die eigene Story als grauenhaft kommentiert. Wie wahr.

Wenn Schmolke dann aber seinen Helden Zorbach vom verschneiten Wald aus das verlassene Boot betrachten lässt und auf seine Weise Spannung aufbaut, wird klar, weshalb man diesem Zeichner selbst in Geschichten folgt, um die man sonst einen Bogen machen würde. Zudem trägt die kuriose Punk-„Seherin“ mit ihren starren Pupillen eine Mütze, die an das Schlangenhaar der Medusa erinnert. Auch Fitzek bedient sich in der griechischen Mythologie, auf die Idee mit der Mütze muss man freilich kommen. Aber Freaks sind Schmolkes Spezialität, sie geben diesem platten Plot den optisch gesteigerten Dreh ins Absurde.

Der Reporter und die Hellsichtige werden zum Ermittlergespann mit reizvollem Noir-Touch. Dabei gerät das ungleiche Duo auf einen actionprallen Horrortrip. Und gerade hier zeigt sich die Wirkmacht von Schmolkes Bildern. Denn wie vor allem das Kino immer wieder beweist, müssen Bücher nicht überragend sein, um brillante Adaptionen anzustoßen.

Lesezeichen

Sebastian Fitzek/Frank Schmolke: „Der Augensammler“; Splitter Verlag; 200 Seiten; 35 Euro.

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